Kultur der Begegnung

Streiflichter auf die Heilige Schrift mit Papst Franziskus und Rabbi Skorka (Teil III): Solidarität. Von Regina Einig

Der Herr schickt Propheten in den Alltag der Menschen, um sie unsanft aufzurütteln, so eine Erfahrung von Papst Franziskus. Mit einer Episode aus seiner Zeit als Rektor des Jesuitenkollegs San José in San Miguel bei Buenos Aires veranschaulicht er im TV-Dialog über die Bibel mit Rabbiner Abraham Skorka, wie ihm die Tragweite gottgefälligen Fastens bewusst wurde. Es geht um das Fasten, wie der Herr es liebt – der Prophet Jesaja beschreibt es anschaulich. An einem Samstag im Winter wurde Pater Bergoglio an die Pforte des Kollegs gerufen. Dort wartete eine Mutter aus der Nachbarschaft und bat ihn um Hilfe für ihre sieben Kinder. Pater Bergoglio bat sie, am Montag wiederzukommen, wenn das Caritasbüro besetzt sei. Die Frau warf ihm einen schmerzerfüllten Blick zu und antwortete: „Meine Kinder haben aber heute Hunger und nicht erst am Montag“. Pater Bergoglio empfand nach eigenen Worten Scham über sein Verhalten und holte aus der Vorratskammer alles, was er mitnehmen konnte und gab es der Frau. Die Episode macht deutlich, was Papst Franziskus unter Solidarität versteht: ein Gesetz, das Gott in die Berufung zur Gotteskindschaft eingeprägt hat. „Wer die Last seines Nächsten trägt und sich von ihm helfen lässt, ermöglicht es Gott, Harmonie zwischen den Menschen zu schaffen.“

Harmonie zwischen den Menschen stellt in unserer Gesellschaft jedoch ein Problem dar. Und auch früheren Generationen erging es nicht anders: Rabbi Skorka zitiert das alttestamentliche Beispiel Josephs und seiner Brüder. Den Mangel an Harmonie führt Skorka auch auf das menschliche Unvermögen zurück, Normen den nötigen Respekt zu verschaffen. Der Rabbiner unterstreicht in diesem Zusammenhang die Rolle der Familie: Von grundlegender Bedeutung ist, dass diejenigen, die verstanden haben, was Solidarität bedeutet, sie ihren Kindern und Enkeln vermitteln. Es geht hier durchaus um einen Weg zur Vollkommenheit im Sinne des Christentums, wie Papst Franziskus mit Bezug auf das Schriftwort „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ anmerkt. Solidarität bringe den Menschen näher zu Gott, so Papst Franziskus. Dahinter stehe das Konzept der Gotteskindschaft, Kinder des selben Vaters zu sein: „Wer auf solidarisches Verhalten verzichtet, sagt sich auf seine Weise auch vom Stamm des gemeinsamen Vaters los.“ Die Wahrheit sei jedoch Fleisch und Blut geworden und kein Abstraktum.

Nicht von ungefähr weist Papst Franziskus darum immer wieder auf die „Kultur der Begegnung“ hin. Gott wolle nicht, dass sich die Menschen in ihrer engen Welt einkapseln, sondern dass sie dem Nächsten Platz in ihren Herzen einräumen. Im Menschen als Abbild Gottes lässt sich die Wahrheit entdecken und vom Menschen aus lässt sich auch zur Wahrheit gelangen. Ob das gelingt, ist aus Sicht des Papstes keine Frage der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht, sondern des Bewusstseins und des offenen Herzens.

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