Mit Hildegard ins „Jahr des Glaubens“

Tausende Wallfahrer feiern die neue Kirchenlehrerin in Eibingen. Von Monika Metternich
Foto: Metternich | Volksnah über den Tod hinaus: Die heilige Hildegard fasziniert die Menschen bis heute.
Foto: Metternich | Volksnah über den Tod hinaus: Die heilige Hildegard fasziniert die Menschen bis heute.

Rüdesheim/Eibingen (DT) Tausende von Menschen sind am Montag singend und betend hinter dem goldenen Schrein mit den Gebeinen der heiligen Hildegard durch die fahnengeschmückten Gassen des malerischen Weinörtchens Eibingen gezogen. Am 17. September, dem Todestag der Heiligen, wird Hildegard von Bingen hier seit jeher gefeiert. In diesem Jahr erschien der Himmel jedoch noch blauer, die umliegenden Weinberge von noch üppigerer Fülle, die Sonne noch strahlender – und noch mehr Pilger hatten sich aus ganz Deutschland und vielen europäischen Ländern eingefunden, um Hildegard von Bingen nahe zu sein. „Die Schöpfung jauchzt mit!“ verlieh der Münsteraner Weihbischof Christoph Hegge der freudigen Stimmung Ausdruck. Sowohl in der Eibinger Pfarrgemeinde St. Hildegard, auf deren Boden sich eines der von ihr gegründeten Klöster befand, und in der ihre Gebeine ruhen, als auch in der Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard hoch oben in den Weinbergen wurde die festtägliche Freude über dieses ganz besondere Jahr 2012 spürbar: Über 800 Jahre nach ihrem Tod hat Papst Benedikt XVI. am 10. Mai in einem päpstlichen Dekret die „prophetissa teutonica“ zur Heiligen der Universalkirche erklärt, und am 7. Oktober wird er sie zur Kirchenlehrerin erheben.

Was die mittelalterliche Heilige den Menschen unserer Zeit zu sagen hat, entfaltete sich im umfangreichen Festprogramm des diesjährigen Hildegardisfestes in Eibingen. Im eindringlich vorgetragenen Mysterienspiel unter Regie von Bettina Gies wurden am Vorabend des Festes die Texte aus der Feder der mittelalterlichen Prophetin ganz plastisch. Das Ringen um die Seele des Menschen aus Hildegards Werk „Liber vitae meritorum – Buch der Lebensverdienste“ kann, so wurde hier spürbar, mitten ins Herz des postmodernen Menschen treffen in einem „Gesprächsprozess“ ganz anderer Art: Einem Dialog zwischen den menschlichen Stärken und Schwächen. Die 39. Nachfolgerin der heiligen Hildegard, Äbtissin Clementia Killewald, zeigte sich in einem Geleitwort überzeugt, „dass die Botschaft dieses Werkes nichts an Aktualität verloren“ habe. Es gehe um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, der sich im Herzen eines jeden Menschen wie auch in unserer zerrissenen Welt immer aufs Neue ereigne. Wie aktuell diese Botschaft ist, wurde im Festhochamt des Hildegardisfestes deutlich.

„Ihr seid Nacht, die Finsternis aushaucht“, zitierte Weihbischof Christoph Hegge in seiner Festpredigt Hildegard von Bingen aus ihrem denkwürdigen Schreiben an das Domkapitel von Köln und fragte betroffen, ob „die Posaune Gottes“ nicht auch direkt bis in unser 21. Jahrhundert schalle: „Sind auch wir eine Kirche der Nacht und der Dunkelheit? Strahlt auch bei uns nichts mehr aus? Sind auch wir ausgebrannt?“ Hildegard habe Erneuerung nicht in einer Veränderung von Strukturen gesehen, sondern in der persönlichen Umkehr. Dies sei „brandaktuell“ auch für unsere Zeit, in der die Kirche oft allzu statisch, „inquadrata“, in einem starren, institutionellen Rahmen gesehen werde. Mit Hildegard könnten wir Heutigen neu entdecken, dass die Evangelien nicht fromme Bücher seien, sondern „Drehbuch für das Leben“, aus dem Handlung erweckt werde. Durch unser Leben könnten wir zu Evangelisten werden. Dies erfordere den ganzen Menschen, die ganze Existenz.

