„Mit Gottes Kraft ist alles möglich“

Wer nach Palermo fährt, kommt an der Mafia nicht vorbei. So ging es nun auch Papst Benedikt. Eine Botschaft der Hoffnung und eine Erinnerung an Don Pino Pugliesi, der seine Mörder anlächelte, bevor er starb Von Guido Horst

Palermo (DT) Don Pino Puglisi war Pfarrer in Brancaccio, einem Vorort von Palermo. Seine Pfarrei – eine Gegenwelt zu jenem Moloch, in dem viel Arbeitslosigkeit, viel Elend und vor allem die Mafia herrscht. Als ihm die beiden Killer Gaspare Spatuzza und Salvatore Grigoli gegenübertraten und die Tasche wegnahmen, lächelte Don Pino. „Ich habe euch erwartet“, sagte er noch, dann musste er sterben. Pfarrer Puglisi war der erste Priester nach gut sechzig Jahren, den die Mafia damals, am 15. September 1993, ermordet hat. Er war kein Aktivist gegen das organisierte Verbrechen, er gab weder Interviews noch zog er durch die Fernsehstudios. Er war nur ein Priester, der eine Pfarrei mit blühendem Gemeindeleben aufgebaut hatte. Sein Lächeln sollte Spatuzza und Grigoli noch lange begleiten. Sie wurden gefasst, kamen in Haft und begannen später mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Die Seelsorger, die ihnen seither begegnet sind, glauben ihnen, dass sie heute bereuen. Wem die beiden von ihrer Bekehrung berichten, dem erzählen sie von der Heiterkeit Don Pinos: „Da war ein Licht in seinem Lächeln.“ Zwei bekehrte Mafia-Killer, zwei von unzählig vielen, die auch heute noch töten.

Wenn sich die Kirche Italiens, mal in Gestalt eines Bischofs, mal über die katholischen Medien, mit eindringlichen Appellen gegen das organisierte Verbrechen wendet, taucht immer wieder dieselbe Frage auf. Sizilien gibt den Katholiken eine gehörige Nuss zu knacken auf. Mag sein, dass das Phänomen Mafia aus dem Umstand zu erklären ist, dass der Staat nie richtig auf Sizilien angekommen ist – auch nicht vor 150 Jahren, als sich das junge Königreich Italien die Insel einverleibte.

Papst Wojtyla zitterte vor Wut

Aber da ist ja noch das Christentum. 97 Prozent aller Sizilianer gehören der römisch-katholischen Kirche an, die Wurzeln der Erzdiözese Palermo gehen auf das erste Jahrhundert nach Christus zurück, da waren England, Irland und Germanien noch lange nicht missioniert. Warum treibt gerade hier, im erzkatholischen Sizilien, eine Verbrecherorganisation wie die Mafia ihr Unwesen? Warum ist es der Kirche nicht gelungen, diese ihre Insel zu befrieden? Warum hat sie das organisierte Verbrechen nicht bekehrt?

Einer, der das auch nicht fassen konnte, war Johannes Paul II. Fünf Mal hat er Sizilien besucht. Im Todesjahr Don Pino Puglisis, am 9. Mai 1993, hielt Papst Wojtyla im „Tal der Tempel“ bei Agrigent die berühmt gewordene Predigt, in der er von seinem Manuskript abwich. Er hielt es in vor lauter Wut zitternden Händen, als er den „Verantwortlichen“ der Mafia mehrfach jenes „Convertitevi, convertitevi!“ – „Bekehrt euch, bekehrt euch!“ zurief – eine Szene, die in fast jedem Dokumentarfilm zu sehen ist, der an diesen großen Papst erinnert.

Die Antwort kam wenige Wochen später. Am 28. Juli desselben Jahres sprengte eine Autobombe ein solch gewaltiges Mauerstück aus der Lateranbasilika heraus, dass die gesamte Fassade der Titelkirche des Papstes einzustürzen drohte. Die Mafia hatte wieder einmal klar gestellt, was sie von Bekehrung hält.

