Kardinal Danneels zehn Stunden verhört

Belgien: Erzbischof bestreitet, Missbrauchsfälle gedeckt zu haben – Konflikt zwischen Kirche und Loge?

Brüssel (DT/KNA) Der frühere Erzbischof von Mechelen-Brüssel, Kardinal Godfried Danneels, ist von der belgischen Justiz mehr als zehn Stunden vernommen worden. Der 77-Jährige verließ das Justizgebäude am Dienstagabend kurz vor 20 Uhr. Medien berichteten am Mittwoch, der Kardinal habe bestritten, Missbrauchsfälle in der Kirche des Landes gedeckt zu haben. Dafür suche die Justiz nach Beweisen. Im Fernsehsender RTL hieß es, in 50 Missbrauchs-Dossiers werde berichtet, dass Danneels über die Vorfälle informiert worden sei. Die Staatsanwaltschaft muss nach dem Verhör entscheiden, ob der zunächst als Zeuge vernommene Kardinal wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt wird. Nicht ausgeschlossen sei auch, dass er zunächst abermals verhört werde. In der Zeitung „La Derniere Heure“ hieß es, Danneels habe bei Informationen über Missbrauchsfälle die Opfer entweder an die Diözese verwiesen, in denen der Fall stattgefunden habe, gar nicht reagiert oder den Opfern ein Buch mit dem Titel „Vergeben lernen“ überreicht. Auf Vorhaltungen habe er mit dem Hinweis reagiert, er könne sich nicht erinnern. Zu der Vernehmung war auch der bisherige Präsident der Untersuchungskommission zur Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen, der Kinderpsychiater Peter Adriaenssens, hinzugezogen worden. Adriaenssens sagte den Medien beim Verlassen des Justizgebäudes, der Kardinal stehe „offenkundig unter Schock“. Es müsse ihn überraschen, dass derartige Vorwürfe mit ihm in Zusammenhang gebracht werden.

In der Zeitung „De Standaard“ nahm der Rechtsanwalt Paul Quirynen Danneels und die Bischöfe am Dienstag in Schutz: Die Bischöfe würden an den Pranger gestellt für Sachverhalte, die schändlich blieben, aber juristisch gesprochen schon längst verjährt seien.

Noch immer keine offizielle Bestätigung gibt es dafür, dass bei der umstrittenen Durchsuchung kirchlicher Einrichtungen in Mechelen auch vertrauliche Unterlagen aus dem Fall des Kinderschänders Marc Dutroux gefunden wurden. Die Zeitung „De Morgen“ berichtete am Mittwoch, das Material sei Danneels von einem britischen Satiremagazin zugeschickt worden. Während des Prozesses 2004 sei das komplette Dutroux-Dossier in die Hände von Gerichtsjournalisten gelangt. Das Magazin „The Sprout“ habe die These vertreten, die Dutroux-Opfer seien von einem Netzwerk hochrangiger belgischer Politiker und Kirchenvertreter missbraucht worden. Die Zusendung an Danneels sei erfolgt, um ihn zu einer Reaktion zu bewegen. Danneels stand rund 30 Jahre bis Anfang 2010 an der Spitze des Erzbistums Mechelen-Brüssel und der Belgischen Bischofskonferenz.

Immer größer wird unterdessen für Beobachter der Verdacht, die Affäre um die Missbrauchsfälle in der belgischen Kirche könne zu einem Streit zwischen weltanschaulichen Richtungen werden. „Das sieht mehr und mehr nach einem Krieg zwischen der Loge und der Kirche aus“, sagte der Jurist Walter Van Steenbrugge. Ein Indiz ist für ihn, dass die belgische Generalstaatsanwaltschaft – die der Kirche nahestehe – ungewöhnlich schnell Ermittlungen eingeleitet habe, um die Rechtmäßigkeit der Razzia der Brüsseler Staatsanwaltschaft zu untersuchen. Die nämlich stehe den Freimaurern nahe. Die Ermittlungen der Brüsseler Staatsanwaltschaft können zwar weitergehen. Doch gleichzeitig prüft die Generalstaatsanwaltschaft, ob die umstrittenen Durchsuchungen vom 24. Juni, bei der zahlreiche Akten sowie sämtliche Dossiers der Untersuchungskommission konfisziert wurden, überhaupt rechtens waren.

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