Klare Worte für die Kirche

Ein neuer Sammelband dokumentiert Predigten von Jorge Mario Kardinal Bergoglio. Von Benedikt Bögle
Foto: KNA | Der hartnäckige Beter Mose (Figur an der Westfassade des Kölner Domes) ist ein zeitloses Vorbild für die Gläubigen.
Foto: KNA | Der hartnäckige Beter Mose (Figur an der Westfassade des Kölner Domes) ist ein zeitloses Vorbild für die Gläubigen.

„Im Licht besehen“ ist der Titel eines neuen Bandes, der mehrere Predigten und Briefe von Papst Franziskus aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires dokumentiert. Die Texte sind dabei vollkommen unterschiedlicher Art, es handelt sich um Briefe, offene Briefe und Predigten zu vielfältigen Anlässen. Der Neue-Stadt-Verlag verspricht in seinem Vorwort eine aufschlussreiche und spannende Lektüre der ursprünglich in Rom erschienenen Textsammlung.

Ein Versprechen, das der Verlag – und mehr noch Papst Franziskus – auch einlöst. Denn es zeigt nicht zuletzt auch, wie Bergoglio in Buenos Aires dachte und wie er nun auch in Rom denkt. Es zeigt, welche tiefe Frömmigkeit sich mit dem scharfen Verstand Bergoglios paart. Es zeigt letztlich auch, wer Papst Franziskus ist.

So machte Bergoglio in Argentinien immer wieder auf einfühlsame Art deutlich, dass sich die Lehre der Kirche niemals verbiegen darf, dass aber pastorales Augenmaß ungeheuer wichtig ist. Besonders sichtbar wird dies in einem offenen Brief des Erzbischofs, den er zum Thema der gleichgeschlechtlichen Ehe 2010 veröffentlichte. Dabei betont er die Lehre der katholischen Kirche: „Der Mensch ist wesenhaft ausgerichtet auf die Vereinigung, den Bund von Mann und Frau in gegenseitiger Verwirklichung, Aufmerksamkeit und Sorge füreinander und als dem natürlichen Weg der Zeugung neuen Lebens.“ Trotzdem will er nicht diskriminieren, im Gegenteil: „Unterscheiden heißt nicht diskriminieren, sondern respektieren und achten. Einen Unterschied zu machen, um zu unterscheiden, heißt die jeweiligen Eigenschaften wertschätzen, nicht etwa diskriminieren.“ Das hat Konsequenzen, denn „Vater oder Mutter, das ist nicht dasselbe.“ Bergoglio argumentiert nicht unbarmherzig, aber eben doch deutlich und eindeutig.

Besonders interessant gestaltet sich für den Leser auch ein Brief über das Gebet, den er 2007 an alle Priester und Ordensangehörigen verfasste – die Betrachtung der Sonntagslesungen hatte ihn dazu angeregt. Jorge Mario Bergoglio fragt sich selbst, ob er betet und was denn das wahre und richtige Gebet sei. Eines ist dem heutigen Papst im Gebet der Kirche besonders wichtig: „Christliche Fürsprache beinhaltet eine Beharrlichkeit bis zum Äußersten. So flehte David zu Gott. So betete Mose für das rebellische Volk.“ Die Kirche müsse in ihrem Gebet für die Welt eintreten, „wie Abraham müssen wir wahrhaft mutig mit Gott feilschen“. Das sei nichts für schwache Menschen, dennoch sei gerade dieses Gebet für die Kirche von besonders hoher Bedeutung.

Die für Bergoglio typischen klaren Linien und deutlichen Worte werden noch einmal in einer Predigt anlässlich der „Eucharistiefeier für die Erziehung“ aus Buenos Aires 2012 sichtbar. Der spätere Papst entwarf ein Grundbild christlicher Erziehung, das für ihn immer aus einer unbegrenzten Freiheit, aber auch festen Regeln bestehe. Die Folge einer Erziehung ohne festgelegte Grenzen sei der Relativismus, „eine der schlimmsten Geiseln, mit der man Kinder schlagen kann“. Sehr genau kennt der Erzbischof die Situation der Kinder in seiner Stadt und kann so umso mehr von seinen Gläubigen erwarten: „Das ist unsere Herausforderung heute: Harmonie zu schaffen zwischen dem Sinn für Grenzen und einer grenzenlosen Weite.“ Besonders scharf erkennt Jorge Mario Bergoglio aber neben diesem Problem mit der Jugend auch das Problem mit den alten Menschen. Er stellte der argentinischen Gesellschaft die unangenehme Frage, wie sie mit ihren alt gewordenen Vätern und Müttern umgehe. Mit Respekt? Wie wird die heutige Jugend einst mit den Alten umgehen? „Werden sie uns in irgendwelche übelriechende Altersheime stecken die mehr einer Baracke als einem Wohnhaus für Menschen ähneln?“

Der Band vereint so nicht nur theologische Schriften und Gedanken, sondern erlaubt es dem Leser auch, Papst Franziskus besser zu verstehen. Viele Themen, die für ihn als Papst wichtig sind, beschäftigten ihn auch schon zu seiner Zeit als Erzbischof. Zu Recht weist der Verlag darauf hin, dass es große Kontinuität zwischen dem damaligen Erzbischof von Buenos Aires und dem heutigen Papst gibt: „Jorge Mario Bergoglio ist sich auch als Papst treu geblieben.“ Papst Franziskus ist sich wirklich treu geblieben, und vor allem: Er ist auch seinen klaren Worten treu geblieben, die die Kirche aufrütteln wollen. „Im Licht besehen“ erscheint zudem als passender Titel für dieses lesenswerte Werk – die Themen, die die Kirche bewegen, werden im Licht des Evangeliums betrachtet: Das Gebet, der Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt, die Ehe, die Priesterausbildung und vor allem die Liebe.

Papst Franziskus: „Im Licht besehen. Beiträge zu Themen unserer Zeit“.

Verlag Neue Stadt, München 2014,

EUR 16,95

Themen & Autoren

Kirche