Letzte Ruhestätte zieht Sinnsucher an

Der erste Kolumbarium im Osten Deutschlands: In der Erfurter Allerheiligenkirche befinden sich 630 Begräbnisstätten für Urnen Von Sebastian Pilz
Foto: KNA | Urnengräber im lichtdurchfluteten Kirchenraum: Das Erfurter Kolumbarium bietet Raum und Stille zum Abschiednehmen.
Foto: KNA | Urnengräber im lichtdurchfluteten Kirchenraum: Das Erfurter Kolumbarium bietet Raum und Stille zum Abschiednehmen.

Erfurt (DT) Die Allerheiligenkirche liegt unscheinbar inmitten der Fußgängerzone. Sie ist in eine Zeile teils mittelalterlicher Häuser auf der Marktstraße eingefasst, nur der Kirchturm ragt markant heraus. Nebenan sind kleine Einkaufsläden, Imbissstände und Restaurants. Die Straßenbahnen fahren direkt an der Kirchenmauer entlang. Touristen laufen auf ihrem Weg von der Krämerbrücke zum Dom an der Kirche vorüber. Durch die Nähe zum Domplatz, auf dem im Sommer Domfestspiele oder Jahrmarkt und im Winter der bekannte Erfurter Weihnachtsmarkt stattfinden, sind die jeweiligen Veranstaltungen schon an der Kirche hörbar. In diesem weltlichen Umfeld befindet sich das erste Kolumbarium im Osten Deutschlands, ein Friedhof für 630 Urnengräber.

Heidnische Ursprünge in der Gegend um Rom

Das Wort Kolumbarium stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Taubenschlag, da die Urnengräber früher eine Ähnlichkeit mit dieser Behausung hatten. Die ersten Kolumbarien sind als heidnische Begräbnisstätten in der Gegend um Rom im Jahre 50 v. Chr. entstanden. Damals suchten reiche Patrizier angesichts steigender Bodenpreise eine günstige Begräbnismöglichkeit für ihre Sklaven und Freigelassenen. Sie ließen Begräbnisräume bauen, die ganz oder teilweise in den Boden eingelassen waren und über eine Vielzahl von Wandnischen für tönerne Urnen verfügten. In Deutschland setzte sich Ende des 19. Jahrhunderts die Feuerbestattung als Begräbnisform durch. In dieser Zeit entstanden auch die ersten deutschen Kolumbarien auf Friedhöfen (beispielsweise in Wiesbaden oder Leipzig) oder in der Nähe von Krematorien, wie das 1892 in Gotha eröffnete Kolumbarium.

Finanzielle Gründe spielen für viele auch heute noch eine große Rolle bei der Entscheidung für ein Urnenbegräbnis. Seit dem Wegfall des Sterbegeldes im Jahr 2004 entscheiden sich immer mehr Menschen für eine Feuerbestattung. In Thüringen, wo 75 Prozent der Bevölkerung ohne Religionszugehörigkeit leben, ist das Urnenbegräbnis eine der vorrangigen Bestattungsformen. Für Katholiken ist dieses Begräbnis seit 1964 gemäß einem Erlass des Heiligen Offiziums erlaubt, sofern der Entschluss zur Einäscherung nicht mit einer kirchenfeindlichen Tendenz verbunden war. Die kirchliche Begräbnisfeier findet dabei entweder vor der Einäscherung oder bei der Urnenbeisetzung statt.

Aufgrund des Rückgangs von Gläubigen und finanziellen Beweggründen werden gegenwärtig Kirchen umgewidmet und so vor Abriss oder Profanierung bewahrt. Sie werden nicht mehr gemäß der Kirchweihe als Gottesdienstraum genutzt, sondern als Kolumbarium, in dem aber – ähnlich wie in Friedhofskapellen – auch Gottesdienste gefeiert werden dürfen. Beispiele dafür gibt es in Frankreich und Spanien, aber auch in Deutschland, wie die Aachener Grabeskirche St. Josef oder das Kolumbarium Heilig Herz Jesu in Hannover.

In Erfurt gaben ähnliche Gründe den Anlass: Die Allerheiligenkirche gehört zur Dompfarrei St. Marien, die mit dem Dom und der danebenliegenden St. Severikirche bereits zwei große Kirchen hat. „Wir standen bei der Allerheiligenkirche vor zwei Problemen: erstens wir haben eine Kirche übrig und zweitens 1, 2 Millionen Euro an Renovierungskosten“, erklärt Weihbischof Reinhard Hauke die Sachlage gegenüber der Tagespost. „Die entscheidende Frage war nun: Wie nutzen wir diese Kirche sinnvoll?“ Weihbischof Hauke, der von 1992 bis 2005 Dompfarrer war und bis heute Dompropst ist, machte den Vorschlag zur partiellen Nutzung der Kirche als Kolumbarium. Da die Kirche über zwei nebeneinander liegende Kirchenschiffe verfügt, sollte nach Hauke das südliche Schiff weiterhin als Gottesdienstraum genutzt und das nördliche als Kolumbarium gestaltet werden. Das Domkapitel stimmte zu, nachdem auch staatlicherseits mit dem 2004 geänderten Thüringischen Bestattungsgesetz Urnenbestattungen in Kirchen erlaubt waren. Nach einem Künstlerwettbewerb begann der Umbau der Kirche.

