Kommentar: Rota-Ansprache des Papstes: Der Glaube und die Gültigkeit der Ehe

Von Prälat Markus Graulich SDB

„Diese Rede wird uns noch lange beschäftigen“ – ein spontaner Kommentar, der mir beim Verlassen der Sala Clementia nach der diesjährigen Ansprache des Papstes an die Rota Romana in den Sinn kam. Viele Kollegen aus dem Kreis der Rota-Richter bestätigten mir später diesen Eindruck. Mit seiner Ansprache vom 26. Januar hat Papst Benedikt allen, die in der Kirche mit Fragen des Eherechts, aber auch der Ehepastoral beschäftigt sind, zu denken gegeben.

Jedes Jahr wendet sich der Papst zu Beginn des Gerichtsjahres mit einer Ansprache an den Gerichtshof der Römischen Rota. Diese Ansprachen sind – wie es Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache von 2008 festhielt – eine „Richtschnur für die Tätigkeit aller kirchlichen Gerichte, … sofern sie mit Autorität das lehren, was zum Wesen der Ehe gehört“. Im Verlauf seines Pontifikates ist Papst Benedikt bereits auf verschiedene Themen eingegangen, die für die Gerichtspraxis von Bedeutung sind: 2006 ging es um den Charakter der kirchlichen Ehenichtigkeitsprozesse im Hinblick auf die Gültigkeit oder Ungültigkeit eines konkreten Ehebandes, 2007 um die Wahrheit über die Ehe in der kirchlichen Lehre, die auch eine rechtliche Dimension hat, 2008 um die Rolle der Rota-Rechtsprechung für die Rechtskultur der Kirche, 2009 um die Fähigkeit zur Eheschließung, 2010 um den Zusammenhang von Gerechtigkeit, Wahrheit und Wohl der Person, 2011 um die Vorbereitung auf die Eheschließung als Vorbeugung gegen eine eventuelle Nichtigkeit des Ehebandes und 2012 um die Auslegung des Gesetzes in der kirchlichen Rechtsprechung. In diesem Jahr, dem „Jahr des Glaubens“, macht Papst Benedikt im ersten Teil seiner Rede vor dem Hintergrund der Glaubenskrise und des kulturellen Relativismus, der sich auch auf die Bindungs- und Entscheidungsfähigkeit der Menschen auswirkt, den Zusammenhang zwischen Glauben und Ehe zum Thema. Der fehlende Glaube und die damit einhergehende fehlende Bereitschaft, die Ehe im Horizont des Glaubens einzugehen, kann Auswirkungen auf die Gültigkeit der Ehe haben, weil er zum Ausschluss wesentlicher Eigenschaften oder Elemente der Ehe führen kann.

Diese Aussagen des Papstes sind nicht in dem Sinne misszuverstehen, dass er – wie er selber hervorhebt – „einen einfachen Automatismus zwischen mangelndem Glauben und Ungültigkeit der Ehe postulieren [wollte; er wollte] … vielmehr hervorheben, wie ein solcher Mangel, wenngleich nicht notwendigerweise, auch die Güter der Ehe verletzen kann, da die Bezugnahme auf die von Gott gewollte natürliche Ordnung dem Eheband innewohnt“. Wer nicht glaubt, kann unter Umständen das Sakrament der Ehe nicht so feiern, wie es die Kirche versteht, und geht damit eine nach kirchlicher Auffassung ungültige Ehe ein.

Papst Benedikt kommt damit in seiner Ansprache auf ein Thema zurück, das er bereits zu Beginn seines Pontifikates bei einer Begegnung mit dem Klerus der Diözese Aosta am 25. Juli 2005 angesprochen hatte. Im Dialog mit den Priestern kam damals auch das Thema der Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen zur Sprache. In diesem Zusammenhang sagte er unter anderem: „Keiner von uns besitzt ein Patentrezept, auch weil sich die Situationen immer unterscheiden. Besonders schmerzlich würde ich die Situation derer nennen, die kirchlich verheiratet, aber nicht wirklich gläubig waren und es aus Tradition taten, sich aber dann in einer neuen nichtgültigen Ehe bekehren, zum Glauben finden und sich vom Sakrament ausgeschlossen fühlen. Das ist wirklich ein großes Leid, und als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre lud ich verschiedene Bischofskonferenzen und Spezialisten ein, dieses Problem zu untersuchen: ein ohne Glauben gefeiertes Sakrament. Ich wage nicht zu sagen, ob man hier tatsächlich ein Moment der Ungültigkeit finden kann, weil dem Sakrament eine grundlegende Dimension gefehlt hat. Ich persönlich dachte es, aber aus den Debatten, die wir hatten, verstand ich, dass es ein sehr schwieriges Problem ist und dass es noch vertieft werden muss. Weil aber diese Personen in einer leidvollen Situation sind, muss es vertieft werden.“

Indem er das Thema nun in der Ansprache an die Rota wieder – in gleich vorsichtiger Weise – anspricht, lädt Papst Benedikt ein, der Fragestellung weiter ernsthaft nachzugehen. Dabei kann auch eine relecture des Apostolischen Schreibens „Familiaris consortio“ des seligen Johannes Paul II. hilfreich sein, wo der Zusammenhang zwischen Glauben und Gültigkeit der Ehe vor allem in Nummer 68 angesprochen wird.

Das zweite Hauptthema der diesjährigen Rota-Ansprache des Papstes, das Wohl der Ehegatten, das bonum coniugum, steht im Zusammenhang mit der Frage nach dem Glauben der Eheleute. Der Papst stellt sich und dem Personal der Rota die Frage: Kann es bei mangelndem oder fehlendem Glauben dazu kommen, dass jemand das Wohl des Anderen in der Ehe ausschließt, so, wie man Nachkommenschaft, Dauerhaftigkeit und Ausschließlichkeit des Ehebandes ausschließen kann. Oder aber, kann der fehlende Glaube dazu führen, dass jemand nicht im Stande ist, das Wohl des Anderen als wesentliches Element der christlichen Ehe zu erkennen und für sich als Verpflichtung zu übernehmen. Insofern der Einbezug des bonum coniugum in die Überlegungen zur möglichen Nichtigkeit einer sakramentalen Ehe unter kirchlichen Eherichtern noch nicht ganz geklärt ist, hat Papst Benedikt auch in diesem zweiten Themenfeld einen wichtigen Anstoß zum weiteren Nachdenken gegeben.

Die Ansprache Papst Benedikts XVI. an die Mitglieder der Rota Romana im „Jahr des Glaubens“ gibt in der Vielschichtigkeit ihrer Thematik zu denken und wird – das ist meine Überzeugung – Eingang in die Rechtsprechung der Rota und der diözesanen Kirchengerichte finden. Wer in Forschung, Lehre und Rechtsprechung mit Fragen des Eherechtes beschäftigt ist, kommt nicht umhin, die Anregungen des Papstes aufzugreifen und zu durchdenken, damit die Wahrheit über das Sakrament der Ehe in vertiefter Weise erkannt werden kann.

Der Autor ist Professor für Kirchenrecht und Richter an der Rota Romana.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann