Marienfrömmigkeit in Weiß-Blau

Ein bayerisches Fest der Superlative: Tausende Pilger verehren die Patrona Bavariae in der Münchner Innenstadt. Von Marie-Thérese Knöbl

Mit dem Dreiuhrläuten kommt Bewegung in die Sache. Die schöne und stimmgewaltige Polyphonie der Münchner Innenstadtkirchen, die sonst „das Wochenende einläutet“, also auf den Sonntag oder andere Festtage hinweist, klingt an diesem strahlenden Samstagnachmittag im Mai jedoch anders als sonst – noch festlicher, noch freudiger und wie ein großer Aufruf an ganz Bayern, einzustimmen in den Jubelchor der himmlischen Heerscharen. In der Tat ist sternförmig rund um den Marienplatz, dem Herz der Landeshauptstadt und Nullmeridian zur Vermessung der Straßen Bayerns, ein buntes und freudiges Treiben von vielen tausend Pilgern jeden Alters am Brodeln. Aus allen sieben Bistümern Bayerns sind sie gekommen, viele in Tracht, manche mit großem Pilgergepäck, alle in kindlicher Vorfreude und gespannter Erwartung. Von weit her sind die meisten angereist, sonst eher selten in der Landeshauptstadt und entsprechend aufgeregt. Es wird nach vorhandenen Kameras gefragt („Hast Du die Kamera dabei? Ich muss doch den Kardinal fotografieren!“), noch einmal die Frisur fixiert, der für die kommenden Stunden äußerst großzügig bemessene Wasservorrat überprüft. Und dann geht es auch schon los. Mit dem kleinen blauen Pilgerbüchlein der Erzdiözese in der Hand, leuchtend blauen Pilgerschals um den Hals und in gemessen feierlichem Prozessionstempo machen sich zeitgleich sieben große Pilgerzüge auf ihren Weg zur Mariensäule, wo die Heilige Messe und eine Erneuerung der Marienweihe mit Kardinal Marx und den Bischöfen der (Erz-)diözesen Bayerns stattfinden werden.

Die Diözese Eichstätt marschiert vom östlich gelegenen Isartor das Tal hinauf, die Diözese Augsburg nimmt von Westen kommend den Weg vom Stachus, der sonst als typische Fußgängerzone von Einkaufwütigen dominiert wird, die Erzdiözese Bamberg kommt vom südlich gelegenen Jakobsplatz, die Erzdiözese München und Freising von der parallel verlaufenden Sendlinger Straße, die Diözesen Passau, Regensburg und Würzburg von den nördlich gelegenen Ausgangspunkten Odeonsplatz, Marstall und Max-Joseph-Platz auf den Marienplatz zu. Der wohlvertraute Rosenkranz ertönt allenthalben, vorbei an vielen geöffneten Fenstern, geschmückten Fassaden und an den dort allenthalben angebrachten Marienfiguren aus vorherigen Jahrhunderten. Nichtpilgernde Passanten bleiben stehen, sind erstaunt, bemerken, dass etwas doch ganz anders ist als an den sonstigen Samstagen.

Das ist es in der Tat: Siebentausend Pilger füllen die engen und von Polizei und Rettungskräften gesäumten Straßen, die zum Marienplatz führen, darunter mehrere Blaskapellen und Trachtenvereine, Fahnenabordnungen, Vereine, Verbände, Gruppen von Blinden und Gehörlosen, Pfadfinder und allein 700 Ministranten. Sie alle drängen zur goldenen Muttergottes auf dem Marienplatz. Hier ist Bayern schon einmal der Muttergottes anvertraut worden, bevor sie am 13. Mai 1917 bayernweit als Schutzpatronin des Landes, als die in ganz Bayern verehrte Patrona Bavariae gefeiert wurde. Doch schon vor knapp 380 Jahren ließ man hier zum Dank für die überstandenen Gefahren des Dreißigjährigen Krieges eine vergoldete Marienstatue errichten, an der seither zahlreiche Priester, Bischöfe, Päpste, Herrscher und Gläubige gebetet und um Schutz gefleht haben. Aus dieser Zeit stammen auch die Figuren am Fuß der Mariensäule, die auf den Sieg Mariens über Hunger, Seuchen, Krieg und Häresie verweisen.

