Kraftvolle Ermahnungen

Erneuerung des Mönchtums: Prosper Guérangers Einführungen in die liturgischen Zeiten. Von Urs Buhlmann
Foto: IN | Die Abtei Solesmes prägte seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Liturgie und den Gregorianischen Choral der Benediktiner.
Foto: IN | Die Abtei Solesmes prägte seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Liturgie und den Gregorianischen Choral der Benediktiner.

Wenigstens ein Teil seines berühmten Werkes ist jetzt nach 110 Jahren wieder in deutscher Übersetzung greifbar: Dom Prosper Guéranger (1805–1875), Wiederbegründer benediktinischen Lebens in Frankreich und Autor einer vielbändigen Einführung in das Kirchenjahr, hat seinen erklärenden und deutenden Worten zu den liturgischen Texten eines jeden Tages eine Einführung zu den Abschnitten des Kirchenjahres vorangestellt. Diese, und nur diese, werden hier vorgelegt. Vor der Liturgiereform gab es nicht nur Advent, Weihnachten, Fastenzeit, Ostern und die Zeit „im Jahr“, man sprach auch von der Vorfastenzeit und der Zeit nach Pfingsten. Guéranger kannte dazu noch den kurzen Abschnitt vom fünften Fasten- oder Passions-Sonntag bis zur Osternacht.

Wenn einer Begründer einer neuen liturgischen Bewegung war, dann dieser energische, tatkräftige, an alten kirchlichen und monastischen Idealen orientierte Franzose. Er hatte die Profess im Benediktinerorden 1837 abgelegt und im selben Jahr das verlassene Priorat dieses Ordens in Solesmes wiederbegründet. Dort wirkte er für eine streng traditionsorientierte Ausrichtung, vertrat vehement die Dogmen der Unbefleckten Empfängnis und der Unfehlbarkeit des Papstes. Ohne ihn würde es heute wohl keinen Gregorianischen Gesang geben, aber auch keine Beuroner Kongregation der Benediktiner, die die Solesmner Weise des Mönch-Seins ab 1863 in die deutschsprachigen Lande trug.

Aber er war eben auch ein ungemein produktiver Autor, der neben seinem riesenhaften Werk zur Liturgie (dessen letzte Bände nach seinem Tod von einem Mitmönch vollendet wurden) auch eine Geschichte der Liturgie vorlegte. Von seinem sehr klaren Blick auf die Dinge können wir auch heute noch profitieren, wie der heutige Solesmner Mönch Louis Soltner in seiner Einführung schreibt: „Das, was ihm vor allem am Herzen lag, war, beim Leser ein Gefühl und eine Begeisterung für die Schönheit des liturgischen Gebetes zu wecken. Er wollte ihn erfahren lassen, dass die liturgischen Texte eine wahre spirituelle Nahrung sind.“

Das Gebet, das höchste Gut des Menschen

Die echte Begeisterung, die dem Franzosen bei der Erklärung der heiligen Geheimnisse die Feder führte, ist auch in der gelungenen deutschen Übersetzung von Wilhelm Hellmann spürbar. So hat der in der Erzabtei St. Ottilien angesiedelte EOS-Verlag gut daran getan, wenigstens diese einführenden Texte Guérangers zu den einzelnen liturgischen Zeiten wieder zugänglich zu machen. Sie sind jeweils, wie im Original, dreigeteilt: Der meist lange Abschnitt zu den historischen Fakten lässt den belesenen Historiker Guéranger erkennen, es folgen eine theologische Deutung und noch aufmunternde Hinweise zur christlichen Praxis. Denn niemals geht es Guéranger um bloßen Formalismus oder die Hervorhebung historischer Details. Er will vielmehr mit seiner Begeisterung für die Genese und innere Bedeutung der Feste und ihrer Texte dem Leser zu einem vertieften Glaubensleben verhelfen. So heißt es im Vorwort: „Das Gebet ist für den Menschen das höchste Gut. Es ist sein Licht, seine Nahrung, ja: sein Leben, weil es ihn in Verbindung mit Gott versetzt, der ,Licht', ,Nahrung' und .Leben' ist.“ Der Christ betet aber besser, so war der Mönch überzeugt, wenn er weiß, wie sich die Gebetsformen entwickelt haben.

