Der Heilige Geist ist ein Geist der Kindschaft

Die Welt braucht keinen Legalismus, sondern Fürsorge. Sie braucht Christen mit einem kindhaften Herzen. - Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 20. Juni.

Papst Franziskus
Papst Franziskus grüßt am 23.04.2013 vor seiner Generalaudienz auf dem Petersplatz in Vatikanstadt. Foto: Claudio Peri/dpa (+++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Claudio Peri (ANSA)

Vor der Audienz auf dem Petersplatz begrüßte der Papst die Kranken in der Aula Paolo VI.

Guten Tag!
Danke für diesen Besuch. Bevor ich auf den Platz gehe, wollte ich Euch begrüßen. Ihr werdet die Audienz auf dem Platz auf dem Großbildschirm verfolgen; wir werden alle vereint sein. Danke für diesen Besuch. Ich versichere Euch, dass ich für Euch bete, und bitte Euch, für mich zu beten. Jetzt möchte ich Euch dazu einladen, gemeinsam mit mir zur Gottesmutter zu beten.

Gegrüßet seist du, Maria…
[Segen]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Diese Audienz findet an zwei Orten statt: wir sind hier auf dem Platz, und in der Aula Paolo VI sind mehr als zweihundert Kranke, die die Audienz auf dem Großbildschirm verfolgen. Alle gemeinsam bilden wir eine Gemeinschaft. Begrüßen wir mit einem Applaus diejenigen, die in der Audienzhalle sind.

Am vergangenen Mittwoch haben wir mit einer neuen Katechesereihe über die Zehn Gebote begonnen. Wir haben gesehen, dass Jesus, der Herr, nicht gekommen ist, um das Gesetz abzuschaffen, sondern um es zu erfüllen. Doch diese Perspektive müssen wir noch besser verstehen.

In der Bibel existieren die Gebote nicht für sich selbst, sondern sie sind Teil eines Verhältnisses, einer Beziehung. Jesus, der Herr, ist nicht gekommen, um das Gesetz abzuschaffen, sondern um es zu erfüllen. Und es gibt diese Beziehung des Bundes [1] zwischen Gott und seinem Volk. Zu Beginn des Kapitels 20 im Buch Exodus lesen wir – und das ist wichtig -: „Dann sprach Gott alle diese Worte“ (V. 1).

Es scheint eine Eröffnung wie jede andere zu sein, doch nichts in der Bibel ist ohne Bedeutung. Im Text heißt es nicht: „Dann sprach Gott alle diese Gebote“, sondern es heißt: „diese Worte“. Die jüdische Tradition wird den Dekalog immer „die zehn Worte“ nennen. Der Begriff „Dekalog“ bedeutet genau das [2]. Und doch haben sie die Gestalt von Gesetzen, sind es objektiv Gebote. Warum also verwendet der Verfasser der Schrift gerade hier den Ausdruck „zehn Worte“? Warum? Und sagt nicht „zehn Gebote“?

Welcher Unterschied besteht zwischen einem Gebot und einem Wort? Das Gebot ist eine Mitteilung, die keinen Dialog erfordert. Das Wort hingegen ist das wesentliche Mittel der Beziehung als Dialog. Gott, der Vater, erschafft durch sein Wort, und sein Sohn ist das Wort, das Fleisch geworden ist. Die Liebe wird durch Worte genährt, und das gilt auch für die Erziehung oder das Zusammenwirken. Zwei Personen, die sich nicht mögen, schaffen es nicht, miteinander zu reden. Wenn jemand zu unserem Herzen spricht, dann endet unsere Einsamkeit. Wenn ein Wort empfangen wird, gibt es eine Mitteilung, und die Gebote sind Worte Gottes: Gott teilt sich in diesen zehn Worten mit und wartet auf unsere Antwort.

Es ist eine Sache, einen Befehl zu erhalten, und etwas anderes, wahrzunehmen, dass jemand versucht, mit uns zu reden. Ein Dialog ist weitaus mehr als die Mitteilung einer Wahrheit. Ich kann euch sagen: „Heute ist der letzte Tag im Frühling, ein warmer Frühling, aber heute ist der letzte Tag“. Das ist eine Wahrheit, das ist kein Dialog. Doch wenn ich zu Euch sage: „Was haltet Ihr von diesem Frühling?“, dann beginnt ein Dialog. Die Gebote sind ein Dialog. „Die Kommunikation kommt zustande aus Freude am Reden und um des konkreten Gutes willen, das unter denen, die einander lieben, mit Hilfe von Worten mitgeteilt wird. Es ist ein Gut, das nicht in Dingen besteht, sondern in den Personen selbst, die sich im Dialog einander schenken“ (Evangelii gaudium, 142).

