„Öffentliche Proteste hätten absolut nichts genutzt“

Jesuit Peter Gumpel über Papst Pius XII. und die Juden

Pater Gumpel, Papst Benedikt XVI. feiert eine Gedenkmesse zum 50. Todestag von Pius XII. Warum?

Der Papst schätzt Pius XII. – wie alle seine Vorgänger. Johannes XXIII. hat ihm großes Lob gespendet; Paul VI. hat ihn verteidigt und zwölf große Dokumentenbände veröffentlichen lassen, um den Angriffen von Rolf Hochhuth und anderen entgegenzutreten. Johannes Paul II. nannte ihn einen sehr großen Papst. Es ist normal, dass man beim 50. Todestag eines großen Papstes öffentlich an ihn erinnert. Und wenn Benedikt XVI. schon eine Messe für ihn hält, kann ich mir nicht vorstellen, dass er etwas Negatives sagt.

Was waren die Glanzlichter dieses langen Pontifikats?

Man sagt immer, Pius XII. sei ein Diplomat gewesen. Dabei war er vor allem pastoral orientiert. Er wollte weder Kardinal noch Staatssekretär werden, er wollte ein Bistum leiten und pastoral tätig sein. Das entspricht eigentlich dem, was jeder Priester in seinem Herzen fühlen muss. Seine lehramtliche Tätigkeit ist ohne Frage bedeutender als alles im Jahrhundert zuvor. Ich denke nur an die großen Enzykliken über die Kirche, die Heilige Schrift, die Liturgie, die Spiritualität. Allein seine Ansprachen füllen über 20 dicke Bände. Er hat moderne und modernste Probleme behandelt und aus katholischer Sicht Stellung genommen.

Und seine Rolle im Zweiten Weltkrieg?

Da ist seine außerordentliche Hilfstätigkeit: Nicht nur, dass er Nachrichten über Kriegsgefangene sammeln ließ oder während der Hungersnot in Rom über den Vatikan Hilfslieferungen organisierte. Er hat Hunderttausenden Juden das Leben gerettet. Auf jüdische Initiative fand jüngst in Rom ein Symposium statt, das sich gegen Vorwürfe von anderer jüdischer Seite wandte, der Papst sei angesichts der Verfolgung untätig geblieben. Was er in Rom und Italien und darüber hinaus in allen von den Nazis besetzten Gebieten für die verfolgten Juden getan hat, ist eine hohe Leistung.

Ist für den Seligsprechungsprozess von Vorteil, dass der amtierende Papst Deutscher ist?

Der Papst ist Papst für die Gesamtkirche. Dass der jetzige Heilige Vater ein Deutscher ist, ist für das Verfahren völlig gleichgültig - und muss es auch sein.

Aber steht Benedikt XVI. auch dem Verhalten von Pius XII. im Nationalsozialismus indifferent gegenüber?

Der heutige Papst weiß, was Pius XII. für Deutschland getan hat. Dazu gehört, dass Eugenio Pacelli schon als Apostolischer Nuntius von 1917 bis 1929 immer wieder versucht hat, die katholischen Politiker und die Massen vor Hitler und dem Nationalsozialismus zu warnen. Das kann der Papst nicht unter den Tisch kehren. Benedikt XVI. weiß auch, wie Pius XII. nach 1945 Deutschland und anderen Ländern, etwa Polen, geholfen hat: durch große Spenden für Notkirchen und für Hilfszüge mit Lebensmitteln und Kleidern.

Trotzdem gibt es Kritik an der geplanten Seligsprechung ...

Die katholische Kirche hat zu allen Zeiten nicht immer nur Freunde gehabt. Dass sich das auf Pius XII. konzentriert, ist nicht verwunderlich. Möglicherweise spielen auch solche Aspekte bei einer Entscheidung des Papstes eine Rolle.

Wie steht es dabei mit dem Verhältnis zum Judentum?

Die katholische Kirche ist sehr darauf bedacht, ein gutes Verhältnis zu den Juden zu haben. Der Papst wird versuchen, den Angriffen bestimmter – ausdrücklich: bestimmter – jüdischer Kreise Rechnung zu tragen. An sich wollen die Juden mit Fragen von Selig- und Heiligsprechungen nichts zu tun haben; das ist eine interne katholische Angelegenheit. Aber beispielsweise den jüdischen Teilnehmern des Symposiums ist bewusst, dass Pius XII. Hunderttausenden Juden das Leben gerettet hat - und sie sind nicht damit einverstanden, dass er verleumdet wird.

Hat Pius XII. am Ende doch noch Chancen, als der Papst in die Geschichte einzugehen, der er wirklich war?

Es ist ein starker Umschwung im Gange, vor allem in Nordamerika. Die Angriffe gehen weiter, aber auch von jüdischer Seite kommen immer mehr Gegenstimmen. Ich erinnere nur an den jüdischen Gelehrten und Historiker Sir Martin Gilbert, den vielleicht besten Kenner des Holocaust. Nach seinem Urteil war Pius XII. in einer äußerst schwierigen Situation: Er hatte es mit Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus zu tun; es war Krieg. Öffentliche Proteste hätten absolut nichts genutzt, im Gegenteil. Er hat getan, was er tun konnte: so viel wie möglich jüdisches Leben zu retten.

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