Konflikt um Spenden für Lebensschutz

Bistum Augsburg verbietet Werbeaktivitäten der Initiative 1000plus/Pro Femina. Generalvikar Heinrich weist Kritik an der Entscheidung zurück. „Warnhinweis“ auch im Bistum Speyer. Unverständnis und Sorgen bei der Lebensschutzinitiative Von Markus Reder
Foto: 1000plus | Kristijan Aufiero, Vorsitzender des Vorstandes von Pro Femina e.V. und Projektleiter von 1000plus: „Nichts liegt mir ferner als Konflikte mit der Kirche zu suchen.
Foto: 1000plus | Kristijan Aufiero, Vorsitzender des Vorstandes von Pro Femina e.V. und Projektleiter von 1000plus: „Nichts liegt mir ferner als Konflikte mit der Kirche zu suchen.

Augsburg/Heidelberg (DT) Das Bistum Augsburg hat sein Verbot von Spendenaktionen der privaten Lebensschutz-Initiative 1000plus/Pro Femina e.V. bekräftigt und weist Kritik an dieser Entscheidung zurück. Bereits am 17. Februar hatte das Bistum mit einem Rundschreiben Werbe- und Spendenaktionen der Lebensschutzinitiative untersagt. Die Lebensschutzinitiative hatte daraufhin in einer Pressemitteilung mit Unverständnis reagiert. Der Generalvikar des Bistums Augsburg, Harald Heinrich, äußerte sich diese Woche gegenüber der „Tagespost“ zur Kritik an der Entscheidung des Bistums. Er sei „sehr bewegt und auch traurig“, wie auf diversen Internetseiten, in sozialen Netzwerken und auch in Zuschriften das Engagement des Bistums in Sachen Lebensschutz „auf hämische und geradezu infame Weise“ in Abrede gestellt werde, sagte Heinrich. Und fragte weiter: „Soll all das nicht gut sein, was im sozial-caritativen Bereich unseres Bistums bereits seit Jahrzehnten unternommen wird? Unsere großen Einrichtungen der Behindertenhilfe wirken bereits seit dem 19. Jahrhundert, teilweise weit über die Grenzen des Bistums Augsburg hinaus.“ Noch in der vergangenen Woche habe der Diözesansteuerausschuss für den Neubau eines stationären Hospizes in Augsburg eine Anschubfinanzierung in Höhe von einer Million Euro beschlossen.

Heinrich verwies zudem auf die im Jahr 1999 gegründete bischöfliche Stiftung „Pro Vita“. „Pro Vita“ sei dazu da, Familien und Frauen in Notlagen zu helfen. Der Kapitalstock für diesen Hilfsfonds sei aus Spenden, privaten Zustiftungen und diözesanen Geldern gebildet worden. In den Jahren zwischen 1999 und 2011 habe die Diözese so bereits konkrete Hilfen in Höhe von 3,6 Millionen Euro bereitgestellt.

Die Beraterinnen des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF) stünden im Bistum aufgrund der bischöflichen Vorgaben flächendeckend Frauen in unterschiedlichen Fragen, Notlagen und auch Konfliktsituationen während – und auch vor – der Schwangerschaft sowie bis zum dritten Lebensjahr eines Kindes zur Seite. Die Ehe-, Familien- und Lebensberatung biete an vielen Stellen im Bistum in unzähligen Gesprächen Menschen in Notlagen Hilfe an.

Heinrich sagte, er danke allen im Bistum für den Einsatz und auch für die Bereitschaft, diese bewährten Initiativen und Einrichtungen des Bistums durch ihre Kirchensteuern und durch Spenden mitzutragen. All diese diözesanen Initiativen und Angebote seien „im Sinne eines nachhaltigen, effektiven und flächendeckenden Beratungs- und Hilfsangebots auch weiterhin auf Mittel aus der Kirchensteuer und auf Spenden angewiesen“, so der Generalvikar.

Zu den Gründen für das Verbot sagte Heinrich: Erst vor wenigen Wochen sei ihm bekannt geworden, dass von 1000plus/Pro Femina e.V. in den Pfarreien des Bistum Augsburg bereits Dutzende Spendenaktionen durchgeführt worden seien, ohne dies zuvor mit ihm oder seinem Vorgänger in irgendeiner Weise abgestimmt zu haben. Dabei sei offensichtlich der Eindruck erweckt worden, dass es keine flächendeckende Schwangerschaftskonfliktberatung in unserem Bistum gäbe. Deshalb seien die Gläubigen um Spenden angegangen worden, um ein solches angeblich fehlendes Beratungssystem aufzubauen. „Dies kann so nicht unwidersprochen bleiben, weil es nicht den Tatsachen in unserem Bistum entspricht.“

Heinrich hob hervor, er wolle die inhaltliche Arbeit von 1000plus „in keiner Weise bewerten“. „Private Initiativen von Katholiken gerade auch in Sachen Lebensschutz können sogar wertvoll und ergänzend sein. Niemand hat im Bistum Augsburg Katholiken verboten, sich für 1000plus zu engagieren.“ Dennoch könne er als Generalvikar nicht zustimmen, wenn Katholiken bei Gottesdiensten oder bei Aktionen auf der Ebene einzelner Pfarreien um Spenden für Anliegen privater Initiativen gebeten würden.