Doch dieser Unterschied ist nichts Künstliches. Sehen wir uns an, was am Anfang passiert ist. Der Versucher, der Teufel, will den Mann und die Frau in folgendem Punkt täuschen: er will sie überzeugen, dass Gott ihnen verboten hat, die Frucht vom Baum der Erkenntnis von  Gut und Böse zu essen, um sie zu knechten. Die herausfordernde Frage ist gerade folgende: ist die erste Regel, die Gott dem Menschen gegeben hat, die Auflage eines Despoten, der verbietet und zu etwas zwingt, oder ist sie die Fürsorge eines Vaters, der sich um seine Kleinen kümmert und sie vor der Selbstzerstörung beschützt? Handelt es sich um ein Wort oder um ein Gebot? Die tragischste der verschiedenen Lügen, die die Schlange Eva erzählt, ist, dass sie ihr den Eindruck einer neidischen Gottheit vermittelt - „Aber nein, Gott ist neidisch auf euch“ -, einer  besitzergreifenden Gottheit - „Gott will nicht, dass ihr frei seid“. Die Tatsachen bezeugen auf dramatische Weise, dass die Schlange gelogen hat (vgl. Gen 2.16-17; 3,4-5), sie hat den Glauben vermittelt, dass ein Wort der Liebe eine Gebot sei.

Der Mensch steht vor diesem Scheideweg: erlegt Gott mir etwas auf oder sorgt er für mich? Sind seine Gebote nur ein Gesetz oder enthalten sie ein „Wort“, um Sorge für mich zu tragen? Ist Gott ein Herr oder ein Vater? Gott ist ein Vater: vergesst das nie. Denkt auch in den schlimmsten Situationen daran, dass wir einen Vater haben, der uns alle liebt. Sind wir Untertanen oder Söhne und Töchter? Dieser Kampf, der innerhalb und außerhalb von uns stattfindet, zeigt sich ständig: tausende von Malen müssen wir uns zwischen der Mentalität eines Sklaven und der Mentalität eines Sohnes oder einer Tochter entscheiden. Das Gebot kommt von einem Herrn, das Wort von einem Vater.

Der Heilige Geist ist ein Geist der Kindschaft, er ist der Geist Jesu. Ein Geist von Sklaven kann das Gesetz nur unter Zwang annehmen und zwei einander entgegengesetzte Ergebnisse hervorbringen: entweder ein Leben, das aus Zwängen und Verpflichtungen besteht, oder eine gewaltsame Reaktion der Ablehnung. Das ganze Christentum ist der Übergang vom Buchstaben des Gesetzes zum Geist, der Leben schenkt (vgl. 2 Kor 3,6-17). Jesus ist das Wort des Vaters, er ist nicht die Verurteilung des Vaters. Jesus ist gekommen, um zu erlösen mit seinem Wort, nicht, um uns zu verurteilen.
Man kann es sehen, ob ein Mann oder eine Frau diesen Übergang vollzogen haben oder nicht. Die Leute merken, ob ein Christ als Kind Gottes oder als Sklave argumentiert. Und wir selbst erinnern uns, ob sich unsere Erzieher wie Väter und Mütter um uns gekümmert oder ob sie uns nur Regeln auferlegt haben. Die Gebote sind der Weg zur Freiheit, weil sie das Wort des Vaters sind, der uns auf diesem Weg frei macht.

Die Welt braucht keinen Legalismus, sondern Fürsorge. Sie braucht Christen mit einem kindhaften Herzen [3]. Sie braucht Christen mit einem kindhaften Herzen: vergesst das nicht.

[1] Dem 20. Kapitel des Buches Exodus geht das Bundesangebot in Kapitel 19 voraus, in dem die Aussage entscheidend ist: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19,5-6). Diese Terminologie findet eine sinnbildliche Zusammenfassung in Lev 26,12: „Ich gehe in eurer Mitte; ich bin euer Gott und ihr seid mein Volk“ und wird bis zum in Jesaja 7,14 angekündigten Namen des Messias oder „Immanuel“ gelangen, der schließlich zu Matthäus führt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns“ (Mt 1,23). Alles das zeigt den wesentlichen Beziehungscharakter des jüdischen und im höchsten Grade des christlichen Glaubens an.
[2] Vgl. auch Ex 34,28b: „Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln“.
[3] Vgl. Johannes Paul II., Veritatis splendor, 12: „Das Geschenk der Zehn Gebote ist Verheißung und Zeichen des Neuen Bundes, wenn das Gesetz wiederum und endgültig in das Herz des Menschen hineingeschrieben werden wird (vgl. Jer 31, 31-34) und an die Stelle des Gesetzes der Sünde tritt, die dieses Herz entstellt hatte (vgl. Jer 17, 1). Dann wird ihm ,ein neues Herz‘ geschenkt, denn in ihm wird ,ein neuer Geist‘, der Geist Gottes, wohnen (vgl. Ez 36, 24-28)“.

An die Besucher aus dem deutschen Sprachraum verlas ein Sprecher folgenden Gruß des Papstes:

Mit Freude begrüße ich die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache. Der Dekalog der Zehn Gebote ist das Geschenk des Bundes Gottes mit uns Menschen. Wir wollen als seine Kinder unsere Beziehung mit dem Herrn leben, indem wir seinem Wort folgen und dem Heiligen Geist, der lebendig macht. Betet für mich und für meine ökumenische Pilgerreise morgen nach Genf. Der Herr behüte euch und eure Lieben.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller