Kairos in Kairo

Die Missionsbenediktiner wollen mit fünf jungen Kopten ein Kloster gründen. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: St. Ottilien | Pius und Arsanius haben sich für das Noviziat entschieden.

Ägypten hat eine reiche klösterliche Tradition. Allerdings ist sie nicht katholisch, sondern orthodox geprägt. Wenn sich einer der 150 000 bis 250 000 koptischen Katholiken für das Mönchsleben entschied, musste er bislang in ein koptisch-orthodoxes Kloster oder in einen Konvent der Maroniten eintreten, um seine Berufung leben zu können. Doch nun, da junge Ägypter dank der Informationen im Internet vom reichen klösterlichen Leben ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft erfahren haben, wuchs in einigen von ihnen der Wunsch, als katholische Ordensmänner in ihrer Heimat zu leben. „Diese jungen Katholiken sind schon stolz darauf, dass sie Teil der katholischen Weltkirche sind“, betont Abtpräses Jeremias Schröder von den Missionsbenediktinern in St. Ottilien im Gespräch mit der Tagespost.

Der Weg hin zum Kairoer Kloster, der in Deutschland vor allem durch die Abtei Münsterschwarzach mitgetragen wird, gleicht einer Graswurzelbewegung. Ihre Geschichte beginnt damit, dass die Benediktinerkongregation Pater Maximilian Musindai aus Kenia vorschlug, sich nach dem Theologiestudium in Rom in Arabistik und Islamistik weiterzubilden. In einem Intensivjahr in Kairo und einem zweijährigen Lizentiatskurs am Päpstlichen Institut für Arabische und islamische Studien tauchte der Benediktiner tief in die ägyptische Kultur ein und das Land wurde ihm zur zweiten Heimat. „In dieser Zeit begann ich, mich für das Christentum in Ägypten zu interessieren, vor allem hinsichtlich der Frage, wie sich die verschiedenen katholischen Riten in Ägypten zueinander verhalten“, berichtet Pater Maximilian. Auf diese Weise kam der Benediktiner in Kontakt mit den großen oberägyptischen Gemeinden und traf dort auf Christen, die sich bereits intensiv mit Benedikt von Nursia und seiner Regel beschäftigt hatten. Nicht jeder von ihnen entschied sich für das Ordensleben, aber auch diejenigen, deren Weg in eine andere Richtung führte, waren offenbar von der Erfahrung inspiriert, denn sie schickten ihre Freunde zu Pater Maximilian. Er lebte eine Weile mit den jungen Ägyptern, bis er Abt Jeremias von deren inzwischen konkreteren Wunsch erzählte, in der Region Kairo benediktinisches Leben zu verwurzeln.

Der Missionsabt unterstützt das Projekt Kloster auf Zeit, an dem fünf junge katholische Kopten unter der Leitung Pater Maximilians teilnehmen und die kleine Keimzelle des künftigen Klosters, bestehend aus Bruder Pius und Bruder Arsanius, die im Januar dieses Jahres im kenianischen Benediktinerkloster Tigoni ihr Noviziat begonnen haben. Das gemeinsame Ziel der Männer, die derzeit in einem Mehrfamilienhaus in Kairo leben ist, wie Pater Maurus Blommer, Missionsprokurator der Abtei St. Ottilien berichtet, „mittelfristig … einen Klosterbetrieb mit Landwirtschaft im Umland Kairos aufzubauen, um sich dadurch selbst versorgen zu können, wie das bei Benediktinern üblich ist“.

Für die koptisch-katholische Kirche, die größte katholische Kirche in Ägypten, die mit der koptisch-orthodoxen Kirche den Ritus teilt, ist dies ein Zeichen der Hoffnung, des Bleibens in einem Land, dessen christliche Wurzeln dank der auf den Evangelisten Markus zurückgehenden Missionierung bis ins erste Jahrhundert nach Christus zurückreichen. Zugleich stärken die Pläne, im Umfeld Kairos ein Benediktinerkloster zu errichten, die sich entfaltenden katholischen Strukturen. Da das koptisch-katholische Patriarchat erst 1895 gegründet wurde, stand zunächst einmal die Bildung von Gemeinden und deren Vernetzung im Vordergrund. Dass sich nun, in einer Situation der Verfolgung und nach der Ermordung zahlreicher Christen in den letzten Jahren gerade unter den jungen Katholiken der Wunsch nach benediktinischem Ordensleben regt, zeugt von der unzerstörbaren Hoffnung, die der Glaube ihnen gibt und von der Notwendigkeit, gerade diese stille aber wirkmächtige Form spirituellen Lebens in Ägypten zu verankern.

