Missionarisches Feuer und ätzende Kritik

Arnold-Janssen-Tage: Zum hundertsten Todestag des heiligen Ordensgründers bot Goch ein höchst unterschiedliches Programm

Goch (DT) „Besondere Arnold-Janssen-Tage“ hatte Günther Hoebertz, Vorsitzender der „Arnold Janssen Solidaritätsstiftung“ und Pastor der Pfarrei „St. Arnold Janssen“ im niederrheinischen Goch, für das vergangene Wochenende versprochen. Und er sollte Recht behalten. Wenn auch vermutlich nicht in jeder Hinsicht wie beabsichtigt.

Anlässlich des 100. Todestages des 1837 in Goch geborenen, 1909 im niederländischen Steyl gestorbenen und 2003 in Rom heiliggesprochenen Gründers des weltweit tätigen Steyler Missionswerkes, hatten Stiftung und die Pfarrei weder Kosten noch Mühen gescheut, um ein ebenso interessantes wie abwechslungsreiches Programm der bereits zum dritten Mal stattfindenden Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Und so reichte das Angebot von festlichen Gottesdiensten, die von Radio Horeb übertragen live wurden, über einen von dem TV-Moderator und Bestseller-Autor Stephan Kulle glänzend moderierten Talk-Abend mit vielen prominenten Gästen sowie einer ganzen Reihe gehaltvoller Vorträge bis hin zu einem bunten Bühnenprogramm, mit dem heimische wie auswärtige Künstler die Besucher im „Forum der Begegnung“ unterhalten sollten.

Der Zuspruch der Einheimischen fiel eher mager aus

Ein Orgelkonzert des weit über Deutschland hinaus bekannten niederrheinischen Kirchenmusikers und Organisten Stefan Palm, eine Fotoausstellung im Arnold-Janssen-Geburtshaus, welche die Arbeit der Steyler Missionare in zahlreichen Missionsländern treffend ins Bild setzte, sowie Workshops, in denen sich die Teilnehmer unter fachkundiger Leitung aus China stammender Steyler Seminaristen sich in der Kunst der Kalligrafie üben können sollten und viele weitere Angebote rundeten das umfangreiche Programm, bei dem die Veranstalter an jedes Alter und nahezu jeden Geschmack gedacht hatten, ab.

Was fehlte, war allein der Zuspruch der heimischen Bevölkerung. Waren die Arnold-Janssen-Tage in den vorausgegangenen Jahren noch von bis zu fünftausend gläubigen und suchenden Menschen besucht worden, so waren es diesmal nur hunderte.

Ob dafür vornehmlich die unangenehme Witterung, mit immer wieder einsetzendem Regen und eisigem Wind, zahlreiche Konkurrenzveranstaltungen in und um Goch oder aber die schlechte Stimmung, die in Goch wegen des kürzlich bekannt gewordenen geplanten Verkaufs einer der drei Innenstadtkirchen verantwortlich waren, oder eine Mischung aus allem, muss dahingestellt bleiben. Als am Dreifaltigkeitssonntag endlich auch die Sonne ihr Gesicht zeigte, traf man jedenfalls auch eine Reihe von Gochern, die schwarze T-Shirts trugen, auf denen in weißen Lettern „Wir sind Liebfrauen Goch“ stand und die damit gegen den geplanten Verkauf der Kirche „protestierten“ wollten. Vereinzelt wurde gar von einer „Abstimmung mit den Füßen“ gesprochen.

Und so erlebten bedauerlicherweise denn auch nicht mehr als 250 Menschen, wie am Abend zuvor der für das ZDF und Phönix arbeitende Journalist und Vatikan-Kenner Stephan Kulle in der Aula des nahegelegenen Bischöflichen Gymnasiums und Internats „Collegium Augustinianum Gaesdonck“, das schon Arnold Janssen besucht hatte, in einer von Schülern und Lehrern perfekt organisierten und musikalisch gestalteten Veranstaltung „Missionare zum Gespräch“ bat.

In vier Talkrunden leuchten Kulle und seine Gäste, darunter der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der zuvor ein Pontifikalamt in der Arnold-Janssen-Kirche gefeiert hatte, die zahlreichen Facetten des Themas „Mission“ aus. Den Anfang machten der in Deutschland bestens bekannte nigerianische Priester, Professor für katholische Sozialethik und Menschenrechtler Msgr. Obiora Ike und der Erzbischof der indischen Diözese Cuttak-Bhubaneshwar, Raphael Cheenath, ein Steyler Missionar.

Beide beleuchteten ausführlich die Situation ihrer Ortskirchen. Obwohl in Indien Missionare seit 1950 nicht mehr ins Land einreisen dürfen, das wie Cheenath bemerkte, ein eigener Subkontinent sei, und die Christen dort derzeit eine Verfolgungswelle nach der anderen erlebten, gebe es dort viele Berufungen. Erzbischof Cheenath berichtete von 13 000 Diözesanpriesters, 8 000 Novizen und 95 000 Ordensschwestern. In Nigeria wurden in letzten Jahr 820 Priester geweiht, darunter allein 52 Priester aus der Diözese Enugu, zu der auch Ike gehört, und in er der unter dem vormaligen Bischof als Generalvikar diente. Ike zufolge ist Nigeria das Land, das derzeit weltweit über den meisten Priesternachwuchs verfügt, gefolgt von Indien und Polen. Auf die Frage von Kulle, wie lange es dauern werde, bis die ersten Missionare aus Afrika nach Deutschland kämen, antwortete Ike verschmitzt, sie seien schon dar. Überall in Afrika beteten Priester und Ordensleute für die Kirchen Europas. Nigeria sei bereit jederzeit, deutschsprechende Missionare nach Deutschland zu schicken.