Als jetzt Benedikt XVI. zum ersten Mal als Papst Sizilien besuchte und den Sonntag in Palermo verbrachte, war Don Pino Puglisi präsent, auf Plakaten und Fotografien, aber auch in den Ansprachen des Papstes. Hunderttausend Gläubige hatte man auf dem „Foro Italico“ an der Strandpromenade der Stadt erwartet, bei strahlendem Wetter kamen schließlich mehr als doppelt so viele. Unter dem Motto „Ein Blick der Hoffnung“ hatten die sizilianischen Diözesen ein Treffen für Familien und Jugendliche in Palermo veranstaltet – und so war es ein weitgehend junges Publikum, das den Papst empfing. Als Kulisse dienten Papst Benedikt die gewaltigen Lastenkräne des Hafens der Stadt, als er in seiner Predigt das Stichwort „Hoffnung“ aufgriff. Sizilien leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit, einer korrupten Verwaltung, einer maroden Wirtschaft und eben der Mafia. Der Papst wollte Mut machen und sprach vor allem über den Glauben.

„Ich bin hier“, sagte er in seiner Predigt, „um euch fest dazu zu ermutigen, keine Angst zu haben, die menschlichen und christlichen Werte mit Klarheit zu bezeugen. Diese Werte sind so tief im Glauben und in der Geschichte dieser Gegend und seiner Bevölkerung verwurzelt.“ Papst Benedikt lud dazu ein, „den kostbaren Schatz des Glaubens eurer Kirche zu bewahren; mögen es immer die christlichen Werte sein, die eure Entscheidungen und euer Handeln leiten“. Auf diesen Glauben gelte es, das gesamte Leben zu gründen. „Der Gottlose“, so der Papst, „das heißt jener, der nicht nach dem Willen Gottes handelt, vertraut auf seine Macht. Doch er stützt sich auf eine zerbrechliche und unbeständige Wirklichkeit. Daher wird er sich beugen, er ist dazu bestimmt, zu Fall zu kommen. Der Gerechte hingegen legt sein Vertrauen in eine verborgene, aber feste Wirklichkeit, er vertraut auf Gott und wird daher das Leben haben.“

Auch in schwierigen Augenblicken müsse man den Glauben in der Gesellschaft bezeugen. „Man muss sich für das Böse schämen, für das, was Gott beleidigt, für das, was den Menschen beleidigt. Man muss sich für das Böse schämen, das man der zivilen und religiösen Gemeinschaft durch Handlungen antut, die ungern ans Licht kommen!“ Nur der erliege der Versuchung der Entmutigung und Resignation, sagte Papst Benedikt weiter, „der schwach im Glauben ist, der das Böse mit dem Guten verwechselt, der denkt, dass angesichts des oft tiefen Bösen nichts zu machen sei“. Wer dagegen fest im Glauben stehe, wer volles Vertrauen in Gott setze und in der Kirche lebe, sei fähig, die durchbrechende Kraft des Evangeliums zu bringen.

Voll Hoffnung in die Zukunft

In diesem Zusammenhang rief der Papst die vielen und großen Heiligen Siziliens der letzten Jahrhunderte in Erinnerung. Sizilien sei eine der ersten italienischen Regionen gewesen, in denen sich der Glaube der Apostel ausgebreitet habe. Und nun erinnerte er auch den ermordeten Don Puglisi, für den im Vatikan ein Seligsprechungsverfahren läuft. Er wie die anderen Heiligen sollten, so Benedikt XVI., in allen den Wunsch nähren, in Wort und Tat die Gegenwart und die Liebe Christi zu verkündigen. „Volk von Sizilien“, beendete der Papst seine Predigt, „blicke voll Hoffnung auf deine Zukunft! Lass in all seinem Licht das Gute hervortreten, das du willst, suchst und hast! Lebe mutig die Werte des Evangeliums, um das Licht des Guten leuchten zu lassen! Mit der Kraft Gottes ist alles möglich!“

