Marx sieht Epochenwandel

Der Kardinal: Europa braucht jetzt eine „Synthese aus Religion, Vernunft und Gefühl“
Oekumenische Planungen für 2017 Ð Briefwechsel zwischen EKD und Deutsche Bischofskonferenz
Foto: dpa | Kardinal Reinhard Marx: Statt Verantwortung wächst die Abgrenzung.

Salzburg (DT/KAP) Für eine „neue Synthese aus Religion, Vernunft und Gefühl“ angesichts eines europäischen „Epochenwandels“ hat sich der Erzbischof von München, Kardinal Reinhard Marx, bei einem Vortrag in Salzburg ausgesprochen. Die gegenwärtige europäische Krisensituation stelle Gesellschaft, Politik sowie die Kirchen vor die große Herausforderung, nach neuen Begründungsmustern für eine „Zivilisation der verantwortungsvollen Freiheit“ zu suchen. Dieses seit dem Ende des Kommunismus etablierte europäische Selbstverständnis habe „keine Bestandsgarantie“ und fordere heute eine Weiterentwicklung – mutig nach vorne blickend, ohne restaurative Tendenzen, so Marx. Dazu könne auch der christliche Glaube und seine eng mit der europäischen Freiheitsgeschichte verwobene Tradition einen wichtigen Beitrag leisten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz referierte in Salzburg als Festredner zum Abschluss der diesjährigen „Salzburger Hochschulwochen“. Diese hatten vom 1. bis 8. August zum Thema „Leidenschaften“ stattgefunden.

Im Kern der gegenwärtigen Krisensituation, die man bis in Konflikte auf familiären Ebenen hinein nachverfolgen könne, lasse sich laut Marx ein Missverhältnis von Glauben, Vernunft und Gefühl ausmachen. So sei das von dem Politologen Francis Fukuyama Anfang der 1990er Jahre ausgerufene „Ende der Geschichte“ letztlich in ein Ende der großen Erzählungen gemündet, die Europa über Jahrhunderte geprägt und zivilisiert hätten – dazu zählten auch jene großen biblischen Erzählungen, die, wie die Gleichnisse oder die Bergpredigt, selbst religiös unmusikalischen Menschen etwas sagen, so der Münchener Erzbischof. Heute würden indes „große Erzählungen“ wiederkehren – allerdings in Form von Nationalismus, nationalen Interessen und Identitäten und Abgrenzungen von anderen: „Werden wir es in dieser Situation als Kirche schaffen, eine neue kulturelle Synthese voranzutreiben? Oder erstarren auch wir in der Sorge um Identität?“

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