Keimzellen christlicher Gemeinschaft

Zwischen Tradition und Moderne: Die Vielfalt der Orden im deutschsprachigen Raum in Kurzform. Von Marie-Thérese Knöbl

Die Geschichte der deutschen Orden ist reich und vielseitig. Sich mit ihr zu befassen, stellt jedoch trotz der gewonnenen inneren Bereicherung meist auch eine streckenweise recht mühsame Geduldsprobe dar. Zu disparat sind die Entwicklungen über die Jahrhunderte, zu verstreut die Archivalien, zu zahlreich die Namen und Lebensgeschichten der Ordensgründer. Eine Abkürzung durch das Dickicht der unterschiedlichen Legenden und Spiritualitäten, die sich hinter Ordensbezeichnungen und Ordenskürzeln verstecken, schafft der ansprechende und gut lesbare Sammelband „Mit Jesus auf dem Weg. Ermutigung zum Ordensleben“ von Philipp Thull. Philipp Thull, Theologe und Kirchenrechtler im Bistum Hildesheim, sieht die Wirkabsicht seines Buches vor allem als das eines Leitfadens und einer Ermutigung zum Ordensleben in einer Zeit großer gesellschaftlicher wie kirchenhistorischer Umbrüche.

Doch in dieser Zeit der Umbrüche ist das Ordensleben – anders als die Schreckensszenarien vieler Laien und leider auch vieler Geistlicher glauben machen möchten – alles andere als ein „Auslaufmodell“. Die Sehnsucht nach Stille, Frieden, Wahrheit, echten menschlichen Beziehungen, Glück und Geborgenheit nimmt im aktuellen Weltgefüge eher zu und das Leben von Ordensgemeinschaften spielt sich immer weniger am viel beschworenen Rand der Gesellschaft ab. Mitten in der Gesellschaft neue Keimzellen christlichen Miteinanders zu schaffen, ist die wichtigste Aufgabe, die den Orden heute in aller Welt, ganz besonders jedoch in Europa zukommt. So ist es insgesamt sehr zu begrüßen, dass Philipp Thull mit einem Panorama männlicher Orden im deutschsprachigen Raum anhand von 18 Einzelbeiträgen, die auf einen kurzen Abriss des Herausgebers zu den Evangelischen Räten folgen, zu verschiedenen Orden zum Leben in einer Ordensgemeinschaft ermuntern möchte. Verwunderlich und inhaltlich nicht begründet ist die Tatsache, dass in dem Band ausschließlich männliche Kongregationen vorgestellt werden. Schön ist, wie der Herausgeber in wenigen Worten die Besonderheit eines Lebens in der stetigen Ausrichtung auf Jesus Christus beschreibt. Schön und lobenswert ist auch, dass er dabei – ohne sentimental zu werden – als Ziel des Buches herausstellt, zu zeigen, „dass ein Leben im Kloster gegen jeden Zweifel erhaben und schön sein kann“. Auf moderne, unbeschwerte Art und Weise wird so ein großes historisches und geistliches Programm angekündigt und die Vielfalt der auf diese Worte folgenden Einleitung beweist, dass der frische Ansatz des Herausgebers ausreichend Platz und Freiraum für unterschiedliche Stimmen lässt: Da sind zum einen die allgemein gut bekannten Orden der Augustiner, Barmherzigen Brüder, Benediktiner, Dominikaner, Franziskaner, Jesuiten, Karmeliten, Salesianer und Zisterzienser, zum anderen die weniger bekannten Alexianer, Maristen, Prämonstratenser und die vor allem in der Mission tätigen Arnsteiner Patres, Comboni Missionare, Oblatenmissionare, Steyler Missionare und die 1899 von Charles de Foucauld gegründete Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu.

Die Vorstellung all dieser Orden erfolgt jeweils durch ein Ordensmitglied. Die alphabetisch angeordneten Kapitel verschaffen so schnellen Zugang zu aktuellen Informationen aus erster Hand über Geschichte, Wirken und Perspektive der jeweiligen Orden. Stilistisch recht unterschiedlich, sind die Beiträge allesamt äußerst lesenswert. Beeindruckend ist vor allem die Vielzahl und Vielfalt der Berufungen, die den Ordensgründungen vorangegangen ist, aber auch die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Spiritualität und Aufgabenstellung in der Welt. Mit einem Geleitwort von Erzbischof Robert Zollitsch (der zum Zeitpunkt der Drucklegung Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war) und mit Kurzinformationen zu Herausgeber und Autoren gibt der Band zudem Aufschluss über die reiche biographische Vielfalt der aktuell mit der Thematik Befassten und in die präsentierten Orden Berufenen. Allen Beiträgen gemein ist die spürbare Liebe der Autoren zu Jesus Christus und die gelungene Ermutigung zum Ordensleben. Ein schöner Band, der als Handbuch in keinem christlichen Haushalt fehlen sollte und sich auch hervorragend als Geschenk eignet.

Philipp Thull (Hrsg.): Mit Jesus auf dem Weg. Ermutigung zum Ordensleben. EOS, Sankt Ottilien, 2014,

ISBN: 978-3-8306-7604-1, EUR 19,95

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