Der Wahrheit ohne Abstriche gedient

"Den Glauben verkünden und Zeugnis für das ewige Leben ablegen": Im Wortlaut die Predigt von Pater Bernhard Gerstle, deutscher Distriktoberer der Petrusbruderschaft, im Rahmen des Requiems im Alten Ritus am Mittwoch, 19. Dezember, für den am 10. Dezember verstorbenen Robert Spaemann.

Requiem für Robert Spaemann
Robert Spaemann war es wichtig, dass bei seiner Beerdigung von einer Laudatio abgesehen wird. Foto: Marijan Murat (dpa)

Liebe Familie Spaemann, liebe Angehörige und Freunde des Verstorbenen, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, Geliebte im Herrn!

Der Tod unseres lieben Verstorbenen, Prof. Robert Spaemann, erfüllt uns mit Trauer und Schmerz. Zugleich ist sein Heimgang im gesegneten Alter von 91 Jahren aber auch verbunden mit Trost und Dankbarkeit. Durfte er doch im Kreis seiner Liebsten zu Hause sterben und mit den heiligen Sakramenten gestärkt seinen letzten Weg gehen.

Etliche der hier Anwesenden, die den Verstorbenen näher kannten, könnten an dieser Stelle viel Schönes und Erbauliches über ihn sagen oder aus seinem Leben berichten. In den Medien hat in zahlreichen Nachrufen sein Lebenswerk als Philosoph und Christ ein breites und großes Echo gefunden.

"Wer heimkehrt zu Gott, bleibt in der Familie!"

Doch unabhängig von seiner Person hat er stets die Auffassung vertreten, dass der letzte Abschied ganz der Gelegenheit gehören soll, den Glauben zu verkünden und Zeugnis für das ewige Leben abzulegen. Deshalb war es ihm wichtig, dass bei seiner Beerdigung von einer Laudatio abgesehen wird. Mir selbst gegenüber hat er das mehrmals betont und darum will ich diesen letzten Wunsch des Verstorbenen ganz im Einklang mit seiner Familie respektieren.

Vom heiligen Hieronymus sind die Worte überliefert: „Wer heimkehrt zu Gott, bleibt in der Familie!“ Unter dieser „Familie“ von welcher der Heilige spricht, verstehen wir als gläubige Christen nicht in erster Linie unsere Verwandten, sondern vor allem die Gemeinschaft der Seligen des Himmels, wie wir im Credo bekennen. Wenn wir darum von der Hoffnung auf ein Wiedersehen erfüllt sind, dann mit Blick auf diese Gemeinschaft in der Herrlichkeit Gottes.

"Lernen, wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden"

In seinen Gesprächen mit Stephan Sattler, erschienen in einem lesenswerten Buch unter dem Titel „Gott und die Welt“, kamen sie einmal auf die erste Frage des Katechismus zu sprechen: „Wozu sind wir auf Erden?“ Es ist die vielleicht wichtigste Frage überhaupt. Eine Frage, die sich eigentlich jeder Mensch stellen müsste, will er nicht ziel- und haltlos durch das Leben gehen. Eine Frage, auf die noch in der Jugendzeit von Robert Spaemann im Unterschied zu heute fast jeder gläubige Katholik die richtige Antwort geben konnte, die da lautet: „Wir sind auf Erden, Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen, um dadurch in den Himmel zu kommen.“

Spaemann erwähnt in diesem Gespräch mit Stephan Sattler die Antwort seiner bereits 2003 verstorbenen Frau Cordelia, die zwar auf das Gleiche hinausläuft, dem Ganzen aber nochmals einen eigenen Akzent verleiht: „Damit wir lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.“ Und er fügt als Ergänzung hinzu: Der Katechismus lehrt uns, was am Wichtigsten ist. Wichtig ist, was immer ist. Was immer ist, heißt: „Gott“. Und er zitiert eine Mahnung Jesu: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird euch dazu gegeben werden“ (Mt 6,33).

Der Abschied von einem geliebten Menschen ist immer auch eine Mahnung

Spätestens im Sterben wird Vielen bewusst, dass sie nicht oder zu wenig dieses Reich Gottes an die erste Stelle ihres Lebens gesetzt haben oder sogar falschen Göttern nachgelaufen sind. Bischof Emmanuel von Keteler (+1877) hat darüber gestaunt, dass es Menschen geben kann, die ein ganzes Leben auf Erden zubringen, ohne sich ernstlich die Frage gestellt zu haben, wozu sie denn eigentlich auf Erden sind.

