Kommentar: Friedensangebot mit Fragezeichen

Warum die Ukraine weder politisch noch religiös zur Ruhe kommt. Von Barbara Wenz

Es schien einer kleinen Sensation gleichzukommen, als die Nachricht Ende letzter Woche deutschsprachige Medien erreichte: Der Patriarch der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, Filaret, hatte Mitte November einen Aufsehen erregenden Brief mit einer Bitte um Vergebung an den russischen Patriarchen Kyrill geschrieben. Auf den Seiten der russischen RIA Nowosti sprach man enthusiastisch von einer „epochalen Nachricht“.

Viele Jahre hindurch haben sich beide Seiten Wunden geschlagen, die noch nicht vernarbt sind: Bis in die neunziger Jahre existierte in der Ukraine ein Exarchat der russisch-orthodoxen Kirche in Kiew. Als Filaret, damals Metropolit, nach dem Tode von Patriarch Pimen seinen Austritt verkündete und die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchats gründete, konstituierten sich die Bischöfe und Gläubigen, die ihm nicht folgen wollten in der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats. Der Riss geht quer durch die Bevölkerung und die Familien, denn Filaret ist seit 1995 das Oberhaupt einer „Kirche“, die nicht nur von allen anderen orthodoxen Kirchen nicht als kanonisch anerkannt ist, sondern auch noch seit 1997 unter dem Anathema von Moskau steht; das bedeutet, die Bischöfe und Gläubigen sind aus der Gemeinschaft der „Rechtgläubigen“ – so lautet das Wort für Orthodoxe in direkter russischer Übersetzung – ausgeschlossen, es ist ihnen nicht einmal erlaubt, miteinander zu beten.

In seinem Brief bat Filaret nun den Patriarchen von Moskau und ganz Russland, die eucharistische Gemeinschaft und die Gebetsgemeinschaft wieder herzustellen, sowie um „die Aufhebung aller Entscheidungen, die zur Exkommunikation geführt haben, damit das Schisma beendet, der Frieden unter den orthodoxen Christen wiederhergestellt und eine Aussöhnung zwischen den Völkern erreicht werden“ könne.

Angesichts des blutigen und anhaltenden Bürgerkriegs in der Ukraine, der das Land im Gefolge der Ereignisse auf dem Kiewer Maidan seit November 2013 zwischen Westen – eher pro-europäisch, mit Blick auf Kiew – und Osten – eher pro-russisch, mit Blick auf Moskau – gespalten, sondern auch die Gläubigen gegeneinander aufgebracht hat, scheinbar eine fromm gemeinte Bitte mit äußerst ernsten Hintergrund. Insbesondere, wenn man die Vorwürfe gegen Filarets Gruppierung betrachtet, diese habe immer wieder Gotteshäuser der Moskauer okkupiert. Das Schreiben des fast 89-jährigen Filaret endet mit besinnlich stimmenden Sätzen: „Ich bitte um Vergebung für alle Taten, Worte und Gedanken, in denen ich gesündigt habe, und vergebe aus tiefstem Herzen allen.“

Die offizielle Internetseite der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau schlägt indes versöhnliche Töne an: Die orthodoxe erzbischöfliche Konferenz begrüße mit großer Zufriedenheit das Ersuchen Filarets als einen Schritt zur Überwindung der Spaltung mit der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Teilkirche Moskauer Patriarchats. Und mehr noch, es wirkt, als zeichne sich eine echte Perspektive ab: „Während der bitteren letzten 25 Jahre des Streites, des Grolls, der Zwietracht und der gegenseitigen Feindseligkeiten, die unter den ukrainischen Rechtgläubigen und innerhalb der ukrainischen Gesellschaft gewachsen sind als Ergebnis der Spaltung, scheint es nun endlich eine Möglichkeit zu geben, den Weg zur Einheit erneut zu beschreiten.“

Während man in Moskau also in Aussicht stellt, dass dieser Schritt endlich die Einheit unter den orthodoxen Gläubigen wiederherstellen könnte – ein Thema, das angesichts der verfeindeten Lager im Westen und Osten der Ukraine dem Frieden dienen würde, hat Filaret nach einer Meldung der russischen Nachrichtenagentur Interfax vom 1. Dezember sein eigentliches Ziel präzise umrissen: die Autokephalie der ukrainisch-orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats.

Filaret steht dazu schon seit seines Alleingangs in den neunziger Jahren mit dem Patriarchat von Konstantinopel in einem ständigen Austausch. Zwar hat nun das Moskauer Patriarchat eine eigene Kommission eingerichtet, die sich anlässlich des Briefes mit den Möglichkeiten der Wiederherstellung der Einheit beschäftigen soll, doch Filaret geht es in erster Linie um die Erlangung der Autokephalie, gab er in einer von Interfax zitierten Passage freimütig zu. Um dieses Ziel zu erreichen, sei er auf Moskau zugegangen und habe deswegen auch diesen Brief geschrieben. Sollten die Russen abblocken, könne er genauso gut mit Konstantinopel weiterverhandeln: Vor diesem Hintergrund könnte der Brief an Kyrill allerdings weniger als epochale Neuigkeit und besorgte Geste eines frommen Kirchenmannes im Herbst seines Lebens, sondern eher als listiges Kalkül erscheinen. Auf welchem Wege Patriarch Filaret sein Ziel erreichen will, sei dahingestellt: Da es in einem Land nur eine kanonische orthodoxe Kirche geben kann, bliebe eigentlich theoretisch nur der Zusammenschluss mit der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats – ob dieser gelingt, hängt vom guten Willen aller Beteiligten ab. Und ob dies von Filaret überhaupt intendiert wird, bleibt daneben weiter fraglich.

Während Kyrill zu Beginn der Woche anlässlich eines Treffens mit dem rumänischen Patriarchen Daniel in Moskau seiner Hoffnung auf die Gnade Gottes Ausdruck verlieh, mit der diese schmerzliche Spaltung überwunden werden könne und konkret auf die „Liebe in den Herzen“ der ukrainischen Bischöfe setzte zu jenen, die sich abgespalten hätten, unterstrich Filarets Pressesprecher, dass sein Chef sich nicht für das Anathema von 1997 aus Moskau verantwortlich fühle und somit auch nicht beabsichtige, „Buße vor den Moskauern zu tun“. Im Übrigen sei er bereit für ein persönliches Treffen. Doch in Kiew überschlagen sich mittlerweile die Ereignisse um den aus einem Gefangenentransport geflohenen Oppositionellen Michail Saakaschwili, der seine Anhänger zu Protesten aufgerufen hat, um Präsident Poroschenko seines Amtes zu entheben: Die Ukraine kommt vorerst weder politisch noch religiös zur Ruhe.

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