Moralisierender Selbstdarsteller

Gianluigi Nuzzi stellt in Berlin die deutschsprachige Ausgabe seines Buches über den Vatikan vor. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: Krips-Schmidt | Gianluigi Nuzzi bei seinem Auftritt in Berlin.
Foto: Krips-Schmidt | Gianluigi Nuzzi bei seinem Auftritt in Berlin.

Berlin (DT) „Verschwörung!“ „Skandal!“ „Korruption!“ schrie es dem Leser im Sommerloch 2012 von den Titelseiten bundesdeutscher Gazetten entgegen. „Enthüllung!“ „Aufklärung!“ „Spektakuläre Dokumente aus dem Vatikan!“ versprach man ihm. Die Presse geizte nicht mit effekthascherischem Vokabular und Ausrufezeichen aus dem Repertoire des Sensationsjournalismus, als sie auf die Reportage des Starjournalisten Gianluigi Nuzzi verwies, die, in Italien Mitte Mai im Original unter dem Titel „Sua Santita'. Le Carte Segrete Di Benedetto XVI“ veröffentlicht, nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt: „Seine Heiligkeit – Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.“

Was nun wirklich dran ist an der Story oder an den vielen einzelnen Storys, die die Feste des Vatikanstaates oder gar die Fundamente des katholischen Glaubens angeblich erschüttern – oder auch nicht – darüber kann man sich ab dem 10. September selbst ein Bild machen. Dann kommt Gianluigi Nuzzis 368-seitiger, eng beschriebener Wälzer in den deutschen Buchhandel mit einer Startauflage von sagenhaften 30 000 Exemplaren, von denen andere Autoren nur träumen können.

Bei dem vom Piper-Verlag organisierten Pressegespräch im Haus der Bundespressekonferenz Anfang der Woche in Berlin hatten Medienvertreter schon vorab die Möglichkeit, einen Blick in das Buch zu werfen und seinem Verfasser Fragen zu stellen. Der gab zunächst eine Erklärung zu den Hintergründen – den Motiven, Inhalten und möglichen Konsequenzen – seiner Recherchen ab, die die Medien seit Monaten fortan als „Vatileaks-Affäre“ beschäftigen: Mit Hilfe unterschiedlicher Informanten – so unter anderem im Vatikan arbeitender gläubiger Katholiken, deren Beweggründe zur Weitergabe ihrer Auskünfte an Nuzzi die Wahrnehmung „scheinheiligen Gehabes“ im Vatikan gewesen sein sollen – will der 43-jährige Enthüllungsjournalist ein ganzes Geflecht von Intrigen und Machenschaften aufgedeckt haben. Bischöfe hatten ihm skandalträchtige Vorwürfe von Korruption im Vatikan hinterbracht, denen er nachgegangen sei. Nuzzi hat in Archiven recherchiert und zudem Interviews in Lateinamerika, Syrien und auf den Philippinen geführt. Kein einziger Euro soll dabei geflossen, kein Kardinal unter seinen Informanten gewesen sein. Einer seiner Handlanger, der Kammerdiener des Heiligen Vaters, Paolo Gabriele, der Nuzzi interne päpstliche Dokumente zugespielt haben soll, wird im September vor Gericht gestellt, nachdem der Vatikan ihn 60 Tage lang in Untersuchungshaft genommen hatte. War der Butler allein verantwortlich für die Weitergabe der geheimen Dokumente, wie aus dem Vatikan noch immer zu vernehmen ist? Nuzzi bestreitet dies.

Der smarte, mit blauem Leinenanzug und weißem Hemd schick und trotzdem lässig gekleidete Enthüllungsautor versteht sich als Chronist dessen, was sich in den „heiligen Hallen des Vatikanstaates“ abspielt. Schon 2009 hatte er mit seinem Erstlingswerk „Die Vatikan AG“ einen Bestseller gelandet, der nach eigener Aussage immerhin zu einigen Konsequenzen geführt habe: 2010 wurde im Vatikanstaat der Straftatbestand der „Geldwäsche“ eingeführt.

Nuzzi will, wie er in der Konferenz betont, mit seinem „Zeitzeugnis“ beweisen, dass es sich beim Vatikan um einen Staat handele, der auch nicht besser als andere Staaten sei und in dem bewusst Tatsachen verschwiegen und nicht alle Vorfälle öffentlich gemacht werden. Besonders sensationell klingt das nicht. Man werde feststellen, so Nuzzi beim Gespräch mit den Pressevertretern, „dass in dem Buch kein einziges Wort gegen den Glauben und die Kirche zu finden ist“. Vielmehr sei das Wesentliche dessen, was sein Buch ausmacht, dass hier erstmals gezeigt werde, wie der Heilige Vater ganz persönlich in die Geschicke der von ihm geleiteten Kirche eingreift, wie das aus den gesammelten Dokumenten eindeutig hervorgehe. Die sind im Anhang als fotokopierte Briefe, Notizen und Urkunden beigefügt.