Auch das Bistum Speyer möchte künftig Werbeaktivitäten von 1000plus/Pro Femina e.V., der Beratungsstelle „Die Birke“ und der Stiftung „Ja zum Leben“ unterbinden. In einem als „Warnhinweis“ gekennzeichneten Schreiben des Speyerer Justiziars Marcus Wüstenfeld wird darum gebeten, mögliche Anfragen dieser Organisationen „abschlägig zu bescheiden“. Der Sprecher des Bistums Speyer, Markus Herr, bestätigte am Freitag gegenüber dieser Zeitung eine entsprechende Anweisung des Bischöflichen Ordinariats Speyer. Zugleich betonte er, die Rede von einem „Verbot“ der Organisation „Pro Femina“ sei eine irreführende Darstellung. „Es geht für das Bistum Speyer allein um die Frage, ob einer nicht-kirchlichen Organisation wie ,Pro Femina‘ ein Forum gegeben wird, in Gottesdiensten für ihre Anliegen zu werben und Spenden einzuwerben, während gleichzeitig der Caritasverband der Diözese Speyer und die ,Bischöfliche Stiftung für Mutter und Kind‘ sich ebenfalls stark für den Lebensschutz einsetzen und dafür ebenfalls auf Spendengelder angewiesen sind.“ Der Schutz des ungeborenen Lebens und die Hilfe für werdende und junge Eltern hätten für die Diözese Speyer einen zentralen Stellenwert, so Herr. Ausdruck dieser Haltung sei unter anderem das starke Engagement des Caritasverbandes für die Diözese Speyer in der Schwangerschaftsberatung. Die elf katholischen Schwangerschaftsberatungsstellen in der Diözese würden stark nachgefragt. „Auch Frauen in Schwangerschaftskonflikten wenden sich nach wie vor an die katholischen Beratungsstellen.“ Durch das Angebot der Online-Beratung, das vom Caritasverband für die Diözese Speyer im Jahr 2002 zusammen mit dem Deutschen Caritasverband entwickelt worden sei und dem inzwischen katholische Schwangerschaftsberatungsstellen aus mehr als 20 Diözesen angeschlossen seien, hätten Hilfe suchende Frauen die Möglichkeit, sich im werktäglichen Chat oder über die Mailberatung innerhalb von 24 Stunden anonym, kompetent und kostenfrei beraten zu lassen, erklärte Herr.

Die Lebensschutz-Initiative 1000plus/Pro Femina e.V. zeigte sich bestürzt über die Entscheidung in den Bistümern Augsburg und Speyer. Kristijan Aufiero, Vorsitzender des Vorstandes von Pro Femina e.V. und Projektleiter von 1000plus, bezeichnete das Werbeverbot der Bistümer gegenüber dieser Zeitung als „schweren Schlag für unsere Arbeit“. Für ihn zähle der Schutz des menschlichen Lebens zu den Kernanliegen der Kirche. Er habe die den Lebensschutz betreffenden Enzykliken der Päpste immer auch als besonderen Aufruf an die Laien verstanden, sich in diesem Bereich zu engagieren. Das Argument, in den Bistümern solle eine Doppelstruktur vermieden werden, bei der neben Einrichtungen der Diözese auch andere Initiativen Spenden sammeln dürfen, könne er nicht nachvollziehen. Es sei doch nur gut, wenn ein gemeinsames Anliegen von vielen unterschiedlichen Kräften getragen und unterstützt würde. Nichts liege ihm ferner als Konflikte mit der Kirche zu suchen, betonte Aufiero. Als private Initiativen wüssten sich 1000plus/Pro Femina e.V. und die Beratungsstelle Birke e.V. voll und ganz der Lehre der katholischen Kirche verpflichtet. „Das ist der Boden, auf dem wir stehen.“ Die Arbeit von 1000plus/Pro Femina e.V. zeichnet sich laut Aufiero gerade dadurch aus, „dass wir seit Jahren viele Frauen im Schwangerschaftskonflikt erreichen und beraten, ohne einen Beratungsschein auszustellen“.

