„Ohne Schuldbekenntnis kein ehrliches Reformationsgedenken“

Kurienkardinal Kurt Koch: Papst wird in Erfurt Wort der Ermutigung sagen. Von Johannes Schidelko
Foto: Archiv | Kardinal Kurt Koch: „Luther wollte keine neue Kirche.“
Foto: Archiv | Kardinal Kurt Koch: „Luther wollte keine neue Kirche.“

Der aus der Schweiz stammende Kurienkardinal Kurt Koch steht seit gut einem Jahr an der Spitze des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur äußerte sich der „Ökumeneminister“ des Papstes zu den ökumenischen Erwartungen an den Besuch Papst Benedikts XVI. im September in Deutschland sowie zum Stand der Gespräche mit Lutheranern, Orthodoxen und Anglikanern.

Der Papst hat für seinen Besuch in Deutschland ausdrücklich mehr Zeit für die Ökumene-Treffen gefordert, als zunächst vorgesehen war. Was bedeutet das?

Deutschland ist ein zentrales Land der Reformation, in dem evangelische und katholische Christen zahlenmäßig fast gleichgewichtig nebeneinander leben. Zudem stammt der Papst selbst aus Deutschland und hat bereits als Theologe sehr viel zum ökumenischen Dialog beigetragen. Die Erklärung über die Rechtfertigungslehre ist in ihrer letzten schwierigen Phase wesentlich seinen Bemühungen zu verdanken. Daher ist es selbstverständlich, dass der Heilige Vater in Deutschland einen besonderen Akzent in der Ökumene setzen möchte – und es sicher auch tun wird. Der Vorschlag, mehr Zeit vorzusehen, kam von ihm.

Welche ökumenische Botschaft erwarten Sie von der Papstreise?

Ich will natürlich keine falschen Hoffnungen wecken; wir werden gespannt sein dürfen auf das, was der Papst dann wirklich sagt. Ich bin überzeugt, dass er ein Wort der Ermutigung sagen wird. Und er wird sicher neu in Erinnerung rufen, dass die Ökumene für die katholische Kirche eine Aufgabe und eine Pflicht ist, hinter die nicht mehr zurückgegangen werden kann. Bereits in seiner ersten Predigt nach der Papstwahl hatte Benedikt XVI. erklärt, dass die Förderung der Einheit der Christen ein besonderes Anliegen in seinem Pontifikat sein wird.

Mit seinem Wunsch nach mehr Zeit für die Ökumene hat der Papst besondere Erwartungen geweckt – gerade im „Land Luthers“, im Vorfeld des 500-Jahr-Gedenkens der Reformation. Was könnte der Papst zur Reformation sagen?

Da wäre natürlich sehr viel zu sagen. Ich sehe bei der Reformation eine positive und eine negative Seite. Die Reformation hat Impulse ausgelöst, vor allem eine Rückbesinnung auf das Wort Gottes, auf die zentrale Stellung der Heiligen Schrift im Leben der Kirche. Aber die Reformation hat auch zur Kirchenspaltung geführt – was gerade nicht das Anliegen Martin Luthers war. Luther wollte eine Erneuerung der ganzen Kirche, er wollte keine neue Kirche. Dass dann neue Kirchen entstanden sind, kann somit nicht als Gelingen der Reformation beurteilt werden. Wenn man das 500-Jahr-Gedenken der Reformation würdigen will, dann muss man beide Seiten in den Blick nehmen.

Ihre Behörde, der Einheitsrat, hat soeben mit dem Lutherischen Weltbund LWB beraten, wie man das Gedenken an 1517 gemeinsam begehen soll. Was ist geplant, was ist möglich?

Wir arbeiten mit dem LWB auf eine gemeinsame Erklärung im Blick auf 2017 hin. Eine Grundfrage besteht für mich darin, dass man nicht nur über die Reformation allein redet. Die Reformation ist ein Ereignis in einer zweitausendjährigen Geschichte, von der uns 1 500 Jahre gemeinsam sind. Nur vor diesem größeren Hintergrund können wir sehen und überlegen, was die Reformation bedeutet. Steht sie in einer grundlegenden Kontinuität mit diesen 1 500 Jahren? Oder ist sie ein völlig neuer Anfang, ist mit ihr etwas völlig Neues entstanden? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es entscheidend ab, wohin unser gemeinsamer Weg in der Zukunft geht.

Ist eine gemeinsame Feier vorgesehen?

Es ist für uns vor allem ein Gedenken an dieses Ereignis. Dabei muss im Mittelpunkt stehen, was die Reformation für die Geschichte des Christentums in Europa bedeutet hat, was sie an Segen und was sie an Tragik gebracht hat. Beides muss man ins Auge fassen, wenn man dieses Ereignis wirklich würdigen will.

Bei der LWB-Vollversammlung in Stuttgart 2010 gab es einen Versöhnungsakt mit den Mennoniten mit einem gegenseitigen Schuldbekenntnis. Könnte das auch ein Modell für ein gemeinsames Begehen von Katholiken und Lutheranern 2017 sein?

Schon vor der Stuttgarter Versammlung hat Papst Johannes Paul II. am ersten Fastensonntag im Heiligen Jahr 2000 ein solches Schuldbekenntnis abgelegt. Dazu gehörte das Bekenntnis, dass auch die katholische Kirche bei Kirchenspaltungen eine wesentliche Rolle gespielt und Schuld auf sich geladen hat. Ich denke, dass auch für das Gedenken der Reformation ein gemeinsames Schuldbekenntnis den Anfang bilden könnte. Allerdings sollte man nicht dabei stehenbleiben. Aber ohne eine gemeinsame Rückbesinnung, ohne eine gemeinsame Reinigung des Gedächtnisses und ohne ein Schuldbekenntnis auf beiden Seiten wird es meines Erachtens kein ehrliches Gedenken der Reformation geben können.

Die offiziellen Gespräche zwischen Katholiken und Orthodoxen treten in der Frage der Rolle des Papstes im ersten Jahrtausend seit einiger Zeit auf der Stelle. An welchem Punkt ist der Dialog? Sehen Sie in absehbarer Zeit einen Durchbruch?

Dass sie auf der Stelle treten, ist zuviel gesagt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns lange mit historischen Fragen beschäftigt haben, etwa mit der Rolle des Bischofs von Rom im ersten Jahrtausend – in dem Jahrtausend, das uns gemeinsam gewesen ist. Aber die Orthodoxen wollten diesen Dialog nicht mehr fortsetzen; sie sagten, ihre Mitglieder in der Kommission seien nicht Spezialisten für historische Fragen. Sie möchten jetzt eine theologische Frage vertiefen, das Verhältnis von Primat und Synodalität in der Kirche. Wir hatten im vergangenen Monat eine viertägige gemeinsame Sitzung in Kreta und haben dabei ein neues Dokument ausgearbeitet. Es wird im November nochmals in einer Kommission bearbeitet und soll nächstes Jahr in die Vollversammlung der Internationalen Theologischen Kommission kommen.

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