„Christus ist auferstanden. Er ist wirklich auferstanden!“

Die Predigt von Bischof Heinz Josef Algermissen (Fulda) zum Osterfest 2018 anlässlich des Pontifikalamts im Hohen Dom zu Fulda am Ostersonntag.

„Christus ist auferstanden. Er ist wirklich auferstanden!“ Diesen Ostergruß rufen die Christen der Ostkirchen einander am Ostermorgen zu. Mit ähnlichen Worten wird Maria von Magdala „am ersten Tag der Woche“ den Jüngern Jesu ihre Begegnung mit dem auferstandenen Herrn berichtet haben (vgl. Joh 20,18).

Diese Botschaft traf auf eine eingeschüchterte, verängstigte Jüngerschar. Zu deprimierend waren die Erlebnisse der letzten Tage gewesen. Und wenn die unglaubliche Botschaft wirklich stimmte, konnten sie Jesus dann überhaupt unter die Augen treten? Waren sie nicht in der Stunde der Prüfung davongelaufen? Hatten sie ihn nicht feige im Stich gelassen, um das eigene Leben zu retten?

„Christus ist auferstanden. Er ist wirklich auferstanden!“ Diese Botschaft trifft auch heute auf eine verunsicherte Kirche. Kalt und scharf bläst ihr der Wind ins Gesicht. Wir spüren, wie sich das Klima in der Öffentlichkeit geändert hat. Zeichen dafür sind z. B. eine oft hämische Kirchenkritik in den Medien und eine Gesetzgebung, zumal in bioethischen Fragen, die mit christlichen Grundsätzen oft nicht vereinbar ist. Es ist schon erstaunlich, wie man heutzutage mit nicht verhandelbaren Grundprinzipien der menschlichen Würde, die den Vätern des Grundgesetzes noch plausibel waren, verfährt.

Auch im innerkirchlichen Bereich machen sich belastende Sorgen angesichts von Strukturänderungen und eines Rückbaus breit. Es ist eben schwer zu ertragen, dass alles weniger wird.

Da mag es zunächst wie eine leere Worthülse klingen, wenn man allzu schnell die Antwort parat hat, dass der Osterglaube uns Gewissheit und Halt in allen Turbulenzen schenkt. Viele Christinnen und Christen mögen es tatsächlich so erfahren. Aber es gibt auch die anderen, die ebenso ratlos vor der Osterbotschaft stehen wie die Jünger am Ostermorgen. So ist es hilfreich zu sehen, wie deren Glaube langsam, schrittweise sicher wurde, gewachsen und gereift ist.

Das Evangelium des Ostertages erzählt uns ausführlich von Maria Magdalena. Als sie an das geöffnete Grab kommt und es leer findet, ist sie entsetzt und weint. Sie weiß nur eine Erklärung: „Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen“ (Joh 20,2+13). Noch als Jesus selbst sie anspricht, meint sie, er sei der Gärtner, und fragt, ob er den Leichnam fortgetragen habe. Erst als er sie beim Namen nennt, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Und sie kann den Jüngern verkünden: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Vers 18).

Und die Apostel und anderen Jünger? Auch ihre erste Reaktion auf das Geschehen des Ostermorgens war keineswegs ein bereitwilliger, froher Glaube. Entlarvend ist der Bericht aus dem Evangelium des Lukas: Als die Frauen vom Grab zurückkommen und den Aposteln von der Erscheinung der Engel erzählen, halten sie das für dummes Geschwätz und glauben es ihnen nicht (Lk 24,9-11). Sie ziehen vor, sich weiterhin voller Angst hinter verschlossenen Türen zu verschanzen (Joh 20,19). Thomas verlangt sogar, erst die Finger in die Nagelwunden und seine Hand in die durchbohrte Seite des Herrn zu legen, bevor er solchen Erzählungen Glauben schenken könne (Joh 20,25).

Nein, die Apostel waren auf diese Botschaft nicht gefasst und konnten sie zunächst nicht glauben. Am Schluss des Markus-Evangeliums steht es ganz schonungslos: Als Jesus später den Aposteln erschien, „tadelte er ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten“ (Mk 16,14).

Matthäus erwähnt sogar noch unmittelbar vor der Himmelfahrt Christi, dass einige der Jünger zweifelten (Mt 28,17). Wir sehen: Nur sehr langsam und durch Krisen hindurch wuchs ihr Osterglaube.