Zu den Werbeaktivitäten im Bistum Augsburg sagt er: „Wir hatten in den vergangenen drei Jahren 43 Werbeaktionen in Pfarreien des Bistums. Die waren ein großer Erfolg. Wir haben immer großzügige Unterstützung, Offenheit und Gastfreundschaft erfahren. Dafür möchte ich danken.“ Vor diesem Hintergrund sei es nun besonders schmerzhaft, diese 43 Partner zu verlieren. Ein Konkurrenzsituation sieht Aufiero nicht. „Im Gegenteil: Wir denken, dass 43 Babyflaschen-Aktionen ein eindrucksvolles Zeugnis für den gemeinsamen Einsatz von katholischer Kirche, Gemeinden und Laien für die Schwangeren und für ihre ungeborenen Babys sind.“

Die Kritik, 1000plus/Pro Femina e.V. habe sich den Verantwortlichen im Bistum nicht vorgestellt, will Aufiero so nicht gelten lassen. Das sei insofern unzutreffend, da es bislang leider keine Möglichkeit für ein solches Gespräch gegeben habe, sagt er. „In den Jahren 2009 und 2010 haben wir versucht, mit rund ein Dutzend Bischöfen über eine Zusammenarbeit in der Schwangerenkonfliktberatung ins Gespräch zu kommen. Am 14. Dezember 2009 haben wir uns mit diesem Anliegen auch an das Bistum Augsburg gewandt. Auf diese Anfrage haben wir keine Antwort erhalten.“

Zu den Beratungsangeboten in den Diözesen äußert sich Pro Femina e.V. in einer schriftlichen Stellungnahme zum 1000plus-Werbeverbot der Bistümer Augsburg und Speyer. Darin heißt es: „Den verschiedenen Jahresberichten der Caritas und des Sozialdienstes der katholischen Frauen (SkF) zufolge erreichen die Beratungsstellen in deren Trägerschaft nur sehr wenige Frauen im existenziellen Schwangerschaftskonflikt. 1000plus erreicht und berät – ohne den sogenannten Beratungsschein auszustellen – inzwischen jedes Jahr tausend Frauen.“ Mit den nötigen Spendengeldern lasse sich diese Zahl zügig erhöhen.

Gerüchten, bei Pro Femina würde in den Beratungsgesprächen Druck auf Schwangere in Not ausgeübt, widerspricht Aufiero entschieden. „Bei uns rufen jeden Tag Frauen im Schwangerschaftskonflikt an. Unsere Aufgabe ist es nicht, den Frauen in schwierigen Situationen Moral oder Glaube zu verkünden, sondern ihnen all die Liebe und Hilfe zu geben, die es ihnen ermöglicht, ,Ja‘ zu ihrem Kind zu sagen.“ Erst dadurch eröffne sich für Frauen in Not eine Alternative zur Abtreibung. „Ein ungeborenes Kind kann man nur mit der Frau, niemals gegen sie retten“, betont Aufiero. „70 Prozent der von uns beratenen Frauen entscheiden sich für das Kind, 30 Prozent dagegen. Das zeigt, dass es bei uns eine freie Entscheidung gibt.“

2011 wurde das Projekt 1000plus/Pro Femina e.V. für seine Online-Beratung und die Zusammenarbeit mit der persönlichen und telefonischen Beratung mit dem Stiftungspreis der Stiftung „Ja zum Leben“ ausgezeichnet. Die Stiftungsvorsitzende Johanna Gräfin von Westphalen, Schirmherrin von 1000plus, sagte gegenüber der „Tagespost“: „Ich bedaure den Schritt des Bistums Augsburg und auch den ,Warnhinweis‘ aus der Diözese Speyer sehr. Gerade im Bereich der Hilfe für Frauen im Schwangerschaftskonflikt sehe ich keine Konkurrenzsituation.“

Die Arbeit von 1000plus sieht Gräfin von Westphalen als „wertvolle Erweiterung zum Angebot der Sozialberatung durch Caritas und SkF“. „Wir erreichen mit unserem Beratungsangebot in erster Linie abtreibungswillige Frauen. Angesichts von 102 800 Abtreibungen im vergangenen Jahr müsste doch klar sein, dass es nicht zu viel, sondern zu wenig gute Beratung gibt.“ Die Arbeit von 1000plus/Pro Femina e.V. finanziere sich ausschließlich aus Spenden und Erträgen „ohne jegliche staatliche Unterstützung und ohne Förderung aus Kirchensteuermitteln“, hob Frau von Westphalen hervor. „Sollten weitere Bistümer dem Schritt Augsburgs und Speyers folgen, könnten wir weniger Frauen helfen und müssten sicher einige unserer gut ausgebildeten und bestens qualifizierten 1000plus-Beraterinnen entlassen. Ein Jammer!“

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