Kommentar: Ein doppelter Neuanfang

Von Guido Horst
Foto: Mazur/catholicchurch.org.uk | John Broadhurst (links außen), Andrew Burnham (2. v. l.) und Keith Newton (rechts). Erzbischof Vincent Nichols weihte die ehemaligen anglikanischen Bischöfe am Samstag zu Priestern.
Foto: Mazur/catholicchurch.org.uk | John Broadhurst (links außen), Andrew Burnham (2. v. l.) und Keith Newton (rechts). Erzbischof Vincent Nichols weihte die ehemaligen anglikanischen Bischöfe am Samstag zu Priestern.

Man kann die Weihe der drei ehemaligen anglikanischen – und verheirateten – Bischöfe zu katholischen Priestern vom vergangenen Samstag als „epochal“ oder „historisch“ bezeichnen. Tatsache jedenfalls ist, dass mit der Errichtung des Personalordinariats Unserer Lieben Frau von Walsingham für England und Wales sowie der Ernennung von einem der drei zur katholischen Kirche konvertierten Geistlichen zum ersten Vorsteher dieses Ordinariats etwas Neues in der katholischen Kirche entstanden ist. Und an der Spitze der für ehemalige Anglikaner geschaffenen Ortskirche in England – die Vereinigten Staaten und Australien werden wohl bald folgen – steht nun ein verheirateter Priester. Eine Geste der Wertschätzung des Vatikans gegenüber den drei Bischöfen, die das Eis gebrochen und um Aufnahme in den katholischen Klerus gebeten haben. Es hätten auch zölibatär lebende Priester, die früher schon von der anglikanischen zur katholischen Kirche übergetreten sind, für die Aufgabe des ersten Ordinarius zur Verfügung gestanden.

Immer wieder, das zeigt sich jetzt einmal mehr, ist Papst Benedikt für eine Überraschung gut. Mehr noch, und das ist typisch für Joseph Ratzinger: Er lässt sich nicht vereinnahmen. Man denke nur zwei, drei Jahre zurück. Da hatten viele den Papst in die Ecke der Traditionalisten gestellt – und in den Kreisen jener, die sich eine Reform der Liturgiereform wünschen, galt Papst Benedikt als einer der ihren: Als der, der das Gespräch mit den Lefebvrianern sucht, der die „alte Messe“ liberalisiert, der alte liturgische Gewänder bevorzugt und am Altar einen klassischen Stil pflegt.

Man kann es zurzeit richtig spüren, wie sich mancher Köpfe in traditionalistischen Kreisen ein rasant zunehmender Drehschwindel bemächtigt. Ein Blick auf die gerade zurückliegenden Wochen genügt: Es erscheint ein Interview-Buch mit Benedikt XVI., in dem er etwas anspricht, worüber noch nie ein Papst laut nachgedacht hat: den Gebrauch von Kondomen im Prostituierten-Milieu.

Dann geht es weiter, Schlag auf Schlag. Benedikt XVI. kündigt ein weiteres Treffen der Religionen in Assisi an. Er ernennt einen Präfekten der Ordenskongregation, der der religionsum- und -übergreifenden Bewegung der Fokolarini nahesteht. In einer Ansprache vor Diplomaten beim Heiligen Stuhl stellt er das Prinzip der Religionsfreiheit in den Mittelpunkt – den Pius-Brüdern muss sich der Magen im Leibe herumgedreht haben.

Er bezeichnet das Fegefeuer nicht als Ort, sondern als „inneres Feuer“ jeder einzelnen Person, kündigt die Seligsprechung von Johannes Paul II. an und lässt die Akte Pius' XII. erst einmal in der Schublade liegen, beruft an die Spitze der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften einen Protestanten, an die des ersten Ordinariats für ehemalige Anglikaner einen verheirateten Priester und sandte gestern selber Missionare des Neokatechumenalen Wegs aus, nachdem er zuvor dafür Sorge getragen hatte, dass der Katechismus des Neokatechumenats den Segen der Glaubenskongregation erhält und die japanischen Bischöfe davon Abstand nehmen, die Anhänger Kikos des Landes zu verweisen. Herzstillstand bei den Traditionalisten. Wer auch immer geglaubt hatte, er wisse ganz genau, was der Heilige Vater denke und entscheiden werde, steht jetzt vor einem Neuanfang.

Aber war es nicht auch schon so, dass Benedikt XVI. alle Konventionen durchbrach, als er nach dem „Fall Williamson“ einen sehr persönlichen Brief an den Weltepiskopat schrieb, in dem er die Verantwortung für alle Pannen auf sich lud, oder als er entschied, als Papst ein privates Jesus-Buch zu schreiben und es der akademischen Welt zur freien Diskussion zu überlassen? Immer ist Joseph Ratzinger den Weg gegangen, den er persönlich für richtig hielt. Und der sich auch nicht scheute, die muslimische Welt mit dem Thema „Religion und Gewalt“ zu provozieren – wobei er dann allerdings die Mechanismen der Weltmedien und internationalen Agenturen falsch eingeschätzt hat. Auch das ist Papst Benedikt: Diesen Fehler hat er freimütig zugegeben.

Vielleicht haben gewisse Kreise den deutschen Theologen-Papst zu vorschnell für sich eingenommen und als einen der ihrigen deklariert. Was auch einen umgekehrten Vorteil hat. Jetzt allmählich können manche Papst Benedikt als jemanden entdecken, den sie zunächst in eine ganz bestimmte Ecke gestellt hatten, was sich nun als Fehleinschätzung erweist. Die Geschichte des deutschen Pontifikats ist noch lange nicht geschrieben.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer