Mehr als Luther und Religion

Thomas Kaufmann liefert mit seiner „Geschichte der Reformation“ ein epochales Werk zu 1517 und den Folgen. Von Urs Buhlmann
Lichtperformance "luthERleuchtet" in Halle
Foto: Sebastian Willnow (dpa-Zentralbild) | In das Kirchenschiff der Marktkirche "Unser Lieben Frauen" in Halle/ Saale (Sachsen-Anhalt) werden am 23.05.2017 Portraits von Martin Luther projiziert.

Die Reformation, ein Thema nicht nur von theologischer, sondern gleichermaßen auch politischer Bedeutung, hört nicht auf, Wissenschaftler aller Fachrichtungen zu beschäftigen. Thomas Kaufmann ist Lehrstuhl-Inhaber für Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Göttingen und legte seine „Geschichte der Reformation“ erstmals 2009 im „Verlag der Weltreligionen“ vor. Inzwischen ist sie durchgesehen und ergänzt wieder erschienen. Er hat, wie alle ernstzunehmenden Forscher auf diesem Gebiet, die alte These von der Einmaligkeit der Tat Luthers und von der Reformation als Befreiung aus Dunkelheit und Unwissen hinter sich gelassen. Vielmehr beginnt er sein Buch mit dem ausführlich dargestellten Panorama der spätmittelalterlichen Geisteswelt, die zu weiten Teilen noch religiös geprägt war. Er will den Blick dafür schärfen, „dass die Bemühung um eine Reform der Kirche (...) kein primär von Außenseitern verfochtenes Nebenthema des Zeitalters um 1500 war, sondern ein Hauptthema, das viele Personen, Gruppen und geistliche Korporationen beschäftigte“. Denn die Kirche galt immer noch als der „alternativlose Raum“, in dem das, was Kaufmann „Heilssicherung, Kontingenzbewältigung und soziokulturelle Repräsentation“ nennt, seinen angestammten Platz hatte. Zur Kirche gehörten ja damals, außer Juden, Muslimen und Gebannten, alle, sie „war die einzige Ordnungsgröße des Zeitalters, die wirklich bei den Menschen aller Stände, Orte und Lebensalter war“.

So muss man Martin Luthers Anstoßnehmen an den Auswüchsen der Papstkirche und den von ihm erkannten Irrwegen der Theologie sowie sein Eintreten für eine bibelzentrierte Erneuerung grundsätzlich positiv werten. Zu den Vorzügen von Kaufmanns Werk gehört, dass er dem Wirken des Ur-Reformators den nötigen Raum einräumt, ihn aber nicht zu seinem „Helden“ erklärt.

Als den eigentlichen Auslöser für die Reformation nennt er den Ablassstreit, wie es auch schon damals von Befürwortern und Gegnern Luthers gesehen wurde. Der Augustinermönch wollte sich, bei aller Schärfe in der Argumentation, damals noch nicht von der Alten Kirche lösen, sondern ihr vielmehr helfen. Den „Flächenbrand, der die Einheit des abendländischen Kirchentums dauerhaft zerstören sollte“, sah er zunächst nicht voraus. Ein interessanter Aspekt des nun einsetzenden, anfänglich nur mit Tinte und Feder ausgetragenen Konfliktes war, dass das noch neue Druckerhandwerk sich in ungeahnte Höhen aufschwang und sagenhaft hohe Auflagen erzielte. Das gilt für die Publizistik beider Seiten, wobei festzuhalten ist, dass Luther-Schriften besonders viel Nachfrage erzeugten. Besonders beachtet Kaufmann den „Sermon über die Macht der Exkommunikation“ von 1518, der ein Jahr nach dem ominösen Thesenanschlag bereits wesentliche Grundelemente der später noch mehr ausgeformten lutheranischen Theologie enthielt: der kirchliche Bann wirke nur äußerlich, die geistliche Gemeinschaft liege allein in Gottes Hand (solus deus) und könne von keiner Kreatur, auch nicht vom Papst berührt werden. „Der ganz auf das geistliche, persönliche Gottesverhältnis abzielende Kirchenbegriff enthielt die theologischen Potenziale, um der eigenen Verketzerung zu begegnen, bevor sie akut wurde“, so Kaufmann. Mit dem Verbrennen der päpstliche Bannandrohungsbulle 1520 vollzog Luther, der bereits der Reichsacht unterlag, „einen historisch beispiellosen Vernichtungs- und Exorzismusakt“ und sagte sich von der alten, als nicht mehr reformierbar erachteten Kirche los: „Sie basierte auf Sakramenten, die die Bibel nicht kannte und die Christus nicht eingesetzt hatte, (...) sie zerteilte die Gemeinde Christi in berechtigte Kleriker und hörige Laien“ etcetera. „Eine solche Kirche konnte Luther nur hassen, sie wollte er vernichten.“

