Lebensschule in der Bronx

Alternative zum lauwarmen Katholizismus der Wohlstandsgesellschaft: Bei den "Franziskanern der Erneuerung". Von Urs Buhlmann
Franziskaner in Manhattan
Foto: IN

Die Gegend ist rau, nicht nur an diesem kalten Februartag, der New York eine dichte Schneeschicht gebracht hat. Während weiter im Süden in Manhattan die Hausmeister an der eleganten Park Avenue emsig beschäftigt sind, die weiße Pracht abzuräumen, schippt in der nordwestlich gelegenen Bronx niemand Schnee. Es liegt ein scharfer Cannabis-Geruch in der Luft, wenn man die U-Bahn-Station neben dem Yankee-Stadium verlässt. Weiße Gesichter sieht man jetzt nur noch selten.

Das ist ihr Revier: Hier arbeiten die Franziskaner der Erneuerung, der 1987 gegründete jüngste Zweig der großen franziskanischen Familie. Acht amerikanische Kapuziner waren damals nicht mehr zufrieden mit einem zu bürgerlich gewordenen Leben in ihrem Orden, wollten zurück zu den Anfängen und besonders zu radikaler Armut. Der damalige Erzbischof von New York, Terence Kardinal Cooke, sah das Potenzial und half bei den ersten Schritten zur Errichtung einer neuen Gemeinschaft. Sie unterstand zunächst dem Ortsbischof, bis sie 2018, nach Jahren der Prüfung und Bewährung, päpstlichen Rechtes wurde, mit heute gut 130 Mitgliedern und Niederlassungen in den USA, den britischen Inseln und Mittelamerika. Auch Schwestern der Erneuerung gibt es mittlerweile.

In der Bronx finden sich, gruppiert um eine frühere polnische Kirche, die jetzt von den Brüdern genutzt wird, ein Konvent und das „St. Anthony Shelter“ für Obdachlose, eine von insgesamt mehr als 500 staatlichen und kirchlichen Einrichtungen, die in der Stadt am Hudson die vielfältige Not aufzufangen suchen. Wer hier anklopft, ist aus dem bürgerlichen Leben herausgefallen, hat aber noch die Hoffnung, umzusteuern. Die Aufnahme-Bedingungen sind hart, wie Thomas Haunschild, einer der Missionare, erläutert. Diese Laienmitarbeiter leben auf Zeit mit den Brüdern zusammen, werden dort versorgt und auch geistlich betreut. Mit ihnen sind sie im Apostolat der Gemeinschaft tätig. Der 26-Jährige aus Bad Gögging bei Neustadt an der Donau ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahr im schwierigen Teil der Bronx und weiß, worauf man achten muss: Aufnahme im franziskanischen Obdachlosen-Asyl erhält nur, wer einen negativen Alkohol- und Drogentest aufweist, bereit ist, das Haus am Morgen nach dem Frühstück zu verlassen – um Arbeit zu suchen oder notwendige Behördengänge zu machen – um dann am Abend in die vorgeschriebene Routine des Hauses wieder einzutauchen.

Die Mahlzeiten sind gemeinsam, die vielfältigen religiösen Angebote sind nicht alle verpflichtend, werden aber doch von vielen wahrgenommen. Auch auf das Handy und alle Arten von Musik- oder Video-Wiedergabegeräten muss verzichten, wer in dem Antonius von Padua geweihten Haus unterkommen will.

Man will die Männer, von denen viele aus Puerto Rico kommen, mit sich selbst konfrontieren, mit ihrem Versagen, aber auch mit ihren Hoffnungen und guten Vorsätzen. Wer entgegen der Regel Alkohol einzuschmuggeln versucht, muss gehen und darf nicht mehr wiederkommen. Auch das eigenmächtige Übernachten außerhalb des Hauses ist nur zweimal möglich, dann folgt die gleiche Sanktion. Dass die Türen der kleinen, aber gemütlichen Schlafräume der „Gäste“, wie sie genannt werden, ausgehängt sind, dass überall Kameras angebracht sind, verteidigt Tom, wie er mittlerweile genannt wird: „Anders geht es nicht, viele der Männer hier haben völlig verlernt, mit Regeln zu leben.“

Zwar wird das Ziel der Wiederaufnahme eines bürgerlichen Lebens nicht immer, aber eben doch immer wieder erreicht. Haunschild hebt auch die andere Seite des Gemeinschaftslebens hervor: Die Brüder und ihre Mitarbeiter haben im Grunde dasselbe schlichte Leben wie die Menschen von der Straße, sie wollen aber vor allem ihren Glauben teilen. Musik, die die Bibelrunden begleitet, ist dabei ein wichtiges Mittel, aber auch die tägliche einstündige Anbetung. Die Franziskaner haben einen zugleich kindlichen und kernigen Glauben und leben ganz aus der übernatürlichen Sicht auf die Dinge. Ihr Vorbild hilft, dass auch Obdachlose zurück zum Glauben finden oder sich taufen lassen. Dafür kommt gerne einer der New Yorker Weihbischöfe vorbei. Tom Haunschild konnte noch nicht wirklich gut Englisch, als er ankam und musste sein Heimweh überwinden. Doch jetzt strahlt er Ruhe aus und betrachtet sein Jahr in der Bronx als Hilfe zur Unterscheidung für sein Leben: „Ich habe hier einen ganz anderen Katholizismus gefunden wie zu Hause, nicht so lauwarm.“

Der studierte Maschinenbauer schließt nicht aus, noch weiter in New York zu bleiben. Einen deutschen Bruder der Gemeinschaft gibt es bereits, ein weiterer Deutscher ist Postulant. In jedem Fall wird der Aufenthalt bei den Franziskanern von der Erneuerung das Leben des jungen Niederbayern verändern. Ob der TSV Bad Gögging am Ende auf seinen bewährten Abwehrspieler verzichten muss, wird sich noch weisen.

Informationen unter www.stanthonyshelter.org

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