Kraft schöpfen beim Heiligen Blut

Der Bischof von Nowosibirsk, Joseph Werth, predigt in der Wallfahrtsbasilika von Walldürn. Von Reinhard Nixdorf
Foto: pd | Vor dem Mauerfall für viele Christen nur ein Traum, nun Wirklichkeit: Bischof Werth machte deutlich, welches Geschenk Wallfahrten für ihn bedeuten.
Foto: pd | Vor dem Mauerfall für viele Christen nur ein Traum, nun Wirklichkeit: Bischof Werth machte deutlich, welches Geschenk Wallfahrten für ihn bedeuten.

Kreuzdarstellungen und Bildstöcke, manchmal verwittert und uralt, weisen zwischen Main, Neckar und Tauber Pilgern den Weg nach Walldürn. „Madonnenländchen“ heißt der Landstrich rund um Walldürn daher. 1408 wurde die Wallfahrt zum Heiligen Blut nach Walldürn zuerst erwähnt und sie ist lebendiger als je zuvor: 130 000 Pilger kommen jährlich nach Walldürn, um in der Wallfahrtsbasilika eine Reliquie aus dem Jahr 1330 zu verehren, die im Heilig-Blut-Altar geborgen ist. Damals stieß der Priester Heinrich Otto aus Unachtsamkeit einen konsekrierten Kelch um. Er stellte fest, dass sich der konsekrierte weiße Wein rot gefärbt und auf dem Korporale, dem Leinentuch unter dem Kelch, die Gestalt des gekreuzigten Jesus Christus ohne Kreuz und elfmal das von Dornen gekrönte Haupt Jesu abgebildet hatte. Erschrocken faltete er das Korporale zusammen und versteckte es unter dem Altar. Erst fünfzig Jahre später, auf dem Sterbebett, verriet der Priester das Versteck. Das Leinentuch wurde gefunden und das Bild bekannt.

Ein spiritueller Schatz, der zeigt, dass hinter den Worten Christi „Das ist mein Leib und mein Blut“ eine Realität steht. Ein spiritueller Schatz, der Christen in Verfolgung und angefochtener Lage Halt geben kann. Das verdeutlichte der Bischof von Nowosibirsk, Joseph Werth, in seiner Predigt in der Wallfahrtskirche von Walldürn am vergangenen Sonntag. Im Wallfahrtsprogramm wurde dieser Sonntag als Tag der Heimatvertriebenen, Aussiedler und ausländischen Mitbürger begangen.

Viele Wallfahrer aus der ehemaligen Sowjetunion, den Ländern Osteuropas und den ehemaligen deutschen Ostgebieten, waren zu dem Gottesdienst nach Walldürn gekommen, auch um Bischof Werth zu begegnen, der, geleitet von Stadtpfarrer und Wallfahrtsleiter Pater Josef Bregula OFM Conv., Konzelebranten, Diakonen und Ministranten vorbei am Gemeindehaus der Pfarrgemeinde St. Georg zur Pilgermesse in feierlicher Prozession in die Basilika einzog.

Bischof Joseph Werth kam 1952 als zweites von elf Kindern einer nach Kasachstan verbannten russlanddeutschen Familie in der kasachischen Stadt Karaganda zur Welt und wurde durch die katholische Untergrundkirche geprägt. 1984 empfing er die Priester-, 1991 die Bischofsweihe. 1999 wurde Bischof Joseph Werth Apostolischer Administrator von Westsibirien, 2002 mit der Erhebung der Administratur zum Bistum Bischof von Nowosibirsk. Er leitet damit eine der flächenmäßig größten Diözesen der Welt. Zurzeit besucht er Deutschland.

