Kardinal Brandmüller widerspricht Kardinal Koch

Vatikanische Uneinigkeit im Blick auf Verbindlichkeit des Konzilsdokumentes Nostra Aetate

Rom (DT/KAP) Kardinal Walter Brandmüller, der frühere Präsident der päpstlichen Kommission für die Geschichtswissenschaften, hat am Montagabend in Rom die von Kardinal Kurt Koch unterstrichene „zwingende Verbindlichkeit“ der Konzilserklärung „Nostra Aetate“ bestritten. Das berichtet die Schweizer katholische Nachrichtenagentur APIC. Brandmüller äußerte sich bei der Präsentation des von ihm gemeinsam mit Kurienerzbischof Agostino Marchetto und dem italienischen Theologen und Liturgiker Monsignore Nicola Bux verfassten Buches „Le ,chiavi‘ di Benedetto XVI per interpretare il Vaticano II“ (Die Schlüssel Benedikts XVI. zur Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils).

Im Journalistengespräch bei der Präsentation sagte Brandmüller APIC zufolge, die Erklärung von 1965, die unter anderem die besondere Verbindung von Juden und Christen hervorhebt und jedem Antisemitismus eine Absage erteilt, habe lehrmäßig nicht den Charakter einer für jeden Gläubigen verbindlichen Autorität. Die Äußerung Brandmüllers stand im Kontext des Dialogs der Glaubenskongregation mit der lefebvrianischen Piusbruderschaft. Innerhalb der seit 1988 von Rom getrennten Gemeinschaft stehen die meisten Mitglieder „Nostra Aetate“ ablehnend gegenüber. Sie lehnen aber auch die Liturgie-Konstitution und das Dokument über Religionsfreiheit „Dignitatis Humanae“ ab.

Die Agentur „Catholic News Service“ zitierte Brandmüller dazu mit den Worten: „Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Konstitution“ – gemeint sind die Konzils-Konstitutionen über die Kirche, die Liturgie und die Offenbarung – „und einfachen Erklärungen“ – wie etwa jene über die christliche Erziehung oder die Massenmedien. Die für die Piusbrüder „kontroversesten Dokumente“ – jene über die Religionsfreiheit und die Beziehungen zu den anderen Religionen – hätten „keinen bindenden lehrhaften Inhalt“, so könne über sie auch diskutiert werden. Daher bedaure er es auch, dass sich die Piusbrüder so sehr auf diese Dokumente konzentrierten, da ihre „kanonische Natur“ nicht bindend sei.

Brandmüller stellte sich mit seiner Äußerung in Gegensatz zum Präsidenten des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen und Präsidenten der Kommission für die Religiösen Beziehungen zum Judentum, Kardinal Kurt Koch. Der Schweizer Kurienkardinal hatte sich am 16. Mai als erster der neunzehn Kardinäle, die am Mittwoch an der Vollversammlung der Glaubenskongregation teilgenommen hatten, zu dem Gesprächsverlauf geäußert. Dabei stellte Koch klar, dass die lefebvrianische Priesterbruderschaft im Fall ihrer Aussöhnung mit Rom den Dialog mit dem Judentum akzeptieren müsse. „Die Entscheidungen des kirchlichen Lehramts sind für jeden Katholiken bindend. Auch das Zweite Vatikanische Konzil und alle seine Texte“, sagte der für die Beziehungen zum Judentum zuständige Kardinal. Die Interpretation der 1965 verabschiedeten Konzilserklärung „Nostra Aetate“, eines Grunddokuments für den katholisch-jüdischen Dialog, könne nicht von einer „subjektiven Meinung“ abhängen.

Kardinal Brandmüller erklärte vor Journalisten, er hoffe auf einen erfolgreichen Abschluss der vatikanischen Einigungsbemühungen mit der Piusbruderschaft.

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