Milde Strafe für den Butler des Papstes

„Vatileaks“: Das Recht ist gesprochen, aber aufgeklärt ist nichts. Von Guido Horst
Foto: dpa | Fand gnädige Richter: Paolo Gabriele (im grauen Anzug) bei der Urteilsverkündung.

Rom (DT) Es hat schon einmal einen überführten Täter gegeben, der einen Anschlag auf den Papst verübte und nach der Aburteilung den Gerichtssaal verließ, ohne die wirklichen Hintergründe seiner Tat offenbart zu haben. Das war Ali Agca, der 1981 auf dem Petersplatz auf Johannes Paul II. schoss. Am Samstag konnte der 46 Jahre alte Italiener Paolo Gabriele zurück in seine Wohnung im kleinen Vatikanstaat gehen, ohne dass irgend jemand in aller Klarheit erklären könnte, was den ehemaligen Kammerdiener Benedikts XVI. dazu getrieben haben könnte, vertrauliche Dokumente des Papstes an einen oder mehrere Journalisten weiterzuleiten. Recht ist gesprochen, aufgeklärt ist gar nichts. Die Richter haben Milde gezeigt. Hinter den drei Jahren Haft, die der „Promotore di giustizia“ Nicola Picardi, eine Art Staatsanwalt in vatikanischen Diensten, gefordert hatte, blieb das Tribunal zurück. Ihr Urteil vom vergangenen Samstag lautete auf achtzehn Monate Gefängnis, die Gabriele ab heute in einer italienischen Haftanstalt absitzen müsste, wenn ihn nicht noch kurzfristig eine Begnadigung durch Papst Benedikt erreicht. Vatikansprecher Federico Lombardi hat das vor Journalisten in Aussicht gestellt. Träfe sie ein, könnte der untreue Kammerdiener bei seiner Familie bleiben und – Anwalt Picardi spekulierte bereits darüber – eine andere Anstellung im Vatikan erhalten, fernab von irgendwelchen Leitungsebenen.

Das Vatikangericht hat davon abgesehen, die Frage der Mittäterschaft aufzuklären. Wer Gabriele in der vergangenen Wo-che im Gerichtssaal erlebt hat, konnte nicht den Eindruck gewinnen, einen entschlossenen und raffinierten Einzeltäter vor sich zu haben. Aber der Butler des Papstes blieb bei seiner Version: „Vom Heiligen Geist infiltriert“ habe er vertrauliche Papstdokumente an die Öffentlichkeit gebracht, um seinen Dienstherrn im weißen Gewand durch einen „medialen Schock“ auf Missstände in der römischen Kurie aufmerksam zu machen. Komplizen oder Auftraggeber habe er nicht gehabt. Auch Geld sei keines geflossen. Es habe lediglich Personen gegeben, die ihn „beeinflusst“ hätten. Gabriele nannte die Kardinäle Angelo Comastri und Paolo Sardi oder die Papstmitarbeiterin Ingrid Stampa sowie weitere Italiener. Das Gericht verzichtete aber darauf, diese Personen als Zeugen vorzuladen oder herauszufinden, welcher Art diese „Einflussnahme“ war.

Vor allem hat das vatikanische Tribunal nichts unternommen, um die entscheidende Frage zu klären: Wie kam der Kontakt zustande zwischen „Paoletto“ Gabriele und Gianluigi Nuzzi, dem Journalisten, der aus einer Reihe – aber nicht aus allen – der aus dem päpstlichen Appartement herausgeschmuggelten Papiere das angebliche Enthüllungsbuch „Seine Heiligkeit – Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.“ fabrizierte? Der Kammerdiener des Papstes war von Anfang an ein „Sammler“ und „Geheimniskrämer“. Seit seinem Amtsantritt, also seit 2006, das hat die Aussage von Privatsekretär Georg Gänswein bestätigt, nahm Gabriele Originale oder Kopien von Papstpapieren nach Hause mit, um sie mit einem Aktenberg aus Schriften über Esoterik, Geheimdienste, Freimaurerei und andere dubiose Dinge zu vermischen. Dass Gabriele nicht gemerkt haben soll, dass auch ein Klumpen Gold oder ein Scheck, ausgestellt auf den Papst, zu dem Diebesgut aus dem Vatikan gehörten, klang beim Prozess wenig glaubhaft. Aber immerhin: Wäre es bei der privaten Sammlertätigkeit des Butlers geblieben und hätte man dies irgendwann festgestellt, hätte man das Ganze wie einen „innervatikanischen Betriebsunfall“ behandeln können. Gabriele wäre diskret von seinem Posten entfernt und versetzt worden. Auch in anderen römischen Kongregationen wie in ganz säkularen Behörden mag es vorkommen, dass sich ein Mitarbeiter aus Dokumenten seiner täglichen Arbeit ein Privatarchiv aufbaut. Der entscheidende Schritt aber war der, dass Gabriele Anfang 2012 an die Öffentlichkeit ging und den Fall „Vatileaks“ auslöste. Als vermummter Gesprächspartner in einem Fernsehinterview, das er Gianluigi Nuzzi gab und in dem er aussagte, ihn umgäben zwanzig Gesinnungsgenossen, und als Dokumentenlieferant, was dann über seinen privaten Hang zum Sammler und Geheimniskrämer hinausging.

Der Journalist Nuzzi gibt in dem Buch „Seine Heiligkeit“ genaue Auskunft darüber, wie der Kontakt zu Gabriele zustande gekommen sein soll. Über einen alten Bekannten und zwei „sorgfältig und schlicht gekleidete“ Italiener, die ihm das erste Treffen mit Gabriele vermittelten. Die Version des ehemaligen Kammerdieners lautet anders: Er hätte sich direkt per E-mail an Nuzzi gewandt, da ihn dessen Buch über das päpstliche Geldinstitut IOR, „Vaticano Spa“, beeindruckt habe. Das Gericht zeigte nicht das geringste Interesse, diesen Widerspruch aufzuklären. Weder der Vorsitzende Richter Giuseppe Dalla Torre, noch der vatikanische Staatsanwalt Nicola Picardi oder Gabrieles Verteidigerin Cristina Arru. Stattdessen wollte man den Prozess im Eilverfahren über die Bühne bringen, bevor die römische Bischofssynode zur Neuevangelisierung und das „Jahr des Glaubens“ beginnt. Viele Fragen blieben also offen. Nur haben offene Fragen die Angewohnheit, irgendwann wieder aufzubrechen.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann