Liebe als missionarische Tugend

Ein Manuskript des Missionswerk-Gründers Heinrich Hahn fördert die Gedankenwelt eines katholischen Laien zur „sozialen Frage“ zutage. Von Alexander Ertl

Während „Laudato si“ bei Erscheinung im letzten Jahr weitgehend als ein großer Wurf gelobt wurde, wurde hingegen die Enzyklika „Caritas in Veritate“ von Benedikt XVI. beim Erscheinen 2009 mit Nichtbeachtung gestraft oder von den wenigen Sozialethikern, die sich zu Wort meldeten, gänzlich verrissen. Zu sehr habe sich damals der Papst am weiten Begriff der Liebe abgestrampelt, zu wenig könnte damit das immense Gerechtigkeitsdefizit einer durch turbokapitalistische Spekulationen ausgelösten Weltwirtschaftskrise konkret bewältigt werden.

Es mag deswegen überraschen, dass als erster Band der von Peter Schallenberg herausgegebenen Reihe „Christliche Sozialethik in Quellentexten“ ausgerechnet eine Schrift mit dem vielsagenden Titel „Die christliche Liebe in der katholischen Kirche“ ediert wurde. Der Autor, Heinrich Hahn (1800-1882), war nicht nur Arzt und Lokalpolitiker, sondern als Gründer des Franziskus-Xaverius-Vereins, Vorläufer von missio, eine Prägegestalt der katholischen Soziallehre. Seit 2010 läuft sein Seligsprechungsverfahren in Aachen.

Seine Gedanken über die „Christliche Liebe“ notierte Hahn wohl anlässlich der Einführung der Schwestern vom Guten Hirten, die sich 1848 in Aachen niederließen. Eine Kurzfassung des Manuskripts legt dies nahe, in der er diese Kongregation ausdrücklich bewarb. Dem Engagement Hahns und der Schwestern war es gleichermaßen ein Anliegen, Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit Prostitution bestreiten mussten, eine „rettende Hand zu reichen“ und ihnen neue Lebensperspektiven aufzutun.

Das Manuskript wurde erst in den 1990er Jahren im Archiv von missio entdeckt. Hahn beginnt darin zunächst mit einer Sichtung der „sittlichen Gebrechen“ seiner Zeit. Diese seien aufgrund von Völlerei, Habsucht, Hoffart, Trunk- und Spielsucht sowie Unzucht ausgelöst worden. All dies inspiziert Hahn mithilfe seiner Lebenserfahrung als Arzt und Familienvater, „welche uns eine langjährige und vielseitige Beobachtung der Krankheiten und des Familienlebens an die Hand gibt“.

Der sozialethische Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“, wie ihn dann Johannes XXIII. mit der Enzyklika „Mater et magistra“ (1961) für die kirchliche Soziallehre eingeführt hat, ist hier bereits vorgebildet. Denn nach der Sichtung der Begebenheiten kommt er sogleich zu einer Bewertung dieser Umstände: Die Freier von Prostituierten vergleicht Hahn nämlich mit einem „feigen Mörder“, da eine junge Prostituierte zumeist „keine Mittel, sich zu ernähren habe“ und aufgrund ihres unsittlichen Gewerbes „die Häuser aller rechtschaffenen Menschen … fortan für sie verschlossen“ seien. Aus diesen Gründen müsse es dem Staat ein ernstes Anliegen sein, durch erzieherische Maßnahmen die Menschen zur Sittlichkeit anzuweisen.

Doch Hahn sieht sodann auch die Grenzen des staatlichen Handelns. Er weist nach, dass „weder die Gesetzgebung noch die Sittenpolizei dem Staate hinreichende Mittel an die Hand geben, um Laster mit Erfolg zu bekämpfen und zu beschränken, dass vielmehr ein derartiger Erfolg nur von der Einwirkung der Religion erwartet werden kann“.

Als Abgeordneter des preußischen Landtags war Hahn permanent mit der Tatsache eines gemischt-konfessionell geprägten Staates konfrontiert, der sich nicht mehr eindeutig als katholische Schutzmacht präsentierte. Somit nötigte die politische Situation zu einer Neubegründung des Verhältnisses zwischen Staat und Religion. Das Scharnier zwischen beiden Sphären bildeten für Hahn die Tugenden. In ihnen werden die christlichen Kardinaltugenden Glaube, Liebe, Hoffnung derartig verinnerlicht, dass sie – in gut thomistischer Tradition – zum grundlegenden Handlungsmotiv werden sollen. Entsprechend deutet er in seiner Schrift die Sakramente und die Feste im Kirchenjahr als Erziehungsmittel, „wodurch die katholische Kirche die lasterhaften Neigungen bekämpft, die göttlichen Tugenden weckt und die Sittlichkeit der Gläubigen wesentlich erhöht“.

Die tugendhafte Sittlichkeit geriert sich nicht als Selbstzweck wie etwa Kants kategorischer Imperativ, sondern sie gründet vielmehr in der Liebe Gottes zu den Menschen, die sich ins Herz der Gläubigen eingeschrieben hat. Anders als die Selbstliebe, die zu moralischer Abstumpfung und Sittenverfall führe, ist die „christliche Liebe“ für Hahn jedoch eine „rastlose Liebe“. „Die christliche Liebe ist jene glaubensstarke und hoffnungsreiche Tugend, welche das menschliche Herz antreibt, Gott seiner selbst wegen und über alles, den Nächsten aber um Gottes Willen zu lieben. Sie ist eine übernatürliche Gabe Gottes, ein Ausfluss seiner Gnade, wodurch die Fähigkeit zu lieben im Menschen unendlich vermehrt wird.“

Hahn beharrt darauf, dass sich sittlich schlechtes Verhalten auch auf die Lebensqualität eines Menschen auswirkt. Allerdings blickt Hahn als Arzt auf das Individuum Mensch; dass übermäßiger Alkoholkonsum eine Bedeutung für das Menschsein in genera darstellt, wird heute kaum jemand mehr leugnen wollen. Andererseits aber überwindet Hahn damit eine Vergeltungslogik, die zum Auseinanderklaffen der gesellschaftlichen Schichten führte, indem er immer wieder den Blick auf den einzelnen Menschen lenkt. „Die Liebe ist aber allen Menschen ohne Ausnahme zugänglich, dem Unwissenden, dem Armen, dem Schwachen, dem Kranken ebenso sehr und eigentlich mehr noch als dem Gelehrten, dem Reichen, dem Starken und dem Gesunden.“

Herauszuheben ist neben der Tatsache, es hier mit einem missionswissenschaftlich bedeutsamen Quellentext zu tun zu haben, die geistliche Tiefe dieser Schrift. Insbesondere an dem schönen Abschnitt über die „Eigenschaften der christlichen Liebe“ lässt sie sich ablesen. Die Meditationen Hahns über das paulinische Hohelied der Liebe (1 Kor 13) und über die Werke der Barmherzigkeit sprechen mit einem bemerkenswerten Pathos und sind doch zugleich immer auch sachlicher und fordernder Natur. Seine Gedanken haben auch heute noch ihren Wert: Warum und vor allem wie handeln Christen christlich?

Heinrich Hahn: Die christliche Liebe in der katholischen Kirche. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, 408 Seiten, EUR 49,90

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