Gerade an die Russlanddeutschen wandte sich Bischof Werth in seiner Predigt, wenn er sagte: „Es liegt noch nicht allzu lange zurück, da lebten viele von euch weit weg von hier, zum Beispiel in der Sowjetunion. Ich komme auch von dort, von Russland, von Sibirien, früher war das die Sowjetunion.“ Damals habe man von Wallfahrten nur träumen können. „Ich kann mich zwar an ein Marienlied erinnern, das die Mutter bei ihrer Näharbeit oft gesungen hat und wahrscheinlich eine Wallfahrt zu Thema hatte ,Wir ziehen zur Mutter der Gnade, zu ihrem hochheiligen Bild‘. Aber das war nicht einmal ein Traum oder ein Wunsch. Wer würde schon solche absolut unerfüllbaren Wünsche und Träume gehabt haben? Höchstens konnten wir bei den Prozessionen zum Friedhof an den Bitttagen vor Christi Himmelfahrt teilnehmen.“ Doch von der Wallfahrt zum Heiligen Blut nach Walldürn und dem Wunder auf dem Korporale habe auch er damals gehört. „Für mich als Kind und sicher auch für viele Gläubige in einem gottlosen Land galt so etwas wie ein Beweis, dass es einen Gott gibt“, sagte Bischof Werth. Zwei Dinge habe man sich gewünscht: erstens, diese Reliquie verehren zu dürfen – zweitens, dass ungläubige Menschen von diesem Wunder erfahren und zum Glauben kommen könnten. Deshalb sei es so wichtig, sich zu vergegenwärtigen, welches Glück es sei, den eigenen Glauben nun frei leben zu können: „Stellt euch vor, ihr lebtet immer noch in der Sowjetunion – ohne Kirche, ohne Priester, ohne Sakramente!“, sagte der Bischof. „Ihr würdet immer noch eures Glaubens wegen verfolgt und verspottet werden. Man muss sich das manchmal vorstellen, damit man das große Glück, die große Gnade heute mehr schätzt.“ In Deutschland sei die Geschichte der Russlanddeutschen viel zu wenig bekannt, nicht einmal der jüngeren Generation der Russlanddeutschen, bedauerte Bischof Werth: „Nur die wenigsten wissen, wie schwierig die Ansiedlung der Kolonisten vor zweihundertfünfzig Jahren war.“ Doch mit der Zeit hätten es die Russlanddeutschen zu beachtlichem Wohlstand gebracht, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sei für die russlanddeutschen Katholiken die Diözese Saratow an der Wolga gegründet worden. „Aber 1917 wurde durch den Kommunismus alles zerstört und vernichtet“: Tausende seien ums Leben gekommen, wurden verschleppt und deportiert: ,,Das Volk hat Schreckliches erlitten. Wenn alte Leute davon erzählen, ist man zu Tränen gerührt, aber man bewundert auch ihren Glauben. Denn es wurde in diesen Prüfungen viel und inständig gebetet. Gott war der einzige Trost und Halt.“

Heute erlebe die katholische Kirche in der ehemaligen Sowjetunion eine Wiedergeburt. Kirchen würden gebaut, Priesterseminare stünden jungen Leuten zur Ausbildung offen, Kinder hätten die Möglichkeit zur Katechese: „Es ist wie ein Wunder“, sagte Bischof Werth. „Oft verwenden wir den Ausdruck: Wir bauen heute auf dem Fundament der Märtyrer des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Die Tränen, das Leid, die Schmerzen der schrecklichen Vergangenheit sind heute zum festen starken Fundament geworden.“ Was das bedeute, sei ihm einmal bei einer Pastoralreise im Norden Sibiriens aufgegangen: in Magadan, wo in stalinistischer Zeit über eine Million Menschen ums Leben gekommen seien. Er habe Lagerruinen gesehen, die armselige Kleidung und das Schuhwerk der Gefangenen, mit denen sie bei minus 50 Grad arbeiten mussten, einen Friedhof, auf dem die Gräber statt Namen bloße Nummern trugen und nur manchmal ein Kreuz zu sehen war, das Mitgefangene aufgerichtet hatten, wenn ein Priester gestorben war.

Auch eine Strafzelle sei erhalten geblieben, in der nur ein kleines Fenster den Blick in den Himmel freigab: „Ich stellte mir vor, dass damals in dieser Zelle vielleicht ein Priester war. Ich fragte mich: Was macht er da und da war auch die Antwort: Gewiss betete er und er schaut durch das Fenster wie durch eine Ikone. Er betete für sich und seine Kameraden, dass Gott ihnen die Kraft verleiht, auszuhalten, für die Peiniger, dass Gott ihnen vergibt, weil sie nicht wissen, was sie tun. Und dann kam ein klarer Gedanke: Er betet ganz sicher auch für uns heute: dass der Schrecken bald ein Ende findet, dass die Kirche wieder frei wird und dass das Evangelium verkündet werden kann. Und ich stellte mir vor, dass dieser Priester all dieses Leid Gott dargebracht hat. Das Opfer und Gebet der Russlanddeutschen sind das Fundament, auf dem wir bauen. Es war alles nicht umsonst, nicht sinnlos. Wie auch das Sterben unseres Herrn Jesus Christus nicht umsonst war.“

Denn, sagte Bischof Werth: „Alles Leiden, dem wir in diesem Leben begegnen, können wir mit dem Leiden Jesu vereinigen und damit teilnehmen am großen Werk der Erlösung, der Befreiung von allem Bösen.“ Vor seiner Himmelfahrt habe Jesus zu seinen Jüngern gesagt: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Und Paulus schreibe in seinem Brief an die Römer: ,,Wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“

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