Auf die Frage eines Journalisten, ob man sich über die Ergebnisse seines Buches gar nicht aufzuregen habe, wenn es sich beim Vatikanstaat um einen Staat wie jeden anderen handele, antwortet Nuzzi, dass zu wenig Transparenz herrsche. Als Beispiele führt er Verschleierungen bei den Missbrauchsfällen um den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, sowie das Verhältnis zwischen Papst Benedikt und dem deutschen Episkopat an.

Geringfügig erweitert wurde die deutsche Ausgabe um drei Beiträge, die einige Facetten der kirchlichen Situation hierzulande ausleuchten. Nuzzi spricht an diesem Montag auch die Kritik der Bundeskanzlerin gegenüber dem Papst an, als sie ihn in der Affäre Williamson zu belehren versuchte. Sie wurde von Benedikt in einer Notiz an den Substitut des vatikanischen Staatssekretariats Filoni wie folgt kommentiert: „Die Reaktion des Nuntius auf die Äußerungen von Frau Merkel ist zu schwach – nur eine Information. Nötig gewesen wären dagegen klare Worte des Protests gegen diese Einmischung in die Angelegenheiten der Kirche.“

Weitere Notizen in „Seine Heiligkeit“ geben Auskunft über eine gewisse Uneinigkeit, die sich zwischen dem Nachfolger Petri und seinen deutschen Bischöfen offenbart, nicht nur in der Causa Pius-Bruderschaft. Auch die Vorgehensweise in Sachen „Weltbild-Verlag“, der wegen des Vertriebs von schlüpfrigen Produkten in die Kritik geriet, wird von Nuzzi beim Gespräch mit den Pressevertretern ausführlich thematisiert und beklagt. Dabei geht er insbesondere auf die Tatsache ein, dass man sich seitens des Episkopats nicht ausdrücklich vom Verlag trennt – was laut Nuzzi die „richtige Lösung“ gewesen wäre, die der Papst ja auch angestrebt habe – sondern vorhat, diesen in eine Stiftung zu überführen. Er vergleicht ein solches Vorgehen mit ähnlichen Vorfällen in Italien. Dort trat der Erotikstar Ilona Staller alias Cicciolina in einem Club auf einem Gelände auf, das einer Stiftung gehörte, in dessen Stiftungsrat Ordensbrüder vertreten waren.

Die abschließende Frage, ob der Heilige Vater ein „Spielball des Apparates“ sei, könne er nicht beantworten. Er fühle sich nicht berufen, eine Beurteilung dieser Art abzugeben.

Ein kurzer Blick in das Buch zeigt, dass Nuzzi darin beschreibt, wie es zur Kontaktaufnahme mit dem Butler des Papstes kam, der ihm die gestohlenen Akten unter dem Decknamen „Maria“ zukommen ließ. Er erörtert die Vorgänge, die zur Entlassung des ehemaligen Chefredakteurs der katholischen Tageszeitung Avvenire, Dino Boffo, führten, sowie Korruptionsvorwürfe, die im Zusammenhang mit der Vatikanbank und deren ehemaligem Präsidenten Ettore Tedeschi stehen. Ob solche spezifisch italienischen Vorkommnisse beim deutschen Leser ein besonderes Neugierpotenzial erwecken und befriedigen können, sei einmal dahingestellt. Außerdem finden Berichte um die Legionäre Christi, um die Bewegung Communione e Liberazione Eingang in Nuzzis Buch.

Dass zumindest auch ganz und gar nicht Spektakuläres, ja gar reguläre Kirchenvorgänge in den Band aufgenommen wurden, zeigt das Kapitel „Gottesdienst von Frauen“, in dem es um die Amtsenthebung eines australischen Bischofs geht, der in einem Hirtenbrief die Priesterweihe von Frauen als praktikable Lösung des Priestermangels bezeichnete und auch protestantische Pfarrer zur Zelebration der Messe zulassen wollte. In besagtem Kapitel wird ein Brief des Papstes an Kardinal Re zitiert, in dem an grundlegende Glaubenslehren der Kirche erinnert wird, die der australische Bischof offenbar nicht genügend kannte. Der Katholik Nuzzi dokumentiert hier eine Amtsenthebung, die nach Auffassung der Kirche folgerichtig, für ihn selbst anscheinend jedoch ein Ärgernis darstellt.

Ob sich Piper mit seiner hohen Erstauflage nicht doch ein wenig verkalkuliert hat? Noch ist das Medienecho nicht zu unterschätzen. Bleibt indes abzuwarten, ob dem kurzen Auflodern der Glut nicht schon bald ein rasches Verglimmen folgen wird.

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