Leben im Dienst einer missionarischen Kirche

Pater Hermann Schalück ofm nimmt Abschied als Präsident von missio Aachen

Als er im Januar 1998 sein Amt als Präsident des Päpstlichen Missionswerks missio in Aachen antrat, konnte Pater Hermann Schalück ofm bereits auf lange Jahre im Dienst des Franziskanerordens zurückblicken, von 1991 bis 1997 sogar als Generaloberer in Rom. Seine zahlreichen Reisen nach Afrika und Asien, so Pater Schalück damals, hätten ihm bereits eine Vision vermittelt: „Eine Vision von den Problemen der Weltkirche, von der Vernetzung und Globalisierung der Probleme, aber auch von der Möglichkeit, Solidarität zu globalisieren“.

Am Donnerstag wird Schalück, nach zehn Jahren an der Spitze des Päpstlichen Missionswerks, offiziell verabschiedet. Auf seine Vision von damals, bei Amtsantritt, angesprochen, erwidert er: „Im Grunde ist diese Vision bis heute gleich geblieben. Es ist die Vision vom kommenden Reich Gottes, das jetzt schon durch die Kirche anbricht, manchmal mühsam, aber doch als eine befreiende Botschaft, als eine gute Nachricht für die Welt.“ An der Verkündigung dieser Botschaft mitgewirkt zu haben, so der scheidende Präsident, sei „ein großes Privileg, eine große Verantwortung und eine große Freude gewesen.“

Bis 1997 Generaloberer des Franziskanerordens

Schalück wurde 1939 in Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen geboren. Im Alter von zwanzig fand er den Weg zum Franziskanerorden, angeregt unter anderem durch Kontakte zu einer sehr lebendigen Gemeinschaft von Franziskanern in seiner Heimatstadt. Auf den Eintritt in den Orden 1959 folgten zunächst das Studium der Theologie und Philosophie in Münster und Paderborn, 1965 dann die Priesterweihe im Dom zu Paderborn. Nach einigen Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit – unter anderem an den Ordenshochschulen in München und Münster – wurde Schalück in verschiedene Leitungsfunktionen seines Ordens berufen: Ab 1973 leitete er für zehn Jahre die Nordwestdeutsche Franziskanerprovinz; von 1983 bis 1985 war er Generalsekretär des Franziskanerordens in Rom.

1991 schließlich übernahm Pater Schalück als Generaloberer die weltweite Leitung seines Ordens und damit die Verantwortung für 19 000 Priester und Brüder in 90 Ländern der Erde. Zahlreiche Visitationsreisen in dieser Zeit führten ihn in mehr als 80 Staaten – darunter die Volksrepublik China, Vietnam und Kuba; er hielt Gastvorlesungen an Ordensuniversitäten, unter anderem in Bogotá und Cali, Kolumbien, Lusaka, Sambia, und Berkeley, Vereinigte Staaten.

Im November 1997 wurde Hermann Schalück durch den Vatikan zum Präsidenten von missio Aachen ernannt und trat dieses Amt zum 1. Januar 1998 an. Trotz mancher neuer Herausforderungen stellte seine Tätigkeit in Aachen eine Kontinuität zu seiner bisherigen Arbeit dar: Es ging auch bei missio um Glaubensverkündigung, um ein Verständnis von Mission, das die pastorale mit der sozialen Dimension verbindet.

Missio Aachen wurde 1832 auf Initiative des Arztes Heinrich Hahn gegründet, konnte also im vergangenen Jahr sein 175jähriges Bestehen feiern. Das Werk fördert weltweit Projekte in rund 79 Ländern und betrachtet seine Aufgabe als universalen Auftrag, der keine Grenzen kennt. Die wichtigsten Projekt-Bereiche sind: Ausbildung einheimischer Ordensleute, Priester und Laien-Katecheten, Hilfen für den Lebensunterhalt armer Diözesen in Afrika, Asien und Ozeanien, Bau von Kirchen, Gemeindehäusern und Ausbildungszentren sowie Hilfen für Kirchen in unmittelbaren Notsituationen.

