Liebe bedeutet Verantwortung

Der Heilige Vater erinnert an die Bedeutung der brüderlichen Zurechtweisung – Angelus am 4. September 2011

Liebe Brüder und Schwestern!

Die biblischen Lesungen bei der Messe des heutigen Sonntags stimmen in ihrem Thema überein: die brüderliche Liebe in der Gemeinde der Gläubigen, die ihren Ursprung in der Gemeinschaft der Dreifaltigkeit hat. Der Apostel Paulus erklärt, dass das ganze Gesetz Gottes seine Erfüllung in der Liebe findet, sodass sich in unseren Beziehungen zu den anderen Menschen die zehn Gebote und alle anderen Vorschriften in folgendem Gebot zusammenfassen lassen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Röm 13, 9).

In dem Text aus dem achtzehnten Kapitel des Matthäusevangeliums, der sich mit dem Leben der christlichen Gemeinde beschäftigt, heißt es, dass die brüderliche Liebe auch gegenseitige Verantwortung bedeutet, sodass ich mich, wenn mein Bruder eine Schuld gegen mich begeht, ihm gegenüber liebevoll zeigen und zunächst persönlich mit ihm sprechen muss, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass das, was er gesagt oder getan hat, nicht richtig ist.

Diese Handlungsweise nennt sich brüderliche Zurechtweisung: Sie ist keine Reaktion auf eine erlittene Verletzung, sondern wird von der Liebe zum Bruder hervorgerufen. Der heilige Augustinus erklärt: „Derjenige, der dich verletzt hat, hat sich dadurch selbst eine schwere Wunde beigebracht – und du kümmerst dich nicht um die Wunde eines deiner Brüder?... Du musst die Verletzung vergessen, die man dir zugefügt hat, nicht aber die Wunde deines Bruders“ (Sermones, 82, 7).

Und wenn der Bruder nicht auf mich hört? Jesus zeigt im heutigen Evangelium eine Abstufung: Zunächst soll man dann gemeinsam mit zwei oder drei anderen Menschen mit ihm reden, um ihm zu helfen, sich besser klarzumachen, was er getan hat; wenn er den Einwand trotzdem noch zurückweist, muss man es der Gemeinde sagen; und wenn er nicht einmal auf die Gemeinde hört, muss man ihn den Abstand spüren lassen, den er selbst geschaffen hat, indem er sich von der Gemeinschaft der Kirche gelöst hat. Alles das zeigt, dass es auf dem Weg des christlichen Lebens eine Mitverantwortung gibt: Jeder ist – im Bewusstsein seiner eigenen Grenzen und Fehler – dazu aufgerufen, die brüderliche Zurechtweisung anzunehmen und anderen durch diesen besonderen Dienst beizustehen.

Eine weitere Frucht der Liebe in der Gemeinde ist das gemeinsame Gebet. Jesus sagt: „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18, 19–20).

Das persönliche Gebet ist sicher wichtig, ja, unerlässlich, doch der Herr versichert seine Gegenwart der Gemeinde, die – auch wenn nur sehr klein – vereint und einmütig ist, da sie den einen und dreifaltigen Gott, die vollkommene Liebesgemeinschaft, widerspiegelt. Origenes sagt, wir müssten uns „in diesem Zusammenklang üben“ (Kommentar zum Matthäusevangelium, 14, 1), also in dieser Eintracht innerhalb der christlichen Gemeinde.

Wir müssen uns sowohl in der brüderlichen Zurechtweisung üben, die große Demut und Einfachheit im Herzen erfordert, als auch im Gebet, damit es von einer wirklich in Christus vereinten Gemeinde zu Gott aufsteigt. Um all das bitten wir durch die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche, und des heiligen Papstes und Kirchenlehrers Gregors des Großen, dessen wir gestern in der Liturgie gedacht haben.

Zu den deutschsprachigen Pilgern:

Mit Freude grüße ich alle deutschsprachigen Besucher hier in Castel Gandolfo. Im Evangelium des heutigen Sonntags spricht der Herr von der gemeinsamen Verantwortung, die Menschen füreinander haben. Herausforderungen und Irrwege Einzelner müssen zur Sorge und zum Gebetsanliegen aller werden. Jesus ruft jene, die ihm nachfolgen, in die Gemeinschaft und gibt ihnen Verantwortungssinn und den Mut zur Wahrheit. Gott will, dass wir füreinander Diener des Segens seien. Es erfüllt uns alle mit Freude, dass wir als Zeugen der Wahrheit am Heil der Welt mitwirken dürfen. Ich wünsche euch allen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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