Am Mittag traf der Papst zunächst die Bischöfe Siziliens im erzbischöflichen Palais, am Nachmittag dann Priester, Ordensleute und Seminaristen in der Kathedrale von Palermo. Dabei hob er die zentrale Bedeutung der Eucharistie für das priesterliche Leben hervor. Die Eucharistie sei Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, so der Papst, der an die Geistlichen die Fragen richtete: „Können wir sagen, dass dies auch für uns der Fall ist, für unser priesterliches Leben? Welche Sorgfalt wenden wir für die Vorbereitung der heiligen Messe auf, bei ihrer Feier, bei der Anbetung? Sind unsere Kirchen wirklich ,Haus Gottes‘, wo seine Gegenwart die Menschen anzieht, die heute leider oft die Abwesenheit Gottes verspüren?“

Die Türen der Pfarreien öffnen

Der Priester finde immer und in unveränderlicher Weise die Quelle seiner Identität in Christus, so der Papst weiter. Er sei vom „Siegel des Priestertums Christi besiegelt“, um an seiner Aufgabe als einzigem Mittler und Erlöser teilzuhaben. Daraus ergebe sich das weite Feld der Seelsorge. „Der Priester ist für die Gläubigen da“, so Benedikt XVI., der die Priester zur besonderen Sorge um die Jugend aufrief. Sie dürfe die Türen der Pfarreien nie verschlossen vorfinden. Wesentlich für die Kirche sei es, dass die Identität des Priesters mit ihrer „vertikalen“ Dimension bewahrt werde. Und wieder würdigte Benedikt XVI. den Seelsorger Puglisi. Dieser habe sich mit großem Eifer der Erziehung von Jugendlichen gewidmet und sei ein „heldenhaftes Vorbild“ priesterlichen Dienstes. Don Puglisi „hatte ein Herz, das von echter pastoraler Nächstenliebe glühte“. Seine Ermordung, so der Papst, sei „barbarisch“ gewesen.

Am frühen Abend dann auf der Piazza Politeama in der Innenstadt Palermos die Begegnung des Papstes mit den Jugendlichen – und hier nahm Benedikt XVI. dann auch das Wort „Mafia“ in den Mund. Er rief die jungen Leute dazu auf, sich nicht auf die organisierte Kriminalität einzulassen: „Erliegt nicht den Einflüssen der Mafia, dies ist eine Straße des Todes, die mit dem Evangelium unvereinbar ist.“ Das war schließlich der Satz, der am Abend die Nachrichten über die erste Sizilienreise Papst Benedikts prägte.

Zum Abschluss der Reise machte der Papst auf dem Weg zum Abflug einen unangekündigten Zwischenstopp in Capaci. Dort legte er vor dem Gedenkstein für den 1992 von der Mafia ermordeten Staatsanwalt Giovanni Falcone einen Blumenstrauß nieder und betete für die Opfer der Mafia. Dann ging es weiter zum Flughafen, der den Namen „Falcone und Borsellino“ trägt. Borsellino, Untersuchungsrichter in Palermo und Freund Falcones, fiel ebenfalls 1992 einem Sprengstoffattentat der Mafia zum Opfer. Wer nach Palermo fährt, der kommt an der Mafia nicht vorbei. So ging es nun auch Benedikt XVI. Aber der Papst hat dort vor allem über den Glauben gesprochen, der allein in der Lage ist, das Böse zu besiegen. So wie Don Pino Puglisi vor seinen beiden Mördern das Licht des Guten aufscheinen ließ. Vielleicht gibt es eine Hoffnung für die Insel. Am Sonntagabend ging ein Fernsehteam durch die Reihen der Jugendlichen, die den Papst getroffen hatten. Ob sie an eine Zukunft Siziliens ohne die Mafia glaubten, lautete die Frage. Und alle antworteten mit „Ja“.

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