Kirche, quo vadis?

Kardinal Kasper beim Symposion an der Pallottiner-Hochschule

Vallendar (DT) Zu einem theologischen Symposium mit Kardinal Walter Kasper hat am vergangenen Wochenende – bereits zum dritten Mal – das nach dem Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates benannte Institut der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar eingeladen. Nachdem im letzten Jahr das Thema Christologie im Mittelpunkt stand, ging es diesmal um die „Kirche Jesu Christi“. Anlass war das Erscheinen von zwei der Lehre über die Kirche gewidmeten Bänden aus der Schriftenreihe des Kardinals. Bischöfe, darunter Franz-Peter Tebartz-van Elst aus Limburg und Kurt Koch aus Basel, sowie Theologen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz waren der Einladung gefolgt, darunter viele ehemalige Schüler des Kardinals aus dessen Zeit als akademischer Lehrer in Münster und Tübingen.

In einem sehr persönlich gehaltenen Vortrag ließ der Kardinal die von ihm persönlich erlebte Wandlungsgeschichte der Kirche Revue passieren. Seine Erinnerung an die vorkonziliare Zeit sei geprägt von der Haltung der Kirche gegen den Nationalsozialismus. Diese Haltung gab ihm in der Jugend Heimat und Stütze. Die verschiedenen Erneuerungs- und Reformbewegungen der Kirche waren im Rückblick wie eine Vorbereitung auf das große Ereignis des Konzils. Die 70er Jahre mit der Auseinandersetzung um den von ihm menschlich geschätzten Kollegen Küng bezeichnete Kasper als schwierigste Zeit seiner universitären Laufbahn, die er dann 1989 unterbrach, um sich als Bischof „der praktischen Ekklesiologie zuzuwenden“.

Richtschnur seines pastoralen Handelns sei stets gewesen, die Grundlinien des Konzils in einer „Hermeneutik kirchlicher Erneuerung“ aufzunehmen und umzusetzen. Dabei ließ er sich leiten vom Bild der eucharistischen Communio, „das allen anderen Kirchenbildern des Konzils zugrunde liegt“. Dieses wurzele in der Gemeinschaft der Heiligen und ziele auf eine kommunikative und dialogfähige Gemeinschaft, in einer immer wieder neu zu suchenden Balance zwischen Universal- und Ortskirche. Diese Offenheit – daran ließ der Kardinal keinen Zweifel – ist ihm im täglichen Ringen um ökumenische Lösungen, sei es mit den Kirchen der Reformation oder denen des Ostens, ein Herzensanliegen. Hier sieht er die Christenheit auf dem Weg, bei aller Wahrung der Einheit (etwa in der Anerkennung des Petrusamtes) zu einer möglichen und gegenseitig anerkannten Vielfalt von kirchlichen Strukturen zu finden.

Mittelpunktkirchen und „gut gestaltete“ Liturgien

Was kirchliche Strukturen angeht, so gelte es, sich wieder stärker an kirchlichen Formen der frühen Kirche und des ersten Jahrtausends zu orientieren. Die soziologische Entwicklung der Kirche lege es nahe, nicht mehr an allen Orten Gottesdienste zu feiern, sondern wieder „Mittelpunktkirchen“ zu etablieren, in denen Menschen aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen und in einer gut gestalteten Liturgie wirklich Kirche als lebendig erfahren.

Zum Wesen dieser lebendigen Kirche gehört konstitutiv, so Bischof Koch in seinen Ausführungen, das Bischofsamt. Eine wichtige Aufgabe des Bischofs sieht Koch, und knüpfte damit an die Ausführungen des Kardinals an, in der unverzichtbaren Einbindung des Bistums als Ortskirche in die Weltkirche. Bischöflicher Leitungsstil müsse kollegial und synodal sein, dürfe sich jedoch nie der personalen Verantwortung entziehen. „Wenn alle anderen sich auf ihr Gewissen berufen können, so steht dies dem Bischof genauso zu.“ Unter großem Beifall bedankte sich Bischof Koch bei seinem Lehrer Kardinal Kasper, dass er dieses Idealbild eines Bischofs menschenmöglich verkörpert.

Auf ganz praktische Fragen der pfarrlichen Neuorientierung in den deutschen Diözesen kam Professor Medard Kehl von der Jesuiten-Hochschule St. Georgen zu sprechen. Mit seiner eigenen Erfahrung aus der Gemeindearbeit ging es ihm darum, theologische Chancen dieser Neuordnung aufzuzeigen. So sei die über lange Zeit angestrebte große kirchliche Gemeinschaft („Pfarrgemeinde“) allzu offensichtlich an ihre Grenzen geraten. Den Blick über die Kirche hinaus weiten – das war das Anliegen des Münsteraner Fundamentaltheologen Jürgen Werbick. Kirche dürfe sich nicht auf sich selbst konzentrieren, sie ist auf das Reich Gottes ausgerichtet. Anhand der Pastoralkonstitution des II. Vatikanums beschrieb er die diakonische Sendung der Kirche als Präsenz mitten unter den Menschen und fragte, ob dieser vom Konzil angestoßene Perspektivenwechsel bis heute eigentlich vollzogen sei. Eine selbstlos dienende Kirche sei frei, ihre Strukturen immer wieder neu an ihrer Sendung auszurichten. Ihr zentrales Anliegen müsse sein, Orte offenzuhalten für gute Worte, für Freimut, für ermutigende Erfahrungen des Glaubens.

Und genau darum, wie Menschen heute in Glauben und Gotteserfahrung eingeführt werden können, ging es auch dem letzten Referenten des Tages, dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Dreißig Jahre nach dem päpstlichen Schreiben „Catechesi tradendae“ von Johannes Paul II. forderte er eine erneuerte Pädagogik des Glaubens. Nachdem heute Volkskirche immer mehr abgelöst wird durch ein Wahlchristentum, mit Bekehrung und Taufe beziehungsweise Tauferneuerung, brauche es wieder verstärkt die frühchristliche Einrichtung des Erwachsenen-Katechumenats. Dies – so der Limburger Bischof – sei ein Raum, in dem Menschen mit ihrer individuellen Biografie hineinwachsen können in einen verbindenden und verbindlichen Glauben, bei dem Jesus Christus die Mitte ist.

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