Königliche Schutzpatronin der Pilger

Das Grottenwunder von Nájera weist den Weg zu Maria – „Tagespost“-Serie zum Jakobsweg (Teil V) Von Andreas Drouve

Es ist ein schmaler, unscheinbarer Zugang direkt an den Felsen entlang, ganz hinten in der Kirche, abgehend vom königlichen Pantheon. Ein paar Augenblicke nur, dann steht man inmitten der kleinen Höhle, umgeben von rötlichen Sandsteinwänden. In gedämpftem Licht, hinter Glas, sitzt eine kleine Marienskulptur auf dem Thron, die Wangen gerötet, die Krone auf dem Haupt, ein Bildnis von einer meisterhaft ausgewogenen Eleganz. Es ist die „königliche Maria“, Santa María la Real, die Namensgeberin des Klosters von Nájera, dessen Ursprung auf dem Grottenwunder fußt – und das soll sich genau an dieser Stelle zugetragen haben.

Zeitlich ist das Mirakel um 1044 einzuordnen, als Navarras Monarch García Sánchez mit seinen Getreuen eines Tages zur Jagd ausgeritten war. Plötzlich tauchte in der Ferne ein Rebhuhn auf, auf das man den königlichen Falken losließ. „Ein rascher Fang“, dachte García und hatte sich getäuscht. Das Rebhuhn kämpfte mit kurzen, schnellen Flügelschlägen um sein Leben und narrte ein ums andere Mal seinen Verfolger. Dann verschwanden die Vögel nahe dem Flussufer des Najerilla in einem Waldstück, das an ein Sandsteinmassiv stieß. Als der königliche Tross den Waldrand erreichte, hielten die Männer vergebens Ausschau. García stieg vom Pferd und bahnte sich den Weg zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch, bis er die Konturen eines Höhleneingangs entdeckte. Aus dem Innern drang ein Lichtschein, der ihn wie magisch anzog. Er trat ein und fuhr erschreckt zusammen. In der Grotte stand ein kleiner Altar mit einem Bildnis der heiligen Jungfrau, ein Bildnis, wie es der Herrscher prächtiger nie gesehen hatte: Maria als Königin und Mutter, ihr Gesicht von zarter Anmut, die großen Augen voller Liebe und Wärme, auf ihrem linken Knie der Sohn. Auf dem Lehmboden erblickte García eine winzige Lampe mit dem ewigen Licht und eine Vase mit Madonnenlilien, die einen betörenden Duft verströmten. In friedlicher Eintracht saßen das Rebhuhn und der Falke daneben. Überwältigt sank García auf die Knie und sprach leise ein Gebet.

Aus Dank ließ der König hier ein Kloster errichten und gab ihm den Namen Santa María. Fortan machten unzählige Pilger Station und riefen dem Bildnis freudig zu: „Sei gegrüßet, Königin und Mutter, unsere süße Hoffnung, unser Leben. Wende diese deine Augen uns zu, oh gnadenreiche, oh süße Jungfrau Maria.“

Diese Aura in der Natursteinhöhle hinter der Kirche, verknüpft mit der Erinnerung an das Grottenwunder, macht die Begegnung mit Maria zu einer ganz besonderen am Jakobsweg. Vorausgesetzt, es fällt nicht gerade eine Besuchergruppe ein, deren Stimmenhall sich kurzzeitig wie eine Woge ausbreitet. Man muss halt auch warten können am Jakobsweg, auf dem man nicht alleine unterwegs ist. Solange lässt sich der Rest der großen Klosteranlage genauer erkunden, deren romanischer Ursprung durch spätere Strukturen überlagert wurde. Der „Kreuzgang der Ritter“ mit seinen filigranen Bögen gehört dazu, die gesamte Kirche und das reich ornamentierte Pantheon, in dessen Renaissancegrabstätten im sechzehnten Jahrhundert diverse Herrscher umgebettet wurden, auch der 1054 in einer Schlacht gegen seinen Bruder Fernando gefallene Gründerkönig García Sánchez.

Wer wartet, bis mit der Ruhe die Stimmung in den Grottenwinkel des Klosters von Nájera zurückkehrt, wird belohnt. In der Stille fühlt man sich mit Maria aufs Neue tief vereint, öffnet ein wenig mehr sein Herz, tankt neue Kraft, erbittet Schutz und Gnade und ruft sich vielleicht ein traditionelles Gebet ins Gedächtnis: „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin; verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren. O du glorreiche und gebenedeite Jungfrau, unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin. Versöhne uns mit deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns deinem Sohne vor.“

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