Während seiner Zeit als missio-Präsident hat Pater Schalück über 100 Länder rund um den Globus besucht. Dabei hat er am Netzwerk von Kontakten zu missio-Projektpartnern und zu Verantwortlichen in den Diözesen des Südens mitgewirkt und letztendlich entscheidende Weichen gestellt. 1998 nahm er an der Plenarsitzung der AMECEA (Bischofskonferenzen in Ostafrika) in Nairobi teil; 2005 besuchte Pater Schalück mehrfach die Tsunami-Region in Südostasien, traf sich mit Projektpartnern auf Java, in Singapur und Malaysia.

Und 2006 begleitete der missio-Präsident eine Delegationsreise der deutschen Bischöfe nach Südafrika – eine Reise, die den Schwerpunkt Aids-Problematik hatte. Neben seiner Reisetätigkeit war Pater Schalück in zahlreichen Gremien der deutschen Kirche vertreten: Unter anderem war er von 1998 bis 2008 Vorstandsmitglied der Deutschen Kommission „Justitia et Pax“ und von 2001 bis 2004 Präsident des Deutschen Katholischen Missionsrates mit Sitz in Bamberg.

In Pater Schalücks Amtszeit fiel die Ausarbeitung eines neuen Leitbildes für missio unter dem Slogan „Glauben – Geben – Leben“. Alle Mitarbeiter des Hauses wurden in diesen Prozess mit einbezogen. In das neue Leitbild fanden Bezüge zu päpstlichen Enzykliken und entsprechenden Dokumenten der Deutschen Bischofskonferenz Eingang (etwa „Allen Völkern sein Heil“ von 2004).

Die gesamte Phase der Ausarbeitung wurde aber vor allem als Lernprozess aufgefasst, als Sammelbecken, um neue Ideen „aufzufischen“ und daraus ein Leitbild zu entwickeln, das ein spezifisches Verständnis von missionarischer Kirche zum Ausdruck bringt. In den letzten Jahren fiel Pater Schalück die Aufgabe zu, die verstärkte Kooperation zwischen missio Aachen und missio München zu gestalten. missio München, 1838 auf Initiative von König Ludwig I. ins Leben gerufen, bildet gemeinsam mit dem Aachener Werk das Internationale Katholische Missionswerk in Deutschland. Dieses zählt zu den 100 päpstlichen Missionswerken weltweit. Bisher hatten beide Häuser getrennte Verwaltungsstrukturen, was die Antragstellung für Projektpartner in manchen Fällen verkomplizierte. Ein Schritt, um das zu ändern, ist die zu Jahresbeginn unterzeichnete Kooperationsvereinbarung. Künftig sollen etwa gemeinsame Strukturen für die bisher getrennt agierenden Auslandsabteilungen beider Häuser geschaffen werden.

Brückenbauer zwischen den Kirchen des Nordens und Südens

In den vergangenen Jahren sind Themen wie „Menschenrechte“ und „Friedensarbeit“ verstärkt in den Blickpunkt von missio gerückt. In verschiedenen Kampagnen setzt sich das Werk für die Stärkung von Frauenrechten ein, engagiert sich für den Schutz afrikanischer Mädchen vor Beschneidung, unterstützt in Indien Programme zur Förderung der Dalits – der „Unberührbaren“, „Kastenlosen“. Außerdem unterstützt Missio in früheren Bürgerkriegsländern wie Liberia und Sierra Leone kirchliche Programme für ehemalige „Kindersoldaten“ und den Aufbau eines Friedensdorfes in der Kriegsregion Darfur im Sudan.

Der Grundauftrag sei gleich geblieben, resümiert Pater Schalück – aber Veränderungen in Gesellschaft, Kirche und Politik würden natürlich neue Herausforderungen an ein kirchliches Werk stellen: Missio sei – heute mehr denn je – Brückenbauer zwischen der Kirche hierzulande und den Kirchen des Südens. Deshalb, so Pater Schalück, gewinne das Werk auch für die deutsche Ortskirche zunehmend an Bedeutung. „Wir haben zum Beispiel in den letzten Jahren versucht, das pastorale und spirituelle Beispiel der kleinen, christlichen Gemeinschaften aus den Kirchen Afrikas und Asiens nach Deutschland zu transportieren. Unsere Diözesen sind ja auf der Suche nach neuen Formen des gemeinsamen Betens und der Glaubenspraxis. Da sind die kleinen christlichen Gruppen in den Kirchen des Südens ein sehr schönes Beispiel, das Mut macht.“

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski