Missionsarbeit für die Kirche von morgen

Plädoyer für einen selbstbewussten Katholizismus – Perspektiven für Gläubige in der Diaspora

Eine Publikation über „missionarische Perspektiven einer Diaspora-Kirche“ muss Interesse erregen – auch dort, wo Kirche sich noch nicht als Herde Gottes in der Zerstreuung fühlt. Mag in Landstrichen Deutschlands wie Bayern, dem Rheinland und Westfalen ein katholischer „Bodensatz“ noch spürbar, mag das Christliche noch weit präsenter sein als in den neuen Bundesländern, so darf man auch hier nicht die Augen davor verschließen, wohin die Reise nach menschlichem Ermessen geht: Die Volkskirche ist dabei, von einer kleinen Bekenntniskirche abgelöst zu werden. Dass diese die Menschen erreicht, dass sie bemerkt und gesehen wird, damit ihre Mission Erfolg hat – darauf kommt es an, darum muss sich diese Kirche mühen. Der Titel des von Georg Austen und Günter Riße herausgegebenen Buches ist insofern eine programmatische Richtungsangabe: „Zeig draußen, was du drinnen glaubst“.

In einer Fülle von Beiträgen, die sich einem 2009 stattgehabten internationalen Glaubenssymposium zur 160-Jahr-Feier des Bonifatiuswerks der Deutschen Katholiken 2009 verdanken, beschäftigen sich die Autoren des Bändchens mit den verschiedenen Aspekten der Diaspora-Existenz von Kirche. So geht es, – nach mehr grundsätzlichen Erwägungen – um Projekte der Caritas „als ,Leuchttürme‘ kirchlichen Handelns in der Diaspora“; In den ersten Jahrhunderten der Kirche war es ja nicht zuletzt die von dieser aufgebaute, organisierte Praxis der Nächstenliebe, die auf jene, die „draußen“ standen, überzeugend gewirkt hat. Verheißungsvoll scheint in missionarischer Hinsicht auch christliche Medienarbeit zu sein, mit der sich mehrere Beiträge befassen. Einer von ihnen stellt die kirchliche Medienarbeit im Erzbistum Hamburg dar. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Thema „Kinder- und Jugendseelsorge in der Diaspora“. Hiermit sind nur einige Akzentsetzungen der Publikation berührt, die insgesamt aus 32 farben- und facettenreichen Aufsätzen besteht.

Unter den Autoren befinden sich unter anderen die Erzbischöfe und Bischöfe Jean-Claude Périsset, Hans-Josef Becker, Anders Arborelius, Joachim Reinelt, Werner Thissen, Gerhard Feige, Franz-Josef Bode, Leo Nowak und Franz-Josef Overbeck. Es ist ein wirklich lesenswertes Bändchen entstanden, wenngleich naturgemäß nicht jeder Beitrag jeden Leser in derselben Weise ansprechen wird. Insgesamt aber wünscht man sich das Buch in die Hände vieler Pfarrgemeinderäte und Pastoralkonzeptrunden auch in den Landstrichen, die scheinbar noch nicht zur Diaspora gehören.

Sehr Bedenkenswertes sagt in seinem Beitrag Bischof Arborelius aus Schweden über die Situation der katholischen Kirche in seinem Land. Er lässt uns darin erahnen, wie es in einigen Jahrzehnten wohl auch im Süden und Westen Deutschlands sein wird, und welche Konsequenz zu ziehen ist: „Als Minderheit sind wir berufen, als Sauerteig zu leben, zu arbeiten und zu evangelisieren. Oftmals müssen Gläubige hundert oder mehr Kilometer fahren, um die heilige Messe zu feiern. Ich habe den Eindruck, dass es in unserer Situation nötig ist, bewusst stolz und froh zu sein, über die Gabe, die uns gegeben ist, katholisch zu sein. Es ist eine Auserwählung, eine besondere Gnadengabe Gottes, die wir hüten müssen, etwas, wofür wir Gott gegenüber unendlich dankbar sein müssten. Wenn wir nicht diese Grundeinstellung haben und sie den Gläubigen vermitteln können, werden sie sich schämen, dass sie ganz anders als die anderen sind“.

Missionsarbeit ist nur denkbar, wenn die Freude am Katholischsein in weit stärkerem Maße als heute in Deutschland erlebbar um sich greift und zu einer begeisternden Flamme wird. Würde ein selbstbewusster Katholizismus von den Gläubigen in West- und Süddeutschland heute stärker eingeübt, so wäre man für kommende, vielleicht extreme Diaspora-Situationen gerüstet, ja vielleicht gelänge es dann doch noch – bevor diese eintreten – das Steuer zu einem wieder christlicheren Deutschland hin herumzureißen. Sehr überzeugend macht Arborelius deutlich, dass ein froher, glaubenssicherer Katholizismus mit einem falschen, verlogenen Triumphalismus nicht das Geringste zu tun hat: „Zugleich muss aber dieser Stolz [katholisch zu sein] mit Demut vereinigt werden... Irgendwie müssen wir zeigen, dass unser Glaube an die Wahrheit, die Gott in vollem Maße seiner Kirche anvertraut hat, uns sowohl demütig macht, weil wir so schwach und sündig sind, als auch stolz, weil wir berufen und auserwählt sind, katholisch zu sein.“ Welchen Dienst und Auftrag die Kirche in einer nichtchristlichen, säkularisierten Gesellschaft hat, bringt übrigens Albert Biesinger in vorliegendem Buch mit letzter Klarheit zum Ausdruck: „Werte lernen ist eine Überlebensstrategie in unserer Gesellschaft geworden, soll sie nicht in Egoismus, Aggression, Drogen und Satanskulten versinken.“

Das anregende, interessante und perspektivisch wertvolle Buch kann zur Lektüre allen empfohlen werden, denen die Zukunft der Kirche hierzulande ein Anliegen ist – und die auch bereit sind, von den Erfahrungen von Schwestern und Brüdern zu lernen, die ihren Glauben schon jetzt als kleine Herde praktizieren.

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