Für Prosper Guéranger war es das höchste Anliegen, sich und die, die ihm folgen, in den Gebets- und Traditionsstrom der Jahrhunderte zu stellen; der Gedanke einer Liturgiereform, die sich als Neuanfang versteht, wäre ihm fremd gewesen. Vielmehr verfolgen seine ausführlichen Anmerkungen zur Praxis der antiken und mittelalterlichen Kirche die Absicht, den Leser zu einem vermehrten Frömmigkeits-streben anzuleiten. Die alte Strenge hatte es ihm angetan, wie er deutlich erkennen lässt. So fordert er eindringlich zu einer guten Vorbereitung im Advent auf. Denn so wie Jesus sich als „liebevoller Freund“ in der Gestalt des Kindes zeigt, so wird er bei seiner letzten Ankunft als Löwe erscheinen, „zugleich glanzvoll und furchterregend“. Den Tag des Gerichts „fürchtet die Kirche nicht für sich selbst, denn an jenem Tag wird sie mit der Krone der Braut Christi geschmückt werden. Ihr mütterliches Herz ist aber bei dem Gedanken voll Unruhe, dass mehrere ihrer Kinder zur Linken des göttlichen Richters stehen werden, keine Gemeinschaft mit den Erwählten mehr haben.“

Er glaubt an den Himmel und auch an die Hölle

Guéranger kennt den Himmel wie die Hölle und er weiß beide Orte bevölkert. Er appelliert: „Jeder Christ sollte sich darauf vorbereiten, dass der Erlöser in einem jedem von uns geboren werden möchte, und zwar noch schöner, noch strahlender, noch stärker, als wir es uns vorstellten.“ So ist für den Benediktiner die Adventszeit in erster Linie eine Bußzeit.

Weihnachten finde uns dann als Beschenkte, aber auch als Verpflichtete: „Wir Christen müssen der Kirche, unserer Mutter folgen, und unser Herz dem Emanuel darbieten. Die Hirten boten dem Kind ihre Schlichtheit und Armut dar, die Weisen aus dem Morgenland brachten reiche Geschenke. Die einen wie die anderen lehren uns, dass niemand sich dem göttlichen Kind nähern sollte, ohne ihm ein würdiges Geschenk darzubieten.“ Nämlich dieselbe, ungeteilte Liebe, die den Gottessohn vom Himmel herabsteigen ließ. Guérangers Worte sind immer wieder sanfte Mahnungen, anzufangen mit der Umkehr zu Gott hin, so auch im Abschnitt zur Vorfastenzeit: „Durchlaufen wir die Strecke unseres Lebens so, dass wir am Ende den Preis des göttlichen Anrufs gewinnen. Gehören wir nicht zu den törichten Reisegefährten, die ihre Heimat vergessen haben, sich an ihr Exil klammern und niemals ankommen werden... Verloren ist das Leben dessen, der sich seines Leidens nicht bewusst ist. Eilen wir stattdessen lieber zu dem Arzt unseres Heiles. Zeigen wir ihm unsere Verwundungen.“

So streng der Mönch gelegentlich aufzutreten vermag, so sehr kennt er auch Jesus als Heiland voll Erbarmen. In der Frage des Fastens allerdings ist er der Vertreter einer rigiden Disziplin, der – weniger bei Alkohol, um so mehr bei Fleischspeisen – keine Nachlässigkeit duldet. Seine Worte sind uns Heutigen gesagt: „Wie viele Christen gibt es noch in unseren Gemeinden, die das vorösterliche Fastengebot auch in seiner reduzierten Form noch streng einhalten?“ In gleicher Weise problematisch war für Dom Prosper die Sonntagsöffnung von Geschäften, in Frankreich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts üblich. In seinem Eifer für die Wiederherstellung der alten Ordnung kennt Guéranger keine Grenzen: „In Wahrheit haben die Menschen jeden Sinn für die Realität verloren. Ihr Erstaunen wird groß sein, wenn am Tag des Endgerichts unser Herr sie mit so vielen armen (sic) Muslimen konfrontieren wird, die inmitten einer verkommenen und auf Lust bedachten Gesellschaft in sich selbst die Motivation finden, die härtesten Verzichtleistungen an den dreißig Tagen des Ramadan zu vollbringen.“ Die Regeln der Religion seien kein Selbstzweck, vielmehr Hilfsmittel auf dem Weg zu dem Glück, das Gott uns bereiten will: „Denn mit dem Ostertag sind wir in einen Zeitabschnitt eingetreten, in dem es nur Freude, Licht und Leben gibt, in dem Ruhe, Sanftheit und Hoffnung auf Unsterblichkeit vorherrschen (...), in dem es keine Dissonanzen gibt, da alle, Eifrige und weniger Eifrige, Vollkommene und weniger Vollkommene ihre Stimmen zu einem einzigen Lobgesang vereinen.“ Darauf vorzubereiten war Prosper Guéranger angetreten, als Priester und als Mönch, und den leidenschaftlichen Eifer, Seelen für Gott zu gewinnen, merkt man jeder Zeile seiner mit Herzblut geschriebenen Aufmunterungen an.

Dom Prosper Guéranger OSB: Einführung in das liturgische Jahr. Vorwort von Dom Louis Soltner OSB. EOS-Verlag, St. Ottilien, 2014, 216 Seiten,

ISBN 978-3-8306-7648-5, EUR 19,95

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24.09.2021, 10 Uhr
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