In dem als Kolumbarium genutzten Teil wurde 15 Stelen mit je sechs Etagen nach dem Entwurf von Evelyn Körber errichtet. Sie bestehen aus Stahl, geätztem Glas und hellem Muschelkalk. Insgesamt gibt es 630 Begräbnisorte, die entweder als Einzel- oder als Familiengrab genutzt werden können. „Es gab bereits bei den Vorbereitungen zum Bau Anfragen zur Anmeldung einer Grabstätte“, berichtet Weihbischof Hauke. Acht Wochen nach der Eröffnung im September 2007 waren per Vertrag alle 630 Plätze durch Interessenten belegt, wovon 50 Prozent katholischer und 30 Prozent evangelischer Konfession sind.

Zwanzig Prozent Nichtchristen

„Das Überraschende ist, das zwanzig Prozent Nichtchristen einen Platz reserviert haben. Diese Menschen treffen die Entscheidung, in einer Kirche begraben zu werden und muten ihren Angehörigen zu, bei Begräbnis in eine Kirche zu gehen“, so Hauke. Drei Interessenten hätten aus Rücksicht auf ihre Familie den Urnenplatz wieder zurückgegeben. Die übrigen Nicht-Christen stammen zum Teil aus konfessionsverschiedenen Ehen, waren früher aus der Kirche ausgetreten und haben im Leben die Frage nach Gott nicht weiter verfolgt. „Wir müssen diese Menschen ernst nehmen. Sie sind nicht die Unfrommen, sondern Suchende. Sie suchen eine Deutung des Lebens am Ende des Lebens.“ Diese Tatsache sei für Christen eine pastorale Chance, von ihrem Glauben an Tod und Auferstehung Jesu Zeugnis zu geben. Weihbischof Hauke führte für die Nichtchristen eine besondere Form der Trauerfeier ein. „Es ist kein kirchliches Begräbnis, weil der Verstorbene ja nicht katholisch war. Dieser inhaltliche Unterschied wird auch äußerlich deutlich: Es gibt kein Weihwasser, der Leiter der Trauerfeier erscheint nicht im liturgischen Gewand und es werden keine Lieder gesungen. Dennoch handelt es sich um eine Feier in schlichter, aber würdiger Form. Grundinhalt ist: Ein Christ betet für einen, der nicht an Gott denken, glauben oder zu ihm beten konnte.“ Neben literarischen Texten werden biblische Texte verlesen und Gebete gesprochen, die Zeugnis von der Hoffnung auf das Leben bei Gott geben. Zum Vaterunser lädt der Leiter der Trauerfeier ein und betet es für den Verstorbenen.

Während der Feier wird die Urne unter dem Geläut der Totenglocke vom südlichen Kirchenschiff in das Kolumbarium getragen. Zu diesem Bereich haben die Angehörigen später auch Zutritt durch einen Chip. So können sie Blumen an das Urnengrab stellen oder die Möglichkeit zum Trauern nutzen. Viele schätzen die Kirche auch wegen ihrer verkehrstechnisch günstigen Lage inmitten der Stadt. Seit Oktober 2007 findet in der Allerheiligenkirche an jedem ersten Freitag des Monats zur Leidensstunde Jesu um 15 Uhr das Monatliche Totengedenken statt. In dieser Feier, die bereits seit März 2002 monatlich im Erfurter Dom stattfand, können Angehörige den Namen ihres Verstorbenen in ein Buch eintragen, das in einen kostbaren Einband aus dem 16. Jahrhundert eingelegt ist. Die Feier entstand auch unter Federführung von Weihbischof Hauke. Er reagierte damit auf die Tatsache, dass immer mehr Verstorbene ohne Gedenkfeier oder gar anonym bestattet werden. Die Angehörigen haben in einem solchen Fall keinen Ort zu trauern und sind dankbar für das Totengedenken.

Die Erfurter – Christen wie Nicht-Christen – haben das Kolumbarium gut angenommen. Gut hundert Personen stehen bereits auf der Warteliste. Da ein Urnenplatz in der Allerheiligenkirche auf 20 Jahre festgesetzt ist, sucht Weihbischof Reinhard Hauke bereits nach einem neuen Ort. „Die Magdalenenkapelle geht in einem Jahr wieder in den Besitz des Bistums Erfurt über. Vielleicht wäre dort der geeignete Ort für ein zweites Kolumbarium in Erfurt“, so Hauke.

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