Lieber informieren als nach Schlupflöchern schielen

40 Jahre Enzyklika Humanae vitae – Eine Podiumsdiskussion im Kölner Domforum

Köln (DT) Wenn sich die Aktualität einer Enzyklika an der Lebhaftigkeit der von ihr hervorgerufenen Diskussionen bemessen lässt, kommt „Humanae vitae“ vierzig Jahre nach der Veröffentlichung immer noch eine Favoritenrolle unter den päpstlichen Schreiben des zwanzigsten Jahrhunderts zu. Zu einer Podiumsdiskussion des Referates Ehe- und Familienpastoral im Erzbistum Köln kamen am Donnerstagabend zur besten Länderspielzeit nicht nur Interessierte der Konzilsgeneration ins Domforum, sondern auch zahlreiche junge Erwachsene. Das Katholische Bildungswerk Köln hatte die Enzyklika Pauls VI. zuvor in einem Lektürekreis erneut gelesen. Über das Thema „Sexualität und Mehr. Vierzig Jahre Enzyklika ,Humanae vitae‘“ diskutierten der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp, der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, die Vorsitzende des Bundes der deutschen katholischen Jugend im Erzbistum Köln, Natascha Jansen, Silvia Florian, Beraterin bei „Esperanza“ und Edith Gasper, Beraterin für Natürliche Familienplanung (NFP).

Bloß keine zu anspruchslosen Lebensziele stecken

Schockenhoff stellte im Einführungsreferat die säkularisierte und die christliche Sichtweise der Sexualität gegenüber. Nach katholischer Lehre sei die Ehe der „Entfaltungsraum schlechthin“ für den geschlechtlichen Verkehr – die evangelische Konfession spreche immerhin von der Ehe als dem „besten Entfaltungsraum“. Schockenhoff zufolge wird dem Menschen auf Dauer nur ein Verhalten gerecht, das Beziehungs-, Lust- und Fortpflanzungsdimension bejaht und nicht auseinanderreißt. Elternschaft und Nichtelternschaft stellten dabei keine gleichwertige Formen der Ehe dar. Erst die Offenheit für neues Leben drücke die eigentliche Hingabe der Eheleute in ihrer ganzen Tiefe aus.

Schockenhoff warnte Jugendliche davor, sich allzu anspruchslose Lebensziele zu stecken. Besser sei es, die sexuelle Liebesfähigkeit aufzubewahren, bis sie angemessenen Raum fände. Auch das Bewusstsein, selbst dann nicht in Ehen Dritter einbrechen zu dürfen, wenn einer der Partner Signale sende, müsse in der Erziehung geschärft werden.

In der anschließenden Diskussion würdigten vor allem Generalvikar Schwaderlapp und Laien die Enzyklika. Die fünffache Mutter Edith Gasper sprach von einem „prophetischen Dokument“, das die Folgen des Scheiterns – den sittlichen Verfall – klar herausgestellt habe. Schwaderlapp verwies in diesem Zusammenhang auch auf die In-vitro-Fertilisation. „Die Botschaft von Humanae vitae lautet: Haltet die Dimension von Liebe und Fortpflanzung zusammen, sonst schadet ihr dem Menschen“. Die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Umgang mit der Sexualität sei auch in Menschen lebendig, deren Verhalten nicht den Maßgaben der Kirche entspreche. Schwaderlapp erinnerte sich an eine Gruppe eher laxer Firmlinge, die in einem Gespräch über kirchliche Sexualmoral überraschend positiv reagierten: „So zu leben wäre schön“.

Das Bewusstsein, dass Abweichungen von der kirchlichen Sexualmoral falsch sind, kann bei Jugendlichen allerdings nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden. Natascha Jansen formulierte mit der „vorehelichen geschützten Beziehung“ und der „Erziehung zur Mündigkeit“ Euphemismen, die Defizite kirchlicher Jugendarbeit erahnen ließ. Zutreffend dürfte ihre Einschätzung sein, dass die Botschaft der Kirche viele junge Menschen schlicht nicht mehr erreicht: Jansen berief sich auf die Sinus-Jugendstudie: Nur vier Prozent der Jugendlichen kennen demnach die Position der Kirche und richten sich danach, zwanzig Prozent hören die katholische Lehre ohne daraus Konsequenzen für ihr Leben zu ziehen, siebzig Prozent sind weitgehend ahnungslos. Der Beitrag der BDKJ-Vertreterin verdeutlichte insbesondere die Angst Jugendlicher, bei Gleichaltrigen mit klaren Forderungen Ablehnung zu erfahren und sich in eine Außenseiterposition zu manövrieren. Gruppenleiter müssten „Angst haben“, dass Jugendliche ihnen den Rücken kehren, so Jansen. Das vordergründige Absegnen von Fehlentscheidungen und Sünde nach dem Motto „ich respektiere deine Entscheidung und schätze deinen Weg“ wäre die unvermeidliche Folge. Doch ist Angst ein guter Ratgeber? Schwaderlapp wandte sich gegen das kleinlaute Ja zu fragwürdigen Lebensentscheidungen. Es gehöre zur Ehrlichkeit, jungen Leuten die Meinung zu sagen. Das schließe auch ein klares Nein zu falschen Entscheidungen ein.

Der Diskussionsverlauf zeigte, wie weit die Positionen auf dem heiklen Feld Sexualmoral innerhalb der katholischen Kirche auseinanderdriften. Peinlich mied Schockenhoff das Wort „Sünde“. Auf die Anfrage eines Zuhörers stellte Schwaderlapp klar, dass die künstliche Empfängnisregelgung, wenn klare Erkenntnis und freier Wille gegeben sind, schwere Sünde ist. Allerdings, so der Generalvikar, seien viele junge Menschen theologisch unzureichend informiert und besäßen nicht die Möglichkeit, die Tragweite ihres Fehlverhaltens zu erkennen.

