„Mauern stehen nicht ewig“

Beim Abschied aus Bethlehem am 13. Mai 2009 versichert der Papst im Präsidentenpalast, dass er sich weiterhin für Friedensverhandlungen einsetzen wird

Herr Präsident!

Liebe Freunde!

Ich danke Ihnen für die große Freundlichkeit, die Sie mir im Verlauf dieses Tages entgegengebracht haben, den ich in Ihrer Begleitung hier in den Palästinensischen Gebieten verbringen durfte. Ich bin dem Präsidenten, Herrn Mahmoud Abbas, dankbar für seine Gastfreundschaft und seine liebenswürdigen Worte. Es war für mich sehr bewegend, auch die Zeugnisse der Bewohner zu hören, die über die Lebensumstände hier in der West Bank und im Gazastreifen zu uns gesprochen haben. Ich versichere Ihnen allen, dass ich Sie in meinem Herzen mitnehme und ich sehnlichst wünsche, Friede und Versöhnung in diesen leidgeprüften Gebieten zu erleben. Es war wirklich ein sehr denkwürdiger Tag. Seit ich heute früh in Bethlehem angekommen bin, hatte ich die Freude, mit einer großen Zahl von Gläubigen an dem Ort die Messe zu feiern, wo Jesus Christus, das Licht der Völker und die Hoffnung der Welt, geboren wurde. Ich habe gesehen, wie im Caritas Baby Hospital für die Kinder von heute Sorge getragen wird. Schmerzlich wurde mir die Lage der Flüchtlinge deutlich, die wie die heilige Familie aus ihrem Zuhause fliehen mussten. Und ich habe die an das Flüchtlingslager angrenzende und Bethlehem überschattende Mauer gesehen, die in euere Gebiete eindringt, Nachbarn voneinander trennt und Familien auseinanderreißt.

Auch wenn es ein leichtes ist, Mauern zu errichten, wissen wir doch alle, dass sie nicht auf ewig Bestand haben. Sie können niedergerissen werden. Zuerst ist es jedoch notwendig, die Mauern zu entfernen, die wir um unsere Herzen errichten, wie auch die Barrieren, die wir gegen unsere Nächsten aufstellen. Daher möchte ich in meinen Abschiedsworten erneut zu einer offenen und großherzigen Geisteshaltung aufrufen, zu einem Ende der Intoleranz und der Ausgrenzung. Wie heikel und tief verwurzelt ein Konflikt auch erscheinen mag, es gibt immer Gründe zur Hoffnung, dass eine Lösung gefunden werden kann, dass die geduldigen und ausdauernden Bemühungen derer, die für den Frieden und die Versöhnung arbeiten, letztendlich Frucht bringen werden. Ich wünsche Ihnen, dem palästinensischen Volk, aufrichtig, dass dies bald der Fall sein möge und dass Sie sich endlich des Friedens, der Freiheit und der Stabilität erfreuen können, die Ihnen so lange vorenthalten waren.

Seien Sie gewiss, dass ich weiterhin jede Gelegenheit nutzen werde, um alle an den Friedensverhandlungen Beteiligten dringend aufzufordern, auf eine gerechte Lösung hinzuarbeiten, die die legitimen Ansprüche der Israelis und der Palästinenser gleichermaßen achtet. Als wichtigen Schritt in diese Richtung blickt der Heilige Stuhl freudig der baldigen Einrichtung der Ständigen Bilateralen Arbeitskommission mit der Palästinensischen Autonomiebehörde entgegen, die in dem am 15. Februar 2000 unterzeichneten Grundsatzabkommen ins Auge gefasst wurde (vgl. Grundsatzabkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Palästinensischen Befreiungsorganisation, Art. 9).

Herr Präsident, liebe Freunde, ich danke Ihnen noch einmal und empfehle Sie dem Schutz des Allmächtigen. Gott möge in Liebe auf jeden von Ihnen herabschauen, auf Ihre Familien und alle, die Ihnen am Herzen liegen. Und er möge das palästinensische Volk mit Frieden segnen.

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