„Ohne Euch würde mein Kind nicht mehr leben“

Schwester Monika betreut schwangere Frauen in Notsituationen. Von Birgit Wilke
Foto: KNA | Die vierjährige Vanessa spielt mit ihrer Mutter Wioletta, die sie mit Unterstützung des Kinderhauses zur Welt gebracht hat.
Foto: KNA | Die vierjährige Vanessa spielt mit ihrer Mutter Wioletta, die sie mit Unterstützung des Kinderhauses zur Welt gebracht hat.

Berlin (DT/KNA) „Wenn ich Euch nicht gehabt hätte, würde mein Kind nicht mehr leben.“ Schwester Monika Hesse muss schlucken, als sie diesen Satz wiedergibt. Mehr als einmal hat sie ihn so oder ähnlich von Müttern gehört, die sich während ihrer Schwangerschaft in einer Notsituation befanden. Als Leiterin der Franziskaner-Suppenküche in Berlin-Pankow fasste sie Mitte der 1990-er Jahre den Entschluss, sich um genau diese Frauen und um nicht gewollte Kinder zu kümmern. Sie gründete den„Verein Kinderhaus Sonnenblume“ mit einer Einrichtung im brandenburgischen Schönow. Seit drei Jahren setzt sie ihr Engagement im Berliner Stadtteil Wilhelmsruh im „Haus Deborah“ ein. Frauen, die das wollen, verweist sie auf die Krankenhäuser, in denen eine anonyme Geburt möglich ist. Schwester Monika und ihre kleines Team wissen nicht genau, wie viele Frauen sie in den vergangenen Jahren beraten und betreut haben. Mehrere hundert, schätzt die Mittfünfzigerin. Und viele halten nach wie vor den Kontakt mit der Frau in ihrer blau-weißen Ordenstracht.

Gemeinsam war den Hilfesuchenden, dass sie ihre Schwangerschaft lange verdrängt haben. Ihr nächstes Umfeld sollte nichts davon erfahren: der Partner, die Familie oder der Arbeitgeber. Das Kind sollte möglichst anonym zur Welt kommen und diese Anonymität sicherte ihnen Schwester Monika zu. Auch einer Prostituierten, die drohte, andernfalls bei der einsetzenden Geburt „in den Wald zu gehen“. Sie bekam das Kind – anonym in einem Krankenhaus, hinterließ aber Kontaktdaten. Damit hat der Junge, der dann zu Adoptiveltern kam, die Möglichkeit, seine leibliche Mutter kennenzulernen. Ganz anonym blieb die Geburt also doch nicht, und dies sei in den allermeisten Fällen so, sagt Schwester Monika.

Im Fachjargon wird von „vertraulicher Geburt“ gesprochen, wenn die Mutter dem Kind die Chance lässt, später mit ihr Kontakt aufzunehmen. Eine solche Möglichkeit sieht auch ein neuer Gesetzentwurf vor, den das Bundesfamilienministerium derzeit erarbeitet. Damit wagt sich das Ministerium in eine Grauzone. Denn „anonyme Geburt“ oder die sogenannten Babyklappen, in die Neugeborene gelegt werden können, werden bislang nur geduldet. Seit 2001 scheiterten vier Gesetzesinitiativen dazu, die dies regeln wollten. Schwester Monika, die vor fünf Jahren für ihren Einsatz das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist sich unschlüssig, was sie von dem Gesetzesvorhaben halten soll – trotz ihrer langjährigen Erfahrung. Ob die Hemmschwelle für die Frauen, die aus allen Gesellschaftsschichten zu ihr kommen, dann nicht zu groß ist, und ob dann noch ein intensiver Kontakt möglich ist, fragt sich die gebürtige Eichsfelderin etwa.

Zugleich weiß Schwester Monika um die Probleme, die eine vollkommen anonyme Geburt für die Kinder mit sich bringen kann. Experten warnen vor schweren Persönlichkeitsstörungen, zu denen die Unwissenheit über die eigene Herkunft führen kann. Mit der Kritik, dass die Zahl der Kindstötungen durch die geduldete Möglichkeit der anonymen Geburt nicht zurückgegangen sei, kann Schwester Monika dagegen wenig anfangen. Für sie zählen die Frauen, denen sie wieder Mut machen konnte, und die Babys, die die ausgebildete Krippenerzieherin versorgte und mit Hilfe des Jugendamtes an Pflege- oder Adoptivfamilien vermitteln konnte.

Auch das Argument, dass durch Babyklappen ein Bedarf erst geschaffen werde – auch ältere und behinderte Kleinkinder sind dort bereits abgelegt worden –, kann sie nicht verstehen. Die Frauen, die ins „Haus Sonnenblume“ gekommen seien, hätten sich stets in einer schweren Notlage befunden. „Kindstötungen wird es vermutlich immer geben“, meint Schwester Monika nachdenklich. „Daran können auch Einrichtungen wie unser Haus oder Babyklappen nichts ändern.“ Es gebe einfach Frauen, die in Panik handelten und nicht erreichbar seien. Ernüchtert ist sie aber trotzdem nicht: „Als wir mit unserer Arbeit begannen, war die anonyme Geburt ein absolutes Tabuthema.“ Das habe sich glücklicherweise geändert. Inzwischen gebe es viele Einrichtungen, die sich um betroffene Frauen und deren Kinder kümmerten. Das Problem werde endlich offensiv angegangen, freut sie sich.

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