Das Patronat der Muttergottes ist sogar noch etwas älter. Bereits vor 400 Jahren stellte der bayerische Herzog und spätere Kurfürst Maximilian I. sich und ganz Bayern unter den Schutz der Muttergottes. Zum sichtbaren Zeichen ihrer Herrschaft verlieh er ihr Krone und Zepter an der Fassade der Residenz in der Residenzstraße, an der stets ein Ewiges Licht brennt. Heute herrscht vor allem große Freude – egal, ob es nun die 100-Jahrfeier des von Benedikt XV. auf Wunsch König Ludwigs III. inmitten der Wirren des Ersten Weltkrieges mit dem Segen des Vatikan errichteten Patronats der Patrona Bavariae ist oder die 400-Jahrfeier des Schutzes der Gottesmutter als von dem Landesherrn installierter Patrona Bavariae, als die man sie schon im 17. Jahrhundert kannte. „Es ist einfach zu schön“, bringt eine Pilgerin aus Regensburg die Stimmung am Marienplatz auf den Punkt. Inzwischen sind alle Pilgerzüge dort angekommen. Bekannte Marienlieder werden wieder und wieder gesungen, man sehnt den Beginn der Messe herbei. Und wirklich, mitten auf dem Marienplatz ereignet sich nun unter dem schönen weiß-blauen Himmel Münchens der große Einzug des aktuellen Kardinals, des Altkardinals, der Bischöfe und der Messdiener. Auf den Ehrenplätzen unmittelbar vor der großen Bühne mit dem Altar residieren Vertreter der bayerischen Domkapitel und der Ritterorden sowie Geistlichkeiten aus der Ökumene, also den orthodoxen und protestantischen Kirchen.

Der bayerische Ministerpräsident, die Präsidentin des Bayerischen Landtags, der Oberbürgermeister der Stadt München, der bayerische Innenminister und der Nachfahre des Kurfürsten Maximilians I. und König Ludwig III., Herzog Franz von Bayern, werden vom Kardinal beim Einzug mit Handschlag persönlich begrüßt. Mehrere Kirchenchöre und Domsingschulen sorgen für die musikalische Begleitung, auf überdimensionierten Flachbildschirmen übertragen beschwingte Simultandolmetscherinnen für Gebärdensprache Gesang, Musik und gesprochene Worte in reich bewegte Gestik und Mimik. Da steht der Kardinal mitten in der Geschichte der Stadt. Anstelle kulturspezifischer Bezüge des Patronats der Muttergottes hat man sich heute im Sinne der Inklusion für einen vermeintlich moderneren Fokus entschieden. „Mitten im Leben“, so das offizielle Motto des Festprogramms. Es erinnert mit seinen drei Worten an die von Werbeagenturen entwickelten Kampagnen politischer Parteien und die oftmals ähnlich entstandenen Slogans sozialer Hilfsdienste. Das ist sicher nicht ganz unbeabsichtigt. Doch leider geht auch die Predigt nicht so recht über diesen allzu zeitbedingten Horizont hinaus. „Wir sind nicht die Miesmacher der Nation!“, so der Kardinal. „Wir sind nicht die resignativen Truppen der Vergangenheit, sondern die Vorboten der Zukunft Gottes!“ Ein Thema und ein Appell, die nicht so recht marianisch wirken wollen.

Wo ist denn die Muttergottes je als Miesmacherin, gar einer Nation, bezeichnet worden, wo als resignativ oder gar einer Vorsteherin einer resignativen Truppe vorstehende Mutter bekannt? Doch das stört weder die Andacht, noch die Marienfrömmigkeit oder die Seligkeit der anwesenden Pilger, deren Vorbereitung auf den heutigen Festtag in den einzelnen Diözesen bereits 2011 begann und im Alltag und in zahlreichen Wallfahrten und Prozessionen fernab von München Tag für Tag und Jahr für Jahr weiter gelebt wird. Der Muttergottes ist die Stadt, sind auch Bayern und die Seelen seiner Bewohner über den heutigen Tag und das diesjährige Wahljahr hinaus geweiht, so dass schließlich vor den anwesenden Gläubigen, Ritterorden, Ordensangehörigen und Geistlichen mit der vertrauten Formel geschlossen werden kann: „Nehmen wir die Freude des heutigen Tages mit in unsere Familien und unsere Gemeinden!“. Über allem aber thront Maria mit dem Kind, unter ihren Füßen die Mondsichel, zu ihren Füßen Häresie, Krieg, Hunger und Seuche. Fürwahr, ein großer Tag für die Muttergottes und ein Tag großer Freude für ganz Bayern.

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