Märtyrer, Fürsprecher und Brückenbauer

Kaplan Gerhard Hirschfelder wird am Sonntag in Münster seliggesprochen Von Marius Linnenborn

Münster (DT) Nur drei Wochen nach der Weihe von drei neuen Weihbischöfen erlebt das Bistum Münster wieder einen historischen Tag: Nach mehreren Seligsprechungen in den vergangenen Jahren (Karl Leisner, Schwester Euthymia, Anna Katharina Emmerick, Kardinal von Galen), die jeweils in Rom stattfanden, erfolgt dieser feierliche Akt jetzt erstmals im Münsteraner Paulus-Dom. Der Priester Gerhard Hirschfelder aus der Grafschaft Glatz (Schlesien) wird am 19. September 2010 seliggesprochen – auf den Tag genau zwölf Jahre nach der Eröffnung des Seligsprechungsprozesses. Das Bistum Münster hatte auf Bitten des Visitators für Priester und Gläubige aus der Grafschaft Glatz, Großdechant Franz Jung, der seinen Sitz in Münster hat, dieses Verfahren übernommen.

Mit der Anerkennung des Todes Hirschfelders im Konzentrationslager Dachau als Martyrium um des Glaubens willen kam der Seligsprechungsprozess im Frühjahr zum Abschluss. Papst Benedikt XVI. beauftragte den ebenfalls aus Schlesien stammenden Kölner Erzbischof, Joachim Kardinal Meisner, mit der feierlichen Verkündigung der Seligsprechung.

„Dieser Mann ist ein Heiliger.“ Was ein polnischer Mithäftling aus dem Konzentrationslager Dachau bereits 1946 über Gerhard Hirschfelder sagte, empfinden viele aus der Grafschaft Glatz stammende Menschen, die diesen Priester noch als Kaplan und Jugendseelsorger erlebt haben. Mit der Seligsprechung Gerhard Hirschfelders rückt auch seine Heimat, die Grafschaft Glatz, die seit der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch ist, als kulturell reiche und religiös geprägte Landschaft in den Blick; bis zur Änderung der Diözesangrenzen in den ehemals deutschen Gebieten gehörte Glatz als deutscher Teil zur Erzdiözese Prag und wurde durch einen eigenen erzbischöflichen Generalvikar mit dem Titel „Großdechant“ geleitet.

Am 17. Februar 1907 als Sohn einer ledigen Mutter in Glatz geboren, erlebte Gerhard Hirschfelder in seiner Jugend die starke Gemeinschaft im Jugendverband Quickborn. Nach dem Theologiestudium empfing er am 31. Januar 1932 im Dom zu Breslau die Priesterweihe für den deutschen Anteil der Erzdiözese Prag; als uneheliches Kind durfte er die Primiz nicht in seiner Heimatpfarrkirche, der Dekanatskirche zu Glatz, feiern, sondern musste auf eine Kapelle in Bad Langenau ausweichen. Zuerst als Kaplan in Tscherbeney/Grenzeck, seit 1939 in Habelschwerdt und schließlich auch als Diözesanjugendseelsorger, verstand er es durch seine überzeugende und gewinnende Persönlichkeit, junge Menschen im Glauben an Christus und in der Standfestigkeit gegen die nationalsozialistische Ideologie zu stärken. Sein Wirken rief schnell die Bespitzelung und Kontrolle durch die lokalen Machthaber hervor. Gerhard Hirschfelder bekannte: „Ich kann nicht schweigen, wenn ich sehe, was auf die Kirche und uns zukommt.“

Die letzte große von Hirschfelder geleitete Jugendwallfahrt am 8. Juni 1941 zum Marienwallfahrtsort Albendorf mit 2 300 Teilnehmern wurde massiv gestört. Als in Habelschwerdt ein religiöser Bildstock zerstört wurde, fand er am 27. Juli 1941 deutliche und unmissverständliche Worte: „Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher.“ Wenige Tage nach dieser Predigt, am 1. August 1941, wurde Kaplan Hirschfelder verhaftet, bis Mitte Dezember im Gefängnis Glatz inhaftiert und schließlich ins Konzentrationslager Dachau transportiert, wo er am 1. August 1942 nach unsäglichen physischen Qualen, völlig entkräftet und ausgehungert im Alter von 35 Jahren starb. Bei der Beisetzung seiner Urne auf dem Friedhof neben der Pfarrkirche von Tscherbeney durfte über den Grund seines Todes nicht gesprochen werden.

Aus Kommentaren zu Paulusbriefen, die Gerhard Hirschfelder im Gefängnis niederschrieb, sprechen seine tiefe Frömmigkeit, absolutes Gottvertrauen und die Bereitschaft, im Blick auf Christus das eigene Leben einzusetzen: „Nichts dürfen wir scheuen, selbst das eigene Opfer des Lebens nicht.“ In Kreuzwegmeditationen betet er voll Vertrauen: „Herr, wenn man mir auch meine äußere Ehre nimmt, bleibe ich doch Kind Gottes, Priester Gottes, das kann mir niemand nehmen.“ Zeugenaussagen, die während des Seligsprechungsprozesses dokumentiert wurden, bringen den Glaubensmut und die charismatische Ausstrahlungskraft Hirschfelders in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus zum Ausdruck.

Bezeichnend ist, dass Gerhard Hirschfelder heute nicht nur unter den vor allem in nord- und westdeutschen Diözesen lebenden Glatzern verehrt wird, sondern auch in seiner heute polnischen Heimat und im angrenzenden Tschechien; die Teilnahme polnischer und tschechischer Bischöfe an Gedenkgottesdiensten in Tscherbeney ist dafür ein sprechender Beleg. Beim Gedenken an den 60. Todestag Hirschfelders sagte der polnische Pfarrer von Tscherbeney: „Gerhard Hirschfelder ist ein Deutscher. Wenn er seliggesprochen wird, gehört er uns allen: Deutschen, Polen und Tschechen.“ So ist der Glaubenszeuge durch sein Martyrium zum Brückenbauer und Fürsprecher auf dem Weg der Versöhnung geworden. An der Feier der Seligsprechung nehmen deshalb neben zahlreichen weiteren Bischöfen Erzbischof Dominik Duka von Prag und Bischof Ignacy Dec von Schweidnitz (Swidnica) teil, zu dessen Diözese die Grafschaft Glatz heute gehört.

Auf den Plakaten zur Seligsprechung zeigt das Bild Gerhard Hirschfelders einen fast visionären Gesichtsausdruck; drei Farbflächen schieben sich wie Folien übereinander. Mit den drei Schlagworten „Hoffnungsträger – Mutmacher – Brückenbauer“ wird sein Wirken als Jugendseelsorger, sein mutiges Glaubenszeugnis und sein „Nachwirken“ auf dem Weg der Versöhnung zwischen Deutschen, Polen und Tschechen charakterisiert. Das Leitwort „Glaubensmut säen – Versöhnung ernten“ beschreibt treffend die grenzüberschreitende Bedeutung Gerhard Hirschfelders, die weit über den Kreis der Gläubigen aus der Grafschaft Glatz und aus Schlesien sowie ihrer Nachkommen hinausreicht. So ist es für die Glatzer auch selbstverständlich, dass sie nach der Seligsprechung in Münster am 10. Oktober in Tscherbeney/Czermna gemeinsam mit den jetzt in der Grafschaft lebenden Polen und den tschechischen Nachbarn ihren neuen Seligen feiern werden.

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