Die Zahl der Christen, die an ein ewiges Leben glauben, ist seitdem deutlich kleiner geworden. Und erst recht die Zahl jener Katholiken, die noch die Lehre der Kirche über Himmel, Fegefeuer und Hölle teilen. Der Abschied von einem geliebten Menschen ist deshalb immer zugleich eine Mahnung an jene, die zurück bleiben, im Leben die richtigen Prioritäten zu setzen, sich bewusst zu sein, dass wir nur Pilger auf Erden sind und das Ziel unseres Lebens Gott selbst und der Himmel ist.

Ewiges Leben hält unfassbares Glück bereit

Warum glauben so wenige Christen den tröstlichen Verheißungen unseres Herrn und Heilands, der von den Toten auferstanden ist und vor seiner Heimkehr zu seinem himmlischen Vater versprochen hat, uns eine Wohnung im Himmel zu bereiten? Und warum verdrängen so viele Menschen den Gedanken an den Tod, der doch das Tor zum eigentlichen, ewigen Leben bedeutet? Hält doch dieses ewige Leben nach den Worten des heiligen Paulus ein so unfassbares Glück für uns bereit, dass es „kein Auge je gesehen, kein Ohr es gehört und in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“

Wenn wir den Glauben ernst nehmen und wenn wir bestrebt sind, vor allem aus Liebe die Gebote Gottes zu halten, brauchen wir keine Angst vor dem Sterben zu haben. Treffend fasst das der heilige Papst Johannes XXIII. in die Worte, noch als Patriarch von Venedig: „Ich habe mich so gut an den Gedanken meines Sterbens gewöhnt, dass er mir jetzt überhaupt keine Angst mehr bereitet. Denn ich weiß, dass der Himmel viel schöner ist als Venedig - was sicherlich auch auf Stuttgart zutrifft - und dass dort wirklich das ewige Fest des Lebens beginnen wird in der Begegnung mit unseren Lieben, die uns vorausgegangen sind und uns erwarten.“

"Das ewige Leben tragen wir durch die heilige Taufe in uns"

Im 17. Kapitel des Lukasevangeliums heißt es: „Das Reich Gottes ist in Euch!“ (Lk. 17,41) Das ewige Leben, Geliebte im Herrn, beginnt nicht erst mit dem Tod. Dieses ewige Leben tragen wir bereits durch die heilige Taufe in uns, auch wenn es sich erst nach unserem Tod entfaltet und zur Vollendung gelangt. Zahlreiche Theologen und Heilige gehen mit gutem Grund davon aus, dass es im Himmel eine fortschreitende Erkenntnis Gottes und der Wahrheit gibt, die nie an ein Ende kommt, die kein genug kennt und immer tiefer geht, weil Gott unendlich ist.

Daraus würde folgen, dass mit dieser fortschreitenden Erkenntnis Gottes auch unsere Liebe im selben Maße zunimmt, denn Liebe und Erkenntnis sind voneinander nicht zu trennen. Papst Benedikt XVI, den mit dem Verstorbenen nicht nur das gleiche Geburtsjahr, sondern auch eine lange Freundschaft verbunden hat, schreibt in seiner Enzyklika „Spe salvi“: “Ewigkeit ist das Eintauchen in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vorher und Nachher mehr gibt. Ewigkeit ist das Leben in Fülle, ein immer neues Eintauchen in die Weite des Seins, in dem wir von Freude und Glück überwältigt werden.”

"Der Katholik muss zum Christ werden"

Ein großer Mann der Kirche des 19. Jahrhunderts, den unser lieber Verstorbener besonders schätzte, der inzwischen selig gesprochene Kardinal John Henry Newman, sagte einmal: „Der Katholik muss zum Christ werden!“ Bei diesem Zitat sind viele erstaunt, weil es nach ihrem Verständnis heißen müsste: „Der Christ muss zum Katholik werden!“ Newman will damit zum Ausdruck bringen, dass der katholische Glaube, der nur im Taufbuch steht, wenig nützt, wenn er nicht zugleich unser Herz berührt, eine persönliche Freundschaft mit Christus begründet und damit eine nachhaltige Auswirkung auf unser Leben hat.

Der Widerstandskämpfer gegen das Naziregime, der im Februar 1944 ermordete Priester Alfred Delp hat geschrieben: „Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war, hat sein Leben einen Sinn gehabt.“

Wir tragen nun mit Robert Spaemann einen Mann zu Grabe, dem wir von Herzen dafür danken, dass er, beschenkt mit reichen Geistesgaben, im Lichte der Vernunft und des Glaubens der Wahrheit ohne Abstriche zu dienen suchte und sie aussprach, sei es gelegen oder ungelegen. Wir wollen jetzt bei der Feier des heiligen Messopfers und darüber hinaus für ihn beten, auf dass er bald die ewige Wahrheit selbst in der Herrlichkeit Gottes von Angesicht zu Angesicht schauen darf.

Amen.

Pater Bernhard Gerstle FSSP

DT

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