Besser, als mit Verboten zu argumentieren und Aversionen auszulösen, sei es häufig, Folgen aufzuzeigen, riet Silvia Florian diplomatisch, während Schockenhoff die Flucht in den Mainstream seiner Zunft antrat: „Viele treue Gläubige“ seien nach der Veröffentlichung der Enzyklika einen anderen Weg gegangen. Für sie forderte Schockenhoff unterschiedslos Respekt – und von der Kirche „die Bereitschaft, von diesen Erfahrungen zu lernen“. „Auch künstliche Empfängnisregelung kann ein verantwortbarer Weg sein, wenn auch nicht auf Dauer“, so der Moraltheologe wörtlich. Aus welchem Grund die Wertschätzung einer Person Hand in Hand gehen sollte mit der Achtung vor ihrer Sünde erläuterte Schockenhoff nicht. Als Fallbeispiel nannte Paare, die aus beruflichen Gründen eine Wochenendehe führten. Für sie sei NFP wenig geeignet und eine Ausnahme von der kirchlichen Lehre daher vertretbar. Weder auf dem Podium noch im Auditorium überzeugte dieses Argument. Das Problem, die Pille im Stress zwischen Job, Familie und Berufspendeln nicht zu vergessen, hätte bei dieser vordergründig bequem klingenden Regelung vermutlich die Frau, war im Publikum zu vernehmen. Von den Anhänger der natürlichen Familienplanung im Auditorium erhielt der Theologe vehementen Widerspruch.

Schwaderlapp wollte vom Tanz um moraltheologische Schlupflöcher nichts wissen. „Für diese Haltung haben Sie weder die Deckung von Humanae vitae noch von Familiaris consortio“, kommentierte Schwaderlapp Schockenhoffs Position trocken. „Gesetzt den Fall“, so der Generalvikar, „ein Ehepartner erkrankt dauerhaft, so dass ein geschlechtlicher Verkehr auf Dauer ausgeschlossen sei – ist dann etwa die Ehe für den anderen unzumutbar?“. Schwaderlapp plädierte für einen menschenwürdigen Umgang mit Extremsituationen. Auch Enthaltsamkeit sei eine Form der Liebe. Humanae vitae mache dies deutlich. Der wahre Grund für die kirchliche Sexualethik sei die Sorge um den Schutz des menschlichen Lebens – „und dazu gehören auch Gebote und Verbote“. Hinter Humanae vitae stecke eine Lebenseinstellung, denn „unabhängig von der Fruchtbarkeit brauchen wir Selbstbeherrschung“, so Schwaderlapp.

Gasper bezeichnete das Schockenhoffsche Hintertürchen als „gefährlich“. Ein erhebliches Problem bei der Umsetzung von Humanae vitae bestehe darin, dass Paare erst gar nicht mehr versuchten, nach der kirchlichen Lehre zu leben. Wer von vorneherein Schlupflöcher in der Lehre der Kirche propagiere, lähme die Energie der Partner, füreinander Opfer zu bringen und hindere sie daran, Kraft in die natürliche Empfängnisregelung zu investieren. Ausdrücklich wies Gasper darauf hin, dass auch der Alltag von Paaren, die NFP praktizieren, nicht ohne Stresssituationen verlaufe. Wer Ausflüchte in persönlichen Belastungen suche, werde sie mit hoher Wahrhscheinlichkeit früher oder später finden.

Teenstar – ein vielversprechendes Modell

Hat Benedikt XVI. bei einem Kongress in Rom über Humanae vitae tatsächlich eine „Denkpause“ gefordert und die „vorsichtige Botschaft“ ausgesandt, die abschließende Wertung späteren Generationen zu überlassen, wie Schockenhoff eher beiläufig äußerte? Das geneigte Publikum schenkte dieser durchaus abenteuerlich klingenden These des Moraltheologen keine Beachtung. Dafür wurde scharfe Kritik an der sogenannten Königsteiner Erklärung der deutschen Bischöfe von 1968 laut – und die Frage geäußert, wie junge Menschen für die Lehre der Kirche sensibilisiert werden könnten, beantwortet. „Teenstar“ sei ein vielversprechender Weg, lautete die übereinstimmende Antwort, denn ein wesentlicher Schritt, so der Konsens auf dem Podium und im Auditorium, ist die Information. Nur wer natürliche Methoden der Empfängnisregelung kennt, kann sie in seine Überlegungen einbeziehen. „Vielen jungen Menschen hat es einfach niemand gesagt“, so Gaspers bitteres Fazit. Junge Paare sollten aber von den positiven Erfahrungen wissen, die andere mit NFP gemacht haben.

Natascha Jansen schloss den Gedanken, den Verzicht auf künstliche Empfängnisverhütung unter dem Gesichtspunkt des „kritischen Konsums“ in Betracht zu ziehen, nicht aus. Schließlich fördern Nichtregierungsorganisationen über sogenannte Entwicklungshilfeprogramme die Bevormundung von Frauen und Müttern in der Dritten Welt, indem sie die Vergabe lebensnotwendiger Güter an die Bereitschaft zur Verhütung mit Spirale oder Pille koppeln.

Dass sich das Interesse an NFP häufig in Grenzen hält, liegt auch daran, dass Pharmakonzerne mit dieser Form der Familienplanung kein Geld verdienen können. Der ursprüngliche Vorteil der natürlichen Empfängnisverhütung, kostenlos zu sein, hat sich in den dem Profitdenken verhafteten westlichen Konsumgesellschaften als objektiver Nachteil entpuppt. Ohne Geld kein Machtfaktor: Nicht umsonst ist die Pille ein Bombengeschäft.

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