Kommentar: Ökumenischer Balanceakt

Von Regina Einig

Mit der Destabilisierung des Nahen Ostens geraten finanziell gut gestellte Ortskirchen wie die deutschen Bistümer in eine Zwickmühle. Zum Abschluss der Frühjahrsversammlung der Freisinger Bischofskonferenz war zwischen den Zeilen eine gewisse Ratlosigkeit herauszulesen, wie der ökumenische Balanceakt auf Dauer gelingen kann. Einerseits erhoffen sich christliche Flüchtlinge, hier nicht nur praktische Hilfe, sondern auch eine zweite geistliche Heimat zu finden. Andererseits wächst die Angst der Bischöfe im Nahen Osten, dass ihre Herde sich über Europa und in den Vereinigten Staaten zerstreut und nie wieder den Weg in die zerstörte Heimat zurückfindet. Die meisten Kirchenvertreter im Orient betrachten Berichte von Übergriffen auf Christen in deutschen Asylbewerberunterkünften als eine Bestätigung der Haltung ihrer Kirche, den Gläubigen trotz der Kriegswirren vom Sprung ins Abenteuer Europa abzuraten.

Auch wenn die ersten enttäuschten Iraker und Syrer Europa bereits wieder den Rücken gekehrt haben, werden die Bischöfe in Deutschland mittelfristig nicht um das sensible Feld Gemeindeneugründung für christliche Migranten aus dem Nahen Osten in Deutschland herumkommen. Allerdings lässt sich das Muster muttersprachlicher Gemeinden nicht uneingeschränkt auf die Neuangekommenen übertragen, da die kulturellen Unterschiede von orientalischen Christen oft stärker empfunden werden als etwa in einer englischsprachigen Gemeinde. Auch ist die Auswahl an sprachkompetenten Seelsorgern kleiner. Selbst genaue Absprachen der Bischöfe mit den Kirchenführern im Nahen Osten garantieren derzeit kein spannungsfreies Miteinander. Manche Seelsorger können ein Lied vom Frust christlicher Flüchtlinge in Deutschland singen, wenn ihre Kinder keinen Platz in der Willkommensklasse der nächstgelegenen konfessionellen Schule bekommen oder wenn sich die Familie im Flüchtlingsheim plötzlich unter einem Dach mit jenen wiederfindet, vor denen sie geflohen ist.

In Frankreich versuchen einige Bistümer durch Diözesanpartnerschaften und regelmäßige Besuche in Flüchtlingslagern in Jordanien und im Libanon einen Mittelweg: Einerseits helfen sie christlichen Flüchtlingen, halten aber zugleich auch die Tür offen für jene, die morgen dringend für den Wiederaufbau gebraucht werden und wieder nach Hause wollen. Die Konfession spielt dabei keine Rolle. Dass der Einsatz für den Schutz der Christen in Europas Ortskirchen inzwischen als Gradmesser ökumenischer Glaubwürdigkeit gilt, ist immerhin ein Lichtblick am Horizont.

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