Während noch Scharen von Pilgern in der Eibinger Pfarrkirche am Hildegardschrein vorbeizogen, konkretisierte Schwester Rafaela Brüggenthies in ihrem Vortrag „Mit Hildegard ins Jahr des Glaubens“ den Anspruch der Predigt und lud in der bis auf den letzten Platz dicht besetzten Abteikirche dazu ein, sich einmal zu fragen: „Was bedeutet es eigentlich, zu glauben? Und: Wie steht es mit meinem persönlichen Glaubensbekenntnis, meinem Ja zum Glauben?“ Die aus Hildegards Visionsschrift zitierten Texte vermochten dabei fast erschreckend deren prophetische Qualität zu bezeugen: Die darin zu Wort kommende „Stimme des Unglaubens“ könnte nicht nur direkt aus heutigen Internetforen stammen, sondern zuweilen durchaus auch aus dem eigenen Herzen: „Ein anderes Leben kenne ich nicht als dieses hier, das ich sehen und fühlen und fassen kann. Welchen Vorteil könnte eine ungewisse Existenz mir bieten? Also will ich nur das tun, was mir den meisten Nutzen verspricht.“ Was sich hier zeige, so Schwester Rafaela, sei eine verschlossene, resignierte Haltung: Noch bevor man sich vom wahren Leben berühren lasse, werde die Tür bereits wieder zugeschlagen, ein Rückzug ins Schneckenhaus der eigenen Selbstgewissheit. Zum Glauben gehöre aber, dass er beweglich sei und in Bewegung bringe. Der Glaube benötige ein existenzielles Engagement, eine Auseinandersetzung, die auch den Zweifel nicht ausspare, die sich aber einüben und betreffen lasse. Das Wort Gottes wolle nämlich in jedem menschlichen Leben Gestalt finden und so wieder Wort werden – als Antwort. Der Vortrag konnte so einen überraschenden und faszinierenden Einblick geben in die große, umkehrende Kraft, die aus der Beschäftigung mit den Worten der heiligen Hildegard im bevorstehenden Jahr des Glaubens erwachsen könnte.

Welchen Kairos die Erhebung Hildegard von Bingens zur Weltheiligen und zur Kirchenlehrerin gerade in diesem Jahr darstellt, wurde schließlich in der Ansprache des Ortspfarrers Holger Daniel bei der nachmittäglichen Reliquienfeier deutlich: Obwohl die Verehrung Hildegards von Bingen in der Region bereits direkt nach ihrem Tod am 17. September 1179 begonnen habe, seien die bisher erfolgten Versuche, sie zu einer Heiligen der gesamten Kirche zu erklären, gescheitert. Zum Datum ihres 800-jährigen Todestages hätten die Schwestern der Eibinger Abtei Sankt Hildegard und die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Frauenverbände und -gruppen, unterstützt vom damaligen Kölner Kardinal Höffner, 1979 in Rom die Bitte vorgetragen, der heiligen Hildegard den Ehrentitel einer Kirchenlehrerin zu verleihen. Doch habe sich gezeigt, dass für eine Erhebung zur Kirchenlehrerin zunächst die offizielle Heiligsprechung erfolgen müsse, und dass als Voraussetzung für die Heiligsprechung sämtliche Schriften Hildegards herausgegeben und wissenschaftlich untersucht sein müssten. All diese Vorarbeit wurde geleistet, ohne dass es jedoch zu einem formellen Verfahren kam. Von den meisten Katholiken unbemerkt habe Benedikt XVI. dann im September 2010 überraschend Hildegard von Bingen der katholischen Welt bei zwei seiner Mittwochsaudienzen vorgestellt als „eine große Frau und Prophetin“, die „mit großer Aktualität auch zu uns heute spricht, mit ihrer mutigen Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen“. Die Äbtissin und der Konvent der Abtei hätten daraufhin dem Papst in einem persönlichen Schreiben für seine Katechesen über ihre Klosterpatronin gedankt und erneut darauf hingewiesen, dass die offizielle Heiligsprechung noch immer ausstehe. Als hätte Papst Benedikt XVI. nur auf diese Bitte gewartet, sei sie gleichsam der Startschuss gewesen für das Heiligsprechungsverfahren, das schließlich in nur 15 Monaten abgeschlossen wurde. Pfarrer Daniel zitierte dazu eine der Eibinger Benediktinerinnen: „Es ist doch unglaublich, dass ausgerechnet wir die Generation sind, die das miterlebt, worauf unsere Mitschwestern über 800 Jahre lang gehofft haben.“

Im Hinblick auf das von Papst Benedikt XVI. demnächst eröffnete, weltweite „Jahr des Glaubens“ könnte die 800 Jahre lange Verzögerung der Heiligsprechung und ihre nun erfolgende Erhebung zur Kirchenlehrerin einen tiefen Sinn beinhalten: Dass Hildegard gerade mit ihrem für unsere Zeit so geeigneten Stil – amüsant und aktuell, realistisch und voll geistlicher Tiefe – genau die Richtige sein könnte, um die Suchenden der Postmoderne zu lehren und ihnen neue, frische und tiefe Anregungen für den Glauben zu geben. Wie die mannigfaltigen Angebote des diesjährigen Hildegardis-Festes in Eibingen zeigten, trifft Hildegard nämlich den geeigneten Ton für die inneren Nöte und die Befindlichkeiten unserer Zeit. Dass die Klosterkirche der Benediktinerinnen zur abschließenden Festvesper nicht nur vor Besuchern geradezu überquoll, sondern viele von ihnen jugendlichen Alters waren, machte überdeutlich, dass in zeitloser benediktinischer Frömmigkeit und Beharrlichkeit, einem Papst, dem die Erneuerung des Glaubens im 21. Jahrhundert ein wesentliches Anliegen ist und einer Vielzahl von Menschen, die in verwirrender Zeit auf der Suche nach Wahrheit sind, das ideale Zusammentreffen gegeben ist, Hildegard von Bingen gerade jetzt, im „Jahr des Glaubens“, zur Kirchenlehrerin zu erheben – als erste deutsche Kirchenlehrerin überhaupt.

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