„Mit dem neuen Papst ist alles anders“

Annäherung zwischen Vatikan und Al-Azhar-Universität möglich. Von Oliver Maksan
Foto: KNA | Kardinal Tauran.
Foto: KNA | Kardinal Tauran.

Kairo (DT/rv) Zwischen dem Vatikan und der Al-Azhar-Universität in Kairo könnte es zu einer Annäherung kommen. Darauf deuten jüngste Äußerungen aus Kairo hin. „Die Tür ist immer offen“, meinte jetzt Kurienkardinal Jean-Louis Tauran mit Blick auf das Angebot der Al-Azhar-Universität, den Dialog wieder aufzunehmen. „Ich hatte im Lauf der Zeit mehrere Versuche unternommen, wieder in Kontakt zu kommen“, so der Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog gegenüber der Nachrichtenagentur afp. Aber „das Problem liegt nicht auf unserer Seite“.

Die Al-Azhar-Universität, die als bedeutendste Autorität der sunnitischen Orthodoxie gilt und eine der ältesten Hochschulen der Welt ist, hatte 2011 die Gespräche mit dem Vatikan unterbrochen, vor wenigen Tagen hingegen eine mögliche Wiederaufnahme angedeutet. Mit der Wahl von Papst Franziskus sei eine neue Situation eingetreten, sagte der diplomatische Berater der Lehrstätte, Mahmud Abdel Gawad, der italienischen Tageszeitung „Il Messaggero“. „Wir hatten Probleme mit dem früheren Papst, nicht mit dem Vatikan. Jetzt stehen die Türen der Al-Azhar wieder offen“, so Gawad. Am vergangenen Samstag bekräftigte ein Statement der Azhar, eine Wiederaufnahme des Dialogs hänge „von positiven und ernsthaften Schritten ab, die deutlichen Respekt vor dem Islam und den Muslimen zeigen müssen“. Die Muslime warteten nun auf ein Zeichen von Papst Franziskus, so Gawad weiter: „Wenn er in einer Rede sagt, dass der Islam eine Religion des Friedens ist, dass die Muslime weder Krieg noch Gewalt suchen, wäre das schon ein Fortschritt.“ Eine Gelegenheit dazu biete etwa der bevorstehende muslimische Fastenmonat Ramadan, zu dem der Papst traditionell eine Botschaft an die Muslime sendet. Der Universitäts-Vertreter nannte es zudem eine „sehr, sehr hochgeschätzte Geste“, dass Franziskus bei seinem Gefängnisbesuch am Gründonnerstag die rituelle Fußwaschung bei einer muslimischen Inhaftierten vollzogen habe.

Für Irritationen sorgt in Kairo derweil, dass Papst Franziskus noch nicht persönlich auf eine Glückwunschbotschaft des Großscheichs der Azhar-Universität anlässlich seiner Wahl im März reagiert habe. „Das entspricht auch nicht dem vatikanischen Protokoll“, so Pater Rafik Greiche, Sprecher der ägyptischen Bischofskonferenz, am Mittwoch gegenüber dieser Zeitung. „Der Heilige Vater antwortet nie selbst auf derartige Schreiben, sondern lässt sie in seinem Namen vom zuständigen Behördenleiter erwidern. Der Großscheich der Universität, Ahmed Al-Tayeb, besteht aber auf einer Antwort des Papstes selbst. Er will damit zeigen, dass er auf Augenhöhe mit dem Vatikan spricht. Das soll auch die Institution aufwerten.“

Pater Greiche berichtete indes von derzeit intensiven Bemühungen im Hintergrund, die Beziehungen wieder zu normalisieren. „Der Dialog ist für beide Seiten wichtig. Es ist keine Einbahnstraße. Die Azhar-Universität braucht ihn, um in Kontakt mit der christlichen Welt und dem Westen kommen zu können. Der Vatikan seinerseits hat in der Universität eine wichtige Verbindungsstelle zur islamischen Welt. Das ist wichtig, um die Interessen der arabischen Christen wahrnehmen zu können.“

Auch innerägyptisch nehme die Universität eine wichtige Rolle wahr, um die konfessionellen Spannungen zu lindern, die sich zwischen Muslimen und Christen immer wieder entladen. Pater Greiche: „Azhar spielt hier in Ägypten eine wichtige Vermittlerrolle. Sie machen auf diesem Gebiet eine gute Arbeit.“ Die Azhar-Universität sehe sich selbst als Vertreterin des gemäßigten, traditionellen Islam. „Sie will weder fundamentalistisch sein noch liberal, sondern eine Mittellinie einnehmen. Ihr Einfluss beschränkt sich damit aber auf die gemäßigten Muslime“, so Greiche weiter. Von Seiten radikaler Gruppen wie der Salafisten und der regierenden Muslimbrüder stehe die Universität indes unter Druck. „Sie gilt in ihren Augen als zu liberal.“

Zu ernsten Irritationen zwischen Vatikan und Al-Azhar-Universität war es nach der Regensburger Rede Papst Benedikts XVI. 2006 gekommen. Damals hatte der emeritierte Pontifex ein Zitat eines byzantinischen Kaisers benutzt, um die Unvereinbarkeit von Gottesglaube und Gewalt zu veranschaulichen. Die zitierten Worte „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“, sorgten für Empörung unter Muslimen. In der Folge kam es in weiten Teilen der islamischen Welt zu teilweise gewalttätigen anti-christlichen Protesten. Pater Greiche betrachtet die Reaktionen indes als Missverständnis. „Der Papst wollte nie den Islam herabwürdigen. Aber seit Regensburg und trotz aller Klarstellungen hatte er von da an in der islamischen Welt ein Glaubwürdigkeitsproblem.“

Weiteren Unmut erregte eine Ansprache Papst Benedikts an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte diplomatische Corps im Januar 2011. Kurz nach dem Autobombenanschlag auf eine koptisch-orthodoxe Kirche am Neujahrstag in Alexandria, bei dem 24 Menschen starben, rief der Papst die ägyptischen Behörden auf, den Schutz für die Christen zu verbessern. Die Al-Azhar-Universität betrachtete dies als eine unzulässige Einmischung des Papstes in die inneren Angelegenheiten Ägyptens und brach den offiziellen, seit den neunziger Jahren bestehenden Dialog ab. Pater Greiche sah auch hier ein grobes Missverständnis der päpstlichen Äußerungen. „In Ägypten empörte man sich, weil der Papst angeblich die westlichen Mächte zu einer Intervention zugunsten der Kopten aufgefordert habe. Das hat er aber nie.“

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