Krieg der Steine

Die wechselvolle Geschichte der Dresdener Frauenkirche und der Kampf um die Seelen der Sachsen. Von Georg Blüml
Dresdner Türme im Sonnenuntergang
Foto: dpa | Die Silhouette von Dresden bei Sonnenuntergang: Von links gesehen fällt der Blick auf Frauenkirche, Schlossturm und Hofkirche.

Am 27. Mai feiert die Dresdener Frauenkirche ihr 275-jähriges Jubiläum. Wie eine Krone überhöht ihre Kuppel seit 1743 die Silhouette der sächsischen Metropole, die der Prunksucht Augusts des Starken ihren Ruf als „Elbflorenz“ verdankt. Den verheerenden Feuersturm – kalkulierte Folge des alliierten Bomberangriffs in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 – hatte das Gotteshaus wie durch ein Wunder zunächst überstanden. Doch anderntags stürzte das Hauptwerk des Barockbaumeisters George Bähr mit dumpfem Grollen in sich zusammen. 40 Jahre türmte sich inmitten des Stadtzentrums ein Trümmerhaufen. Die einst gelblichen, vom Feuer geschwärzten Sandsteinquader mahnten an Krieg und Zerstörung. Schon vor der Wiedervereinigung keimte der Wunsch, die Frauenkirche wieder aufzubauen. Ab 1993 wurde es möglich. Getragen von Spenden auch zahlreicher Freunde Dresdens in aller Welt begann man damit, die Überreste zu ordnen. Mittels Computer konnte man die vorhandenen Bauteile bestimmen und ihrer ursprünglichen Stelle am Bau zuordnen. Über ein Jahrzehnt dauerte die Wiederauferstehung der Frauenkirche – als archäologische Rekonstruktion aus originalen und neu geschaffenen Teilen. Seit 2005 leuchtet sie wieder als ein internationales Symbol für Frieden und Versöhnung. Das war nicht immer so. Geplant wurde sie als trotziges Abwehrzeichen gegen die katholische Kirche.

Seit den Tagen Kurfürst Friedrichs III. galt Sachsen als erste Schutzmacht des evangelischen Bekenntnisses in Deutschland. Der sächsische Landesherr hatte Luther auf der Wartburg versteckt und seine Nachfolger leiteten daraus einen politischen Führungsanspruch ab – der jeweilige sächsische Kurfürst war zugleich Sprecher der Protestanten im Heiligen Römischen Reich. Dem nach Höherem strebenden August dem Starken genügte es aber nicht, bloß Kurfürst zu sein. Er wollte König werden. Nach dem Tod des polnischen Königs und Wiener Türkenbefreiers Jan Sobieski 1696 bot sich die Chance, denn Polen war eine Wahlmonarchie und das über den neuen König entscheidende Adelsparlament zutiefst zerstritten. Dabei gab es nur ein kleines Problem: der polnische König musste Katholik sein! August bereitete diese Vorbedingung keine Gewissensbisse. 1797 konvertierte der „Hüter des Protestantismus“ zum alten Glauben, gab Unsummen für Bestechungsgelder aus und brach zuletzt sogar noch in die Krakauer Domschatzkammer ein, um die dort gelagerte Königskrone an sich zu bringen – August der Starke wurde als August II. König von Polen.

Während die Polen ihrem neuen Herrscher mit gemischten Gefühlen entgegensahen, machte sich unter Augusts sächsischen Untertanen Panik breit. Damals galt der Grundsatz „cuius regio, cuius religio“ (i.e.: „Wessen Herrschaft, dessen Glauben“), nach welchem die Untertanen die Konfession des Landesherrn annehmen mussten. Um einen offenen Aufruhr zu vermeiden, erließ der frischgebackene Katholik eilig ein Dekret. Darin erklärte er, dass sein Glaubenswechsel nur ihn persönlich betreffe und die Sachsen Protestanten bleiben könnten. Gleichzeitig legte er seine landesherrlichen Kirchenrechte – August war Oberhaupt der sächsischen Landeskirche – in die Hände eines Konsistoriums. Im Gefolge der Personalunion Sachsen-Polen und angezogen von der prunkvollen Hofhaltung aber kamen mehr und mehr Katholiken nach Dresden, das sich allmählich von einer mittelalterlichen in eine Barockstadt verwandelte.

1708 wurde eine erste Kirche notwendig und ein Jesuitenpater übernahm als Präfekt die katholische Mission in Sachsen. Dennoch vermied der in Glaubensdingen undogmatische August eine offene Konfrontation mit seinen evangelischen Untertanen. Zu dieser aber kam es im Lutherjahr 1717. Ausgerechnet zum 200. Jubiläum des Thesenanschlags wurde der zuvor geheim gehaltene Glaubenswechsel des Thronfolgers und damit der gesamten Dynastie der Wettiner bekannt gegeben. Ein Affront für die orthodox-protestantische Geistlichkeit. In Predigten priesen sie Luther als den neuen Moses, der das Volk Israel aus der Knechtschaft des Pharao, also des Papstes, geführt habe. Jeder Sachse konnte verstehen, dass August die falsche Richtung eingeschlagen hatte.

