Monarchie oder Demokratie?

Vor hundert Jahren zeigt sich der deutsche Katholizismus im Übergang vom Kaiserreich in der der Weimarer Republik gespalten. Von Felix Dirsch
Kardinal Michael von Faulhaber
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Anfang Februar 1919 scheint sich der revolutionäre Pulverdampf in Deutschland langsam zu verziehen. Die Straßenkämpfe, so sieht es jedenfalls aus, verlagern sich mehr und mehr auf die Ebene der parlamentarischen Auseinandersetzung. Die Weimarer Nationalversammlung tritt nach der Wahl am 19. Januar, die der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum, DDP) eine klare Mehrheit verschafft, am 6. Februar erstmals zusammen. Einige Monate dauern die anschließenden Tagungen. Am Ende der Beratungen wird als Kompromiss die Weimarer Reichsverfassung verkündet. Ihre Bewertung zeigt den Riss innerhalb des katholischen Lagers, der jedoch schon früher zum Vorschein gekommen ist. Während die einen mit der neuen Konstitution zufrieden sind und auf die Vorteile für den Katholizismus verweisen, thematisieren andere den säkularen, fundamentaldemokratischen Grundzug: Dem Volk wird Allmacht verliehen, die Nennung des Gottesnamens sucht man hingegen vergeblich.

Bereits in den Jahren vor 1914 wächst der katholische Bevölkerungsteil immer stärker ins Reich hinein. Die Kulturkampfstimmung verfliegt bis auf Restbestände. So verwundert es nicht, dass die Woge der Begeisterung von 1914 auch vor der kirchlich gebundenen Bevölkerung nicht Halt macht. Die Hirtenbriefe zu Kriegsbeginn sprechen eine deutliche Sprache. Selbst an dem später von der extremen Rechten als „Erfüllungspolitiker“ geschmähten und ermordeten Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger geht der Hurrapatriotismus nicht spurlos vorüber. Angesichts der zunehmenden Loyalitätsbindung an den Nationalstaat erstaunt es nicht, dass führende Katholiken während des Krieges in höhere Staatsämter gelangen. Zu nennen ist die Berufung Georg von Hertlings zum Reichskanzler. Es entspricht der bereits vor 1914 erkennbaren, pragmatischen Grundausrichtung der Zentrumspartei, wenn katholische Reichstagsabgeordnete an der Parlamentarisierung des Reiches 1917 führend beteiligt sind.

Die dramatischen Ereignisse im November 1918 kommen auch für den katholischen Teil der Bevölkerung überraschend. Dass die über Monate allgegenwärtigen revolutionären Ereignisse dort auf wenig Gegenliebe treffen, hängt nicht nur mit bestimmten Mentalitäten zusammen; vielmehr ist es der aggressive Säkularismus vieler führender Räterepublikaner, der Gläubige zutiefst verstören muss. Als im November 1918 die „Sozialistische Republik Braunschweig“ ausgerufen wird, hat die Volkskommissarin für Volksbildung Minna Faßhauer, gelegentlich als erste Ministerin Deutschlands tituliert, nichts anderes zu tun, als die kirchliche Schulaufsicht aufzuheben.

Auch anderswo kommt es zu kirchenfeindlichen Maßnahmen. Besonders kulturkämpferisch gibt sich der SPD- und USPD-Politiker sowie zeitweilige preußische Kultusminister Adolph Hoffmann. Bedrückend sind wochenlange Anarchie und verbreitete Rechtsunsicherheit. Der päpstliche Nuntius Eugenio Pacelli, später Papst Pius XII., wird in seinem Palais vom Revolutionsmob bedroht. Seine antikommunistische Einstellung rührt nachhaltig von derartigen Erlebnissen her.

Der Übergang zur Republik bringt auch eine sichtbare Profanierung des Staatswesens mit sich. Etwas anderes als ein „Staat ohne Gott“ (Horst Dreier) ist nunmehr nicht mehr denkbar. Bereits 1917 lässt der Episkopat in einem Schreiben verlautbaren, dass er Einwände gegen die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen vorzubringen hat. Es drohe bei solchen Reformen eine Nivellierung aller Lebensverhältnisse, die sozialistischen Tendenzen Vorschub leisten müsse.