Hier wird deutlich: Der christliche Glaube, zumal der an die Auferstehung Jesu Christi, ist nicht das Ergebnis menschlicher Überlegungen und rationaler Beweisführung. Er ist Geschenk der Gnade, Frucht des Geistes Gottes in uns.
Und wie steht es mit unserem Osterglauben, liebe Schwestern und Brüder?
Jeden Sonntag bekennen wir gemeinsam im Credo den Glauben an den Herrn, der „am dritten Tag auferstanden ist von den Toten“. Dieser Glaube führt uns ja heute zum Festgottesdienst hier in unserem Hohen Dom zusammen, um die alles verändernde österliche Erfahrung in uns zu verlebendigen.

Bewähren und profilieren muss sich dieser Glaube dann in einer Gesellschaft, die sich immer mehr von christlichen Grundsätzen entfernt. Christinnen und Christen müssen sich unbedingt dort massiv als Störenfriede einsetzen, wo die Mächte des Todes am Werk sind. Da konkret haben sich der Glaube an die Auferstehung und die österliche Perspektive unseres Lebens zu beweisen, sind wir zu klarer Position aus dem Osterglauben aufgefordert, ohne fatale Kompromisse zu schließen. Ich denke z. B. an die Debatte um Sterbehilfe.

Immer wieder versuchen Gruppen und Interessenverbände bei uns, wie in anderen europäischen Ländern, eine „aktive Sterbehilfe“ zu ermöglichen. Anders als dieser Begriff suggeriert, geht es dabei aber gar nicht darum, Menschen beim Sterben zu helfen. Vielmehr geht es ganz bewusst und gezielt darum, ihren Tod herbeizuführen. Für österliche Christen ist aber „aktive Sterbehilfe“ keine Möglichkeit, sondern einzig intensivste Sterbebegleitung. Und wir verstehen darunter den medizinischen, pflegerischen, sozialen und seelsorglichen Beistand auf dem allerletzten Weg. Eine große moralische Niederlage wäre es, die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen dafür nicht zu schaffen.

Sterbebegleitung ist also im Gegensatz zu „aktiver Sterbehilfe“ konkret erfahrbare Lebenshilfe. Es ist sehr hilfreich, an der Hand eines anderen Menschen und also nicht einsam sterben zu können, indes nicht durch dessen Intervention, durch dessen Hand.

Ich erkenne die Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus besonders auch in denen, die leiden und sterben, Angst haben vor dem letzten Weg und keinen Ausweg mehr zu finden glauben. Hier sind auch unsere Krankenhäuser und Seniorenheime besonders gefordert.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Bewähren muss sich der österliche Glaube sicher auch in den Stunden persönlicher Grenzsituationen und schließlich am letzten großen Karfreitag unseres Lebens, wenn der Tod bei uns anklopft. Wenn alles menschliche Wissen und Können am Ende ist, die irdischen Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzen, wenn alle vorläufigen Antworten ratlos verstummen, dann dürfen wir Christen mit dem Apostel Paulus in seinem Römerbrief bekennen: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende“ (Röm 14,7-9).

Das ist der Glaube, zu dem wir, vielleicht mühsam und stammelnd, unterwegs sind. Aber immerhin im Wissen um einen sicheren Halt.

Das ist der Glaube, der durch Krisen hindurch in uns reifen soll, um den wir uns mühen, den wir aber vor allem erbitten müssen:„Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24).

„Der Heiland ist erstanden,
befreit von Todesbanden,
der als das wahre Osterlamm
für uns den Tod zu leiden kam.
Halleluja“ (GL 781).

Dieses Lied aus dem Fuldaer Gesangbuch von 1778 werden wir gleich singen und in der österlichen Zeit häufig. Die Hoffnung und der Glaube der Jahrhunderte, die sich da ausdrücken, tragen und schenken Halt und Orientierung auch heute. Mit diesem Glauben können wir das Leben mit seinen Herausforderungen, Aufgaben, Problemen, mit seinen Unbegreiflichkeiten und Kreuzen bestehen. Mit diesem Osterglauben können wir vertrauensvoll leben - und einmal zuversichtlich sterben. In dieser großen Hoffnungsperspektive wünsche ich Ihnen von Herzen ein gesegnetes Osterfest. Amen.

Bistum Fulda / DT (jbj)