Abtpräses Schröder, der die junge Gemeinschaft schon mehrfach besucht hat, lotet derzeit, gestützt auf einen Beschluss des Kongregationsrates, bei den kirchlichen Autoritäten in Ägypten die konkreten Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für eine Klostergründung aus. Er traf hierzu u. a. mit Patriarch Ibrahim Ishaq Sitrack, dem Oberhaupt der koptischen Katholiken, zusammen.

Pater Maximilian Musindai ist voller Zuversicht, was die weitere Entwicklung angeht. „Der Eintritt unserer beiden Pioniere ins Noviziat ist ein Schritt in die richtige Richtung und ein Zeichen der Hoffnung“, sagt er und betont: „Unser Charisma wird von der ägyptischen Jugend wertgeschätzt. Wir hoffen, dass die klösterliche Ausbildung dieser jungen Männer gut fundiert sein wird, so dass sie [aus Kenia] zurückkehren und ihrerseits in der Ausbildung ihrer Landsleute helfen können.“

Dieses Vertrauen ist mit Sicherheit berechtigt, denn die Konvente der Missionsbenediktiner in Kenia setzten zwei Schwerpunkte, die auch für die geplante Gründung eines Benediktinerklosters in Ägypten wichtig sein werden. Zum einen betreiben sie eine breit gefächerte Sozialarbeit. Neben der Gründung von Primarschulen gehört dazu die Betreuung von Straßenkindern und natürlich die Leitung von Pfarreien, die so durch die typisch benediktinische Mischung aus geerdetem Gebetsleben und durchbeteter Arbeit geprägt werden. Zum anderen bieten die Brüder und Patres basisorientierte Formen der Neuevangelisierung an. Unter dem Motto „bible on the ground“ lesen die Benediktiner die Heilige Schrift gemeinsam mit den Menschen vor Ort mit afrikanischen Augen und sorgen so für eine tiefe Verwurzelung der frohen Botschaft. Sie gehen bei ihrer Arbeit dorthin, wo die Menschen sind. Das bedeutet, dass es unter den Brüdern auch einen gibt, der sich entschieden hat, mit den Nomadenstämmen zu leben, deren Kindern er mit seiner mobilen Schule ein wichtiges Bildungsangebot macht. Die Verbindung des Kennenlernens benediktinischen Ordenslebens mit seiner introvertierten Strahlkraft, die Befähigung, zeitgemäße und an den Menschen orientierte Formen der Neuevangelisierung einzusetzen, wenn die angehenden ägyptischen Benediktiner später einmal, in ihre Heimat zurückgekehrt, nach dem Grund ihrer Hoffnung gefragt werden und das fundierte Wissen ihres Mentors, Pater Maximilian, um islamische Lebens- und Glaubenswelten bietet eine ausgezeichnete Ausgangssituation für die Neugründung in Kairo. Dabei wird es hilfreich sein, sich bewusst zu machen, dass die afrikanischen Wüstenregionen mit ihren Mönchsvätern wie Cassian oder Pachomius ja gewissermaßen den geistigen Nährboden für Benedikt von Nursias Regel gebildet hat. Dennoch werden die ägyptischen Benediktiner eigene Akzente setzen, denn ihr Leben wird im Gegensatz zur anachoretischen koptischen Tradition stärker gemeinschaftlich geprägt sein.

Was die durchaus tiefgreifenden kulturellen Unterschiede zwischen dem Ausbildungskloster in Kenia und dem zu gründenden Konvent in Ägypten angeht, ist Pater Maximilian zuversichtlich, ihnen mit der Regel Benedikts Werkzeuge an die Hand geben zu können, die die Novizen befähigen werden, eines Tages die Verantwortung selbst zu übernehmen. Einer der Novizen hat die Regel dafür bereits ins Arabische übersetzt. Abt Jeremias ist begeistert von dem Engagement der jungen Benediktiner, die sich demnächst in Moqqatam, einer Vorstadt im Südosten von Kairo niederlassen werden. Bei der Frage nach dem Patron des neuen Klosters gibt es für den Abt kein Zögern: „Das muss der heilige Benedikt sein.“

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