Überhaupt zeigen sich auch in der Frühphase des neuen Staates Tendenzen, die schon vor 1914 unübersehbar sind: Mit der zunehmenden Integration ins Gemeinwesen und mit dem Nachlassen konfessioneller Zwistigkeiten brechen verstärkt innere Konflikte im katholischen Lager auf. Während konfessionell gebundene Arbeiter und Angestellte manche Gemeinsamkeiten mit SPD und Gewerkschaften erkennen, werden Unterschiede zum katholischen Bürgertum und zu den Oberschichten deutlich. Stärkere nationale und rechte Akzentuierungen machen sich bei bestimmten Adelsgruppierungen und bei intellektuellen Verbindungen (katholischer Akademikerverband!) bemerkbar, die sich partiell aus Widerstand gegen den liberalen und demokratischen Kurs des Zentrums abspalten.

Unter den führenden Würdenträgern nimmt der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber eine andere Stellung als die Mehrheit der Laien ein, die sich fast widerspruchslos auf den Boden der Tatsachen stellen. Er betrachtet in dem Grundsatz der Weimarer Reichsverfassung „Alle Macht geht vom Volke aus“ einen Verstoß gegen das erste Gebot, obwohl kaum strittig ist, dass es sich um einen politischen Satz handelt. Die Sphäre des Glaubens wird durch diesen Artikel nicht berührt. Dennoch findet von Faulhaber bei einigen Theologen Unterstützung. Der Regensburger Domherr Franz-Xaver Kiefl begründet, warum der Katholizismus der Monarchie näherstehe als der Republik.

Gegen diese Haltung regt sich Widerstand. Der Sozialethiker Peter Tischleder, ein Schüler des Moraltheologen Joseph Mausbach, eines der katholischen Repräsentanten im Verfassungskonvent, verfasst eine Schrift zur Legitimierung der Demokratie. Dazu greift Tischleder auf die Staatslehre Papst Leos XIII. zurück. Dieser Pontifex erkannte die langsame Wende zur Republik auch in Staaten, deren monarchisches Fundament noch unumstößlich erschien. Als Thomas-Kenner hatte er sein mittelalterliches Vorbild genau gelesen. Er erneuerte die thomistische Indifferenzlehre, die besagt: Der rechte Glaube ist mit allen der guten Staatsformen (im Sinn von Aristoteles und Thomas) zu vereinbaren, also mit Monarchie, Aristokratie und Demokratie. Zwar kennt der Aquinate noch einen praktischen Vorrang der Monarchie. Aber dieser scheint in späteren Zeiten, in denen die demokratische Staatsform faktisch existiert, entfallen zu können.

Die Konflikte eskalieren auf dem Katholikentag 1922. Kardinal Faulhaber lehnt die Revolution in seiner Ansprache als „Verrat“ und „Meineid“ ab. Bezüglich der jungen Republik äußert er sich jedoch differenzierter. Der Präsident des Katholikentages, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, sieht diese Opposition in regionalen Besonderheiten begründet. Der Mehrheit der Katholiken sei diese Perspektive fremd. Als Faulhaber verärgert die Veranstaltung verlässt, ist Adenauer diplomatisch genug, den Segen zu erbitten. Dennoch hat die Kontroverse ein Nachspiel. Adenauer wird der übliche vatikanische Orden für die Leitung des Katholikentages auf Druck Faulhabers hin verweigert.

Über die Frage, ob die Demokratie dem organisierten Katholizismus mehr Vorteile als der Obrigkeitsstaat verschafft, herrscht Uneinigkeit. Trotz der unvermeidlichen Trennung von Staat und Kirche ist vor allem die Garantie des körperschaftlichen Status der Kirchen nach Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung wichtig, den später das Grundgesetz übernehmen wird. Danach wird das Recht der Steuererhebung nicht angetastet, und auch die Möglichkeit des Religionsunterrichtes bleibt unbenommen, des Weiteren die Seelsorge in Krankenhäusern und im Bereich des Militärs. Darüber hinaus werden Ablösezahlungen des Staates an die Kirchen festgeschrieben, die bis heute immer wieder Gegenstand von Disputen sind.

Die Weimarer Republik ist bei allem Für und Wider für die Kirchen doch wesentlich vorteilhafter gewesen, als manche ihrer Repräsentanten meinten.

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16.09.2021, 13 Uhr
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