Dabei ließ der sympathische Priester durchblicken, dass er es für einen Fehler hält, dass die deutschen Bischöfe davon bisher kaum Gebrauch machten. So gebe es zum Beispiel in Deutschland zahlreiche Immigranten, die, weil sie in den „etablierten Pfarreien keinen Anschluss“ fänden, sich Sekten zuwendeten, wo sie Christus nicht begegneten. Wie Ike ausführte, sei Gott Mensch geworden, um die Menschen zu ihm zurückzuführen. Der Mensch wiederum existiere, „um Gott zu kennen, Gott zu lieben und zu verehren“, so Ike. Der Nigerianer, der an seiner Wertschätzung für Deutschland, in dem er studiert hatte und das er bis heute regelmäßig besucht, keinen Zweifel aufkommen ließ, kritisierte, dass die Kirche hier zu verschlafen sei und die Berufung des Menschen zu einer innigen Beziehung mit Gott zu sehr aus den Augen verloren habe. Die von vielen Menschen empfundene und beklagte Sinnlosigkeit ihrer Existenz haben in dieser fehlenden Beziehung ihren Ursprung, so Ike.

Mit Erzbischof Schick und dem Steyler Pater Herbert Scholz von der Leitung des Steyler Missionswerkes in Rom, der für den kurzfristig verhinderten Generalsuperior Pater Antonio Pernia nach Goch gekommen war, diskutierte Kulle, wie sich Mission auf der Leitungsebene in Europa darstellt. Dabei räumte zunächst Schick ein, dass Deutschland „ein Missionsland“ geworden sei. Die Kirche in Deutschland, sei „zum Teil verbürgerlicht“ und „zu angepasst“, beklagte der Bamberger Oberhirte. In der gegenwärtigen Krise stecke jedoch auch eine Chance. „Damit wir wieder lernen, ganz nah bei Gott und ganz nah bei den Menschen zu sein“, so Schick.

Der Erzbischof, der in der Deutschen Bischofskonferenz die Kommission Weltkirche leitet, die auch die Arbeit der katholischen Hilfswerke Adveniat, Missio, Misereor und Renovabis betreut, unterstrich, dass sich Mission heute unter einem anderen Blickwinkel als früher ereigne. Heute würden nicht mehr die Länder, die helfen entscheiden, was gut für die Länder sein, denen geholfen werde, sondern umgekehrt.

Dem pflichtet auch Pater Hermann Scholz bei, der lange Zeit als Missionar auf den Philippinen gewirkt hatte. Das Generalkapitel der Steyler in Rom lege Wert darauf, dass nur Projekte bewilligt würden, die aus Sicht der Ortskirchen eine Hilfe darstellten.

In einer weiteren Gesprächsrunde standen zwei jungen Frauen dem Moderator Rede und Antwort. Während Johanna Ohm, Sprecherin der „Generation Benedikt“ erläuterte, dass sie sich in den Medien engagierten, um jungen Menschen ein anderes Bild von Kirche zu vermitteln, als das von säkularen Medien transportierte, berichtete die Aachener Medizinstudentin Judith Wenner von einem elfmonatigen Aufenthalt in Ghana als „Missionarin auf Zeit“. Dabei stellte sich heraus, dass die Jugendlichen in Ghana eigentlich die junge Deutsche missioniert haben. Während hierzulande Religion Privatsache sei, über die man nicht spreche, begleitet der „Glaube die Jugendlichen in Ghana durch den Alltag“, erklärte Wenner. Es gebe charismatische Priester, bei denen sich die Jugendlichen selbst dann wohlfühlten, wenn ihre Eltern Naturreligionen anhingen.

Warum Ähnliches in Deutschland so schwer ist, demonstrierte der Steyler Pater Hermann Bickel. Der „Zauberpater“ nutzte seine Vorstellung am Sonntag nachmittag, um neben der Vorführung von Zaubertricks ein Triade von Kirchenkritik den staunenden Jugendlichen und ihren Eltern zu Gehör zu bringen. Von der „polnischen Flugente“, gemeint war Johannnes Paul II. und dem „Kanalmeister, der ständig Meisner Porzellan“ zerschlage, war dort ebenso die Rede, wie vom „Vati-kann“, der besser „Mutti-kann“ hieße, damit nicht soviel schief gehe. Dass Priester von „Ehe und Familie“ keine Ahnung hätten und daher wie „Blinde von der Farbe“ redeten, erfuhren die Kinder dort ebenfalls.

Mission zum Abgewöhnen. Vor diesem Hintergrund war es dann nicht ganz so schade, dass die Arnold-Janssen-Tage diesmal deutlich schlechter als bisher besucht waren.

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