Kommentar: Doppelte Herausforderung

Von Guido Horst

Sechs Wochen hat man gearbeitet. Und das mitten im römischen Sommer. Sechs Wochen nach den harten Angriffen der irischen Regierung gegen den Vatikan kam nun am Samstag die Antwort des vatikanischen Staatssekretariats. Ein detailliertes und durch genaue Quellenangaben erhärtetes Schreiben, das allerdings auf jede Polemik verzichtet. Und es räumt zunächst ein, dass es in der Diözese Cloyne zu schweren Versäumnissen und Fehlern gekommen ist, die bereits den Rücktritt von Bischof John Magee zur Folge hatten, der immerhin einmal Sekretär dreier Päpste war.

Dann aber stellt das Schreiben klar, dass Rom den irischen Bischöfen nie verboten hat, gegen Missbrauch durch Kleriker vorzugehen und solche Fälle auch bei den zivilen Behörden anzuzeigen. Es hat Reserven gegeben, was solche Meldungen angeht, vor allem Kardinal Darío Castrillón Hoyos, damals Präfekt der vatikanischen Kleruskongregation, hat diese Vorbehalte zum Ausdruck gebracht. Auch in einem anderen Fall, da ging es um Missbrauchsvorwürfe in Frankreich, hat Castrillón Hoyos die Haltung vertreten, dass ein Bischof einen schuldig gewordenen Priester oder Ordensmann nicht unbedingt den Behörden melden muss. Hier hat sich etwas geändert im Vatikan, vor allem seit dem Jahr 2001, als der Missbrauchs-Skandal die Kirche in den Vereinigten Staaten erschütterte und der damalige Glaubenspräfekt Kardinal Joseph Ratzinger alle Fälle dieser Art auf der ganzen Welt der Zuständigkeit seines Dikasteriums unterstellte. Das heißt aber nicht, dass Rom vorher Anklagen dieser Art unter den Teppich gekehrt oder die Anzeige von straffällig gewordenen Klerikern grundsätzlich verboten hätte. Und auch heute noch würden es sich die kirchlichen Oberen hundertmal überlegen, ob sie einen Priester, der Schutzbefohlene missbraucht hat, etwa in China oder Pakistan an die staatlichen Behörden ausliefern würden.

Grundsätzlich aber gilt, und das galt auch schon vor 2001: Die Bischöfe können nicht einfach wegsehen, wenn sich ein Kleriker an Kindern oder Jugendlichen vergreift. Und das ist in Irland geschehen. Die Bischöfe haben sich nicht an ihre eigenen Bestimmungen gehalten. Somit steht Rom wieder einmal vor einer doppelten Herausforderung: Die Kirche muss im Inneren aufräumen, Versäumtes offenlegen und auch personelle Konsequenzen ziehen, und nach außen muss sie sich gegen Versuche verteidigen, den Missbrauchs-Skandal für ein kirchenfeindliches Vorgehen zu missbrauchen. Die Forderung, die in irischen Regierungskreisen seit einigen Wochen im Raum steht, per staatlichem Gesetz das Beichtgeheimnis zu knacken, ist so ein Versuch, der über das Ziel hinausschießt. Aber das Antwortschreiben vom vergangenen Samstag hat auch den Stil vorgegeben, mit dem der Vatikan dabei zu arbeiten gedenkt: sachlich, auf Quellen gestützt, im Ton dezent und dennoch eindeutig und klar in der Sprache, wenn es um die Schwere und die katastrophalen Folgen geht, die aus jedem einzelnen Missbrauchsfall eine menschliche wie übernatürliche Katastrophe für die Kirche und für alle Betroffenen – die Opfer eingeschlossen – machen.

Es hat in der Kirche – wie etwas auch im staatlichen Schuldienst – die Haltung gegeben, Schuldige, was Missbrauch und Misshandlung angeht, zu versetzen und zu hoffen, dass die Sache nicht ans Tageslicht kommt. Einer derjenigen, die mit dieser Haltung an vorderster Front aufgeräumt haben, war und ist Kardinal Joseph Ratzinger beziehungsweise Benedikt XVI. Der Papst war es auch, der auf einigen zurückliegenden Pastoralreisen das Schicksal der Opfer in den Vordergrund gestellt hat. Diesen Wechsel der Optik kann in der katholischen Kirche niemand mehr rückgängig machen. Zumindest das ist ein Lichtblick in diesem Drama.

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