Die Kirche im Zeichen der „Bewegung“

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 4. Februar.

Pope Francis' general audience
Papst Franziskus. Foto: Giorgio Onorati (ANSA)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das Evangelium des heutigen Sonntags fährt fort mit der Beschreibung eines Tages Jesu in Kafarnaum, eines Sabbats, des wöchentlichen Festtags der Juden (vgl. Mk 1,21-39). Dieses Mal hebt der Evangelist Markus die Beziehung zwischen dem wundertätigen Wirken Jesu und dem Erwachen des Glaubens in den Menschen, denen er begegnet, hervor. Denn mit den Zeichen der Heilung, die der Herr an Kranken aller Art vollbringt, möchte er als Antwort den Glauben hervorrufen.

Der Tag Jesu in Kafarnaum beginnt damit, dass er die Schwiegermutter des Petrus heilt, und endet damit, dass sich die Menschen aus der ganzen Stadt vor dem Haus, in dem er wohnt, zusammendrängen, um ihm alle Kranken zu bringen. Die von körperlichen Leiden und geistlicher Not gezeichnete Menge stellt sozusagen das „lebendige Umfeld“ dar, in dem sich die Sendung Jesu vollzieht, die aus Worten und Gesten besteht, welche heilen und trösten. Jesus ist nicht gekommen, um das Heil in ein Labor zu bringen; er predigt nicht wie in einem Labor, ohne Bezug zu den Menschen: er ist mitten in der Menge! Mitten unter dem Volk! Denkt daran, dass sich der größte Teil des öffentlichen Lebens Jesu auf der Straße abgespielt hat, unter den Menschen, um das Evangelium zu verkünden, um die körperlichen und geistlichen Wunden zu heilen. Diese „Menge“, von der im Evangelium oft die Rede ist, ist eine von Leid durchfurchte Menschheit. Eine von Leid, Mühsal und Problemen durchfurchte Menschheit: an diese arme Menschheit richtet sich das machtvolle, befreiende und erneuernde Wirken Jesu. Auf diese Weise, inmitten der Menge, bis zum späten Abend, geht jener Sabbat zu Ende. Und was macht Jesus anschließend?

Vor Anbruch des nächsten Tages geht er ungesehen aus dem Stadttor hinaus und zieht sich an einen abgelegenen Ort zurück, um zu beten. Jesus betet. Auf diese Weise entzieht er seine Person und seine Sendung einer triumphalistischen Sichtweise, die den Sinn der Wunder und seiner charismatischen Macht missversteht. Denn die Wunder sind „Zeichen“, die zur Antwort des Glaubens einladen; Zeichen, die immer von Worten begleitet werden, die sie erhellen; und Zeichen und Worte zusammen rufen den Glauben und die Umkehr durch die göttliche Kraft der Gnade Christi hervor.

Der Schluss des heutigen Abschnitts (V. 35-39) zeigt an, dass der ureigenste Ort für die Verkündigung des Reiches Gottes durch Jesus die Straße ist. Und den Jüngern, die ihn suchen, um ihn wieder in die Stadt zu bringen – die Jünger waren an den Ort gegangen, an dem er sich befand, um zu beten, und wollten ihn in die Stadt zurückholen –, was sagt Jesus diesen Jüngern? „Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige“ (V. 38). Das war der Weg des Gottessohns und das wird der Weg seiner Jünger sein. Und es wird der Weg eines jeden Christen sein müssen. Die Straße, als Ort der frohen Verkündigung des Evangeliums, stellt die Sendung der Kirche unter das Zeichen des „Gehens“, des Weges, unter das Zeichen der „Bewegung“ und niemals der Unbeweglichkeit.

Möge die Jungfrau Maria uns helfen, offen für die Stimme des Heiligen Geistes zu sein, der die Kirche drängt, ihr Zelt unter den Menschen aufzuschlagen, um allen das erlösende Wort Jesu, des Heilers von Leib und Seele, zu bringen.

Nach dem Gebet des Angelus und vor den Grüßen an einzelne Gruppen auf dem Petersplatz sagte der Papst:
Liebe Brüder und Schwestern!

Gestern ist in Vigevano der junge Teresio Olivelli seliggesprochen worden, der 1945 im Lager Hersbruck für seinen christlichen Glauben getötet wurde. Er hat in der Liebe zu den schwächsten Menschen Zeugnis für Christus abgelegt und reiht sich ein in die große Schar von Märtyrern des letzten Jahrhunderts. Möge sein heroisches Opfer vor allem für die jungen Menschen ein Same der Hoffnung und der Geschwisterlichkeit sein.

Heute wird in Italien der „Tag für das Leben“ begangen, dessen Thema lautet: „Das Evangelium des Lebens, Freude für die Welt“. Ich möchte mich der Botschaft der Bischöfe anschließen und den verschiedenen kirchlichen Initiativen meine Wertschätzung und meine Ermutigung aussprechen, die auf viele verschiedene Weisen den Schutz des Lebens fördern und unterstützen, vor allem die „Bewegung für das Leben“, deren Vertreter ich hier begrüße. Sie sind nicht sehr zahlreich. Und das macht mir Sorgen; es sind nicht viele, die in einer Welt für das Leben kämpfen, in der jeden Tag mehr Waffen hergestellt werden, in der jeden Tag mehr Gesetze gegen das Leben verabschiedet werden, in der jeden Tag diese Kultur des Wegwerfens voranschreitet, diese Kultur, das wegzuwerfen, was man nicht brauchen kann, was stört. Ich bitte Euch: beten wir dafür, dass sich unser Volk in diesem Moment der Zerstörung und des Wegwerfens der Menschheit den Schutz des Lebens stärker ins Bewusstsein ruft.

Ich möchte die Bevölkerung von Madagaskar meiner Nähe versichern, die kürzlich von einem schweren Wirbelsturm getroffen wurde, der zahlreiche Opfer gefordert, Menschen heimatlos gemacht und riesige Schäden verursacht hat. Der Herr tröste sie und stehe ihnen bei.

Und nun eine Ankündigung: angesichts des tragischen Anhaltens von Konfliktsituationen in verschiedenen Teilen der Welt fordere ich alle Gläubigen zu einem besonderen Tag des Gebets und des Fastens für den Frieden am kommenden 23. Februar, dem Freitag der ersten Woche der Fastenzeit, auf. Wir werden ihn besonders für die Bevölkerung der Demokratischen Republik Kongo und des Südsudans anbieten. Wie bei anderen ähnlichen Gelegenheiten lade ich auch die nicht katholischen und nicht christlichen Brüder und Schwestern ein, sich dieser Initiative in einer Art und Weise anzuschließen, die sie für angemessen halten – aber alle gemeinsam.

Unser himmlischer Vater hört immer auf seine Kinder, die in Schmerz und Angst zu ihm rufen, „er heilt die gebrochenen Herzen und verbindet ihre schmerzenden Wunden“ (Ps 147,3). Ich möchte eindringlich dazu aufrufen, dass auch wir diesen Ruf hören und dass wir uns, jeder in seinem Gewissen, vor Gott fragen: „Was kann ich für den Frieden tun?“. Sicher können wir beten; aber nicht nur: jeder kann konkret „Nein“ zur Gewalt sagen, insoweit sie von ihm abhängt. Denn Siege, die mittels Gewalt errungen werden, sind falsche Siege; während die Arbeit für den Frieden für alle gut ist!

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller