Kluge Vorreiterin des Dialogs

„Für eine Kultur des Vertrauens“: Ein Interviewbuch mit Maria Voce, der Präsidentin der Fokolar-Bewegung. Von Stefan Meetschen
Foto: KNA | An der Spitze der Fokolarini steht traditionell eine Frau: Maria Voce leitet die Bewegung mit Kompetenz und Charme.
Foto: KNA | An der Spitze der Fokolarini steht traditionell eine Frau: Maria Voce leitet die Bewegung mit Kompetenz und Charme.

Marissa Mayer, Christine Lagarde, Angela Merkel – man hat sich daran gewöhnt, dass Frauen an der Spitze von Unternehmen, Institutionen und Staaten stehen und diese mit Intelligenz, Geschick und weiblicher Durchsetzungskraft führen. Auch in der Kirche gab und gibt es Frauen mit bemerkenswertem Weitblick, Management-Fähigkeiten und einer großen Portion Charisma. In der modernen Zeitgeschichte zählt dazu sicherlich Chiara Lubich (1920–2008), die Gründerin der inzwischen weltweit tätigen Fokolar-Bewegung, die sich das Ziel gesetzt hat, Jesus wie Maria an die Menschen weiterzugeben und dabei stets die Einheit der Menschenfamilie im Blick zu behalten.

Viele Bischöfe und Priester gehören dieser 1943 gegründeten Bewegung an oder stehen in gutem Kontakt mit ihr; an der Spitze der „Fokolare“, so ist es in den Statuten festgeschrieben, darf jedoch nur eine Präsidentin, also eine Frau stehen, was in unserer von geschlechtlicher Gleichberechtigung so sehr geprägten Zeit auf den ersten Blick erstaunen mag, jedoch kein Verstoß gegen das Kirchenrecht ist und dem ausdrücklichen Wunsch von Johannes Paul II. („Und ob!“) entsprach. So wie denn auch den im Jahr 2007 vom Vatikan approbierten Statutenänderungen des „Werks Mariens“ (so der offizielle deutsche Name der Fokolare) zufolge Menschen aus unterschiedlichen Konfessionen, Religionen und auch nichtreligiösen Weltanschauungen der Bewegung angehören können – bis hinein in Führungspositionen. Den inneren Kreis.

Anwältin, Theologin und Kirchenrechtlerin

Es ist dieser Geist der multireligiösen Toleranz und Offenheit, den das Zweite Vatikanische Konzil vorsah, verbunden mit den Grundfesten des katholischen Glaubens, der eine interessante Neuerscheinung aus dem bewegungseigenen Verlag „Neue Stadt“, prägt: ein Interviewbuch mit der aktuellen Präsidentin der Fokolare, Maria Voce, das den programmatischen Titel trägt: „Für eine Kultur des Vertrauens“. Denn diese „Kultur des Vertrauens“ ist es, für welche sich die 1937 im süditalienischen Aiello Calabro geborene Voce – eine Anwältin, Theologin und Kirchenrechtlerin, die dem Werk Mariens seit vielen Jahrzehnten angehört und darüber hinaus im Sekretariat Lubichs tätig war – besonders einsetzen möchte. Auf ihrem – Frau hin, Frau her – sicher nicht einfachen Führungssessel als direkte Nachfolgerin der charismatischen Gründerin. „Vor einiger Zeit vernahm ich in einer hl. Messe nach der Kommunion so etwas wie einen Auftrag, eine Aufforderung: ,Du musst eine Kultur des Vertrauens verbreiten, keine Kultur des Misstrauens und Verdachts!‘“ Was das konkret heißt, erläutert Voce, die im Werk Mariens den Namen „Emmaus“ trägt, am Umgang mit ihren Mitarbeitern, deren Fehler und Unfähigkeiten sie mit Liebe und im Vertrauen auf Gottes Plan zu betrachten gelernt habe. Eine Form von Gelassenheit, die jedoch aus Sicht Voces auch im geopolitischen Maßstab von Bedeutung sei. Da die wachsende Kriminalität und viele moralische Krisen zu einem gewaltigen Maß an Misstrauen unter den Menschen geführt hätten, gepaart mit Angst und Skepsis gegenüber Fremden. So empfiehlt Voce den Menschen in Europa, die sich vor Migranten fürchten, sich von diesen Fremden „bereichern zu lassen“ und sie als andere Menschen in ihren Lebensraum ganz bewusst „einzubeziehen“. Denn: gerade Menschen aus anderen Kulturen, davon ist Maria Voce, die vor ihrer Amtszeit zahlreiche Erfahrungen im ökumenischen wie im interreligiösen Dialog in der Türkei sammelte, überzeugt, können dazu beitragen, sich als Mensch das „gewisse Etwas“ anzueignen, einen erweiterten Horizont, einen Blick für die Einheit.

In Übereinstimmung mit der Enzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. ist Voce ferner sicher, dass die Zeit reif sei für eine „Weltregierung“, eine echte Weltautorität „im Sinne des Evangeliums“. Nämlich: „Eine Autorität, die ihre Strukturen, ihre Macht- und Kontrollwerkzeuge in den Dienst der Vermittlung zwischen Gütern und Bedürfnissen stellt, zwischen aufstrebenden und reichen Ländern, zwischen Armen und Reichen, Schwachen und Mächtigen“.

Kritische Perspektive auf die Vereinten Nationen

Wobei, dies mag überraschen, Maria Voce dabei äußerst kritische Worte zu den Vereinten Nationen, also zur UNO findet, jedenfalls zu der Art und Weise, wie diese momentan funktioniert. Nicht als „Weltautorität“ sieht sie die UNO, sondern als „Weltkompromiss“: „Oft ist sie außerstande, sich durchzusetzen und sich Geltung zu verschaffen. Wir brauchen eine Institution, die in ihren verschiedenen Gliederungen von allen als demokratisch, repräsentativ und legitim anerkannt ist; die die Menschheit in ihrer Gesamtheit im Blick und das universale Gemeinwohl als Bezugspunkt hat.“ Eine Einschätzung, die man durchaus unter Erfahrungswissen verbuchen kann. Verfügt die Fokolar-Bewegung mit „New Humanity“ (Neue Menschheit) doch über eine eigene Nichtregierungsorganisation, die mit Konsultativstatus bei der UNO akkreditiert ist und Verbindungsbüros an den UN-Sitzen New York, Genf und Wien unterhält.

Es sind der Freimut und die Geradlinigkeit der Antworten von Maria Voce, welche die Lektüre dieses Buches zu einem spannenden Erlebnis machen. Mag sie auch bei manchen Themen, wie etwa Christenverfolgung, ein wenig zu optimistisch wirken („Nie habe ich eine feindselige Einstellung gegenüber Christen gespürt“) und dadurch das gemeinhin verbreitete Klischee vom „fokolarinischen Lächeln“ bestätigen, so präsentiert das lesenswerte Buch sie in Ableitung eines Wortes von Johannes Paul II., der die Fokolare-Mitglieder als „Apostel des Dialogs“ bezeichnete, doch als eine kluge Apostelin des Dialogs mit anregenden Einsichten und Ansichten.

Maria Voce: Für eine Kultur des Vertrauens. Im Gespräch mit der Präsidentin der Fokolare-Bewegung. Verlag Neue Stadt, 160 Seiten, ISBN 978-3-87996-991-3, EUR 15,40

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