In diesem Klima reifte bei den Dresdener Bürgern der Wunsch, dem Prunk des katholisch gewordenen Hofes ein monumentales Zeichen des Protestantismus entgegenzusetzen. Wie dem alten konstantinischen Petersdom in Rom, den Papst Julius II. zugunsten des neuen Kuppelbaus abreißen ließ, erging es der aus gotischer Zeit stammenden Frauenkirche am Dresdener Neumarkt: sie wurde für baufällig erklärt. Im Mai 1722 legte der bei Altenberg im Erzgebirge geborene Ratszimmermeister George Bähr die ersten Pläne vor. Die neue Frauenkirche sollte sich – wie beim verhassten Vorbild in Rom – auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes erheben, also einem Kreuz mit zwei gleich langen Armen. Am Schnittpunkt sah Bähr eine holzüberdachte Kuppel mit einer kostspieligen Kupferverkleidung vor, so dass Baukosten von immensen 103 075 Talern zu veranschlagen waren.

Eine solche Summe aber war vom Rat keinesfalls aufzubringen und da auch der Kurfürst zögerte, wurde das Vorhaben zurückgestellt. Im Jahr darauf reichte der Architekt einen leicht geänderten Entwurf nach. Die Baukommission forderte eine Reduzierung der Kosten um die Hälfte sowie eine Verkleinerung des Bauwerks – obwohl als Baugrund ohnehin nur eine Fläche von 50 x 50 Metern zur Verfügung stand; etwa die Größe eines halben Fußballfelds. Kritisiert wurde auch Bährs altmodische, barocke Formensprache – die Konkurrenten bauten bereits im zeitgemäßeren Rokoko französischer Prägung. Es folgten Entwürfe, Gegenentwürfe, Planänderungen und immer wieder Streit ums liebe Geld.

Um das Projekt zu retten, tat George Bähr genau das, was heutige Architekten bei öffentlichen Bauvorhaben – etwa dem Berliner Flughafen – noch immer tun: Er rechnete seinen Voranschlag auf 88 000 Taler herunter. Erst danach konnte am 26. August 1726 der Grundstein gelegt werden. Doch auch nach Baubeginn mischten sich die Architektenkollegen ein – die Kuppel solle ovaler, schlanker und höher, also französischer werden. Der Baumeister machte Kompromisse und änderte seine Pläne. Mehrfach mussten die Bauarbeiten unterbrochen werden. Einmal mangelte es an Fachkräften, ein anderes Mal an Baumaterial. Woran es aber immer mangelte: am Geld. Schon nach zweieinhalb Jahren waren die ursprünglich veranschlagten Gelder verbaut; Baustopp.

Um das Projekt irgendwie weiterzuführen, wurden Spendengelder zweckentfremdet und in das Mammutprojekt abgezweigt. Man führte eine Biersteuer ein und die Gebetsstühle der künftigen Kirche wurden meistbietend versteigert. Bähr setzte schließlich sein eigenes Vermögen ein. Nach vier Jahren Bauzeit war die Kirche endlich bis zum Kuppelansatz aufgeführt. Doch noch immer schwebte ein Damoklesschwert über dem Ganzen: die teure Kupferkuppel. Der Rat hatte kein Geld. Sollte man das Loch im Dach einfach zumauern? George Bähr schwatzte dem Rat eine Steinkuppel auf; sächsischer Sandstein war billiger als Kupfer. Doch Johann Gottfried Fehre, der als Ratsmaurermeister die Baustelle der Frauenkirche unter Bährs Oberleitung betreut hatte, widersprach: Für eine so viel schwerere Kuppel sei der Bau nicht ausgelegt, die Kirche könne womöglich einstürzen – der klassische Konflikt zwischen dem Architekten als Baukünstler und dem pragmatisch rechnenden Baustatiker. Der Rat war sich uneins, aber Bähr gelang es, August den Starken zu überzeugen – die letzte Instanz in Sachen Stadterneuerung. Dieser hatte in seiner Jugend Venedig besucht und dort die am Canal Grande gelegene Salute-Kirche bewundert. Wie deren Steinkuppel würde auch die Frauenkirche das Stadtbild Dresdens dominieren. Trotz aller Bedenken ging es weiter. Mit einer Höhe von 24 Metern und einem Durchmesser von 26 Metern errichtete Bähr schließlich die größte steinerne Kuppel nördlich der Alpen.

Die bekrönende Laterne war noch nicht gesetzt, da taten sich Risse auf. Bähr hatte sich geirrt, die Kuppel senkte sich! Sogar ein Abbruch wurde erwogen. Der Baumeister verstarb über diesen Sorgen. Er erlebte nicht mehr, wie in nur vierhundert Metern Entfernung mit dem Bau der katholischen Hofkirche begonnen wurde. Wie zum gegenreformatorischen Großangriff trat an deren Fassaden eine Armee von 78 überlebensgroßen Heiligenfiguren an; Krieg der Steine um die Seelen der Sachsen. Der Kuppelbau durfte nun nicht mehr scheitern! Die Risse wurden verklammert und fünf Jahre nach Bährs Tod konnte das abschließende Turmkreuz aufgesetzt werden. Die Frauenkirche hatte insgesamt 288 570 Taler gekostet – ein Vielfaches der ursprünglichen Kalkulation. Und auch die Reparaturen rissen nicht ab. Immer wieder mussten die acht, unter der Last von 12 000 Tonnen Sandstein ächzenden Hauptpfeiler mit Klammern und Bandagen versehen werden. Zuletzt zog man Gurtbögen aus Stahlbeton ein.

Die Kuppel hielt – bis zum fatalen 15. Februar 1945. Um zehn Uhr morgens war zunächst ein Knirschen zu hören, dann gab einer der von der Feuersbrunst ausgeglühten Sandstein-Pfeiler der Südwestecke nach und die Kuppel sank in Schutt und Asche.

Seit 2005 strahlt wieder ein Kreuz über Dresdens steinerner Glocke – geschmiedet vom Sohn eines an der Zerstörung der Frauenkirche beteiligten britischen Bomberpiloten.

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