Klare Worte, sie machen deutlich, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr um „Reform“ ging, sondern um Dominanz über den Gegner, der auch zum politischen Feind wurde. Denn die Reformation war eben nicht nur geistliches Ringen, sondern eminent politisches Tun. Es ging um die Vormacht im Reich; die neue Lehre war bei einigen der Fürsten echtes Antriebsmittel, bei anderen nur Vorwand. Der Kaiser – für die Zeit der Ausbreitung der neuen Lehre Karl V. – hatte katholisch zu sein und war es auch. Von einem Prozess der Fanatisierung im weiteren Verlauf wird man bei ihm aber nicht sprechen können. Auch wenn er im Schmalkaldischen Krieg die erste militärische Auseinandersetzung um die Reformation zu führen hatte – unvermeidlich, denn die sich in den Territorien ausbreitende Protestantisierung ging mit einer Herausforderung und – in der Folge – einer Schwächung der kaiserlichen Zentralgewalt einher – war Karl doch immer um Ausgleich bemüht. Am Ende akzeptierte er das 1555 im Augsburger Religionsfrieden erreichte Nebeneinander der nunmehr statuierten Konfessionen und trat erschöpft zurück. Diese politische Seite des Geschehens wird von Kaufmann fair und gleichberechtigt mit dem religiösem Aspekt geschildert. Der Autor stellt heraus, wie die von Luther in ursprünglich guter Absicht entfesselten Kräfte alle Beteiligten immer wieder zu überwältigen drohten, wenn sie sich mit ideologischer Halsstarrigkeit oder machtpolitischen Aspirationen kreuzten. Der Autor zeichnet getreulich die „Bekenntnisse, Bündnisse, Beschwernisse“ bei dieser Politisierung der Religionsfrage ebenso auf, wie er die großen Dokumente dieses in erster Line immer noch intellektuellen Ringens vorstellt und bewertet: die mühsam Ordnung im Politischen schaffenden „Reichsabschiede“, die Confessio Augustana, ihre katholische Widerlegung Confutatio und dergleichen thesenhafte Bekenntnisartikel.

Kaufmann hält fest, dass nach wechselndem Kriegsglück um die Mitte des 16. Jahrhunderts Wirklichkeit wurde, „was der Kaiser drei Jahrzehnte mit Erfolg verhindert hatte: die auf Dauer gestellte reichsrechtliche Anerkennung der protestantischen Ketzerei und damit das faktische Ende eines Herrschaft und Gesellschaft integrierenden einheitlichen Religionskonzeptes im Reich“. Das war gleichsam die politische Seite der Medaille, und es muss noch einmal in Erinnerung gerufen werden, dass sich Religion in jenen Zeiten noch unmittelbar im täglichen Zusammenleben und eben auch im Zueinander von Obrigkeit und Untertanen auswirkte. Ebenso war theologisch in jenen wenigen Jahrzehnten seit 1517 immer klarer geworden: „Der Zwang zum fundamentalen Gegensatz gegen den Papst und alles Papistische, der der zur Ketzerei verurteilten Reformation als Kainsmal anhaftete, schlug mittelbar auch die Verteidiger der römischen Kirche in seinen Bann und erzeugte einen gegenreformatorischen Affekt. Wer der Papstkirche die Treue halten wollte, konnte nicht anders, als gegen die Reformation zu sein.“

Den Weg zur schlussendlich einsetzenden Konfessionalisierung – zum „getrennt-Glauben“, das leider vielerorts lange auch ein „getrennt-Leben“ wurde – war damit gewiesen. Auch darüber und über das, was immer noch als „Gegenreformation“ bekannt ist, samt dem Konzil von Trient, informiert Kaufmann umfassend.

So lädt sein Monumentalwerk zu vielerlei Reflexionen ein, auch darüber, dass die Reformation am Ende das größte „Geschenk“ ist, das die Deutschen der Welt gemacht haben. Thomas Kaufmanns Schlussfolgerung, die Reformation habe – hier zitiert er Luthers Freund Philipp Melanchthon – das Licht des Evangeliums neu entzündet und die Kirche wiederum zu ihren Quellen zurückgerufen, ist richtig. Ebenso wahr ist: „Die Kirche freilich, die diesen Ruf vernahm, war nicht mehr die Kirche des Papstes. In dieser Hinsicht (das ist der letzte Satz Kaufmanns, Anm. d. Verf.) ist die Reformation gescheitert.“

Thomas Kaufmann: Geschichte der Reformation in Deutschland. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 1 038 Seiten,

ISBN 978-3-518-42541-1, EUR 28,–

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