Regensburg

Man kann Gott nicht zum Buhmann machen

Nicht jedes Ereignis lässt sich Gott anlasten. Der Mensch ist selber verantwortlich und sollte das bedenken.

Fernbus
Unterwegs im Fernbus und den Schlüssel vergessen? Gott ist nicht an allem Schuld. Foto: Arne Dedert (dpa)

Freitagabend, nach einer tollen ersten Woche beim Redaktionspraktikum in Würzburg fahre ich spontan heim nach Regensburg. Ganz stilecht sitze ich in meinen beinfreiheitslosen Sitz im randvollen Reisebus direkt hinter dem typischen „Ich lehne mich zurück egal ob es meinen Hintermann stört“-Mitreisenden und neben der „Jetzt erstmal ein schönes Zwei-Stunden-Telefonat führen“- Person.

Schlüssel vergessen

Wie immer bei meinen Reisen also. Doch dann, bei der Hälfte dieser entspannten Fahrt fällt mir auf: Schlüssel vergessen. Die Reise war damit vorbei. Ich konnte in Nürnberg aussteigen und zurück nach Würzburg fahren. Falls jemand wissen möchte, wie sich ein Schlag in die Magengrube anfühlt, genau so. Wütend blicke ich zum Himmel und denke mir nur „Warum hast du das zugelassen, Gott?“ Aber kaum hab ich dies zu Ende gedacht, habe ich es direkt bereut. Viel zu oft geben wir Gott nämlich die Schuld an irgendwas, sei es beim klassischen „Wieso hat der Wecker nicht geklingelt?“-Moment, beim Liegenlassen von Schlüsseln wie bei mir oder, jetzt brandaktuell, beim Vergessen der Maske.

Perfekt

Gott muss für all das herhalten. Er wehrt sich bekanntlich am wenigsten gegen solche Vorwürfe, dass macht ihn als Täter perfekt. Zumindest habe ich bisher noch keinen Blitz ganz im Zeus-Style abbekommen nach meinen Vorwürfen. Aber wenn wir dies machen, treiben wir ein Keil zwischen uns und Gott. Innerlich wissen wir, dass er nicht verantwortlich ist für die vielen kleinen Missgeschicke in unserem Alltag, aber wir wollen nur ungern zugeben, dass wir selbst die wahren Schuldigen sind. Wenn ich immer andere beschuldige, fast immer ist es halt unser perfekter Täter Gott, bin ich dann ja auch nie selbst verantwortlich für meine missliche Lage. Und wenn ich nicht selbst schuld an der Lage bin, lässt sich nichts zu einer Besserung beitragen in meiner eigenen Wahrnehmung. Ich muss also nichts tun, damit dies nicht noch mal passiert.

An die eigene Nase fassen

Irgendwann gewöhnen wir uns an, dass Gott verantwortlich ist für all unserer Wehwehchen, und das hinterlässt einen bleibenden schlechten Eindruck in unserem Gottesbild. Ein Eindruck, der unsere Beziehung zu Gott immer mehr belastet, was dazu führen kann, dass wir ihn meiden wie einen unliebsamen Nachbarn. Das sollte jeden von uns bewusst sein, wenn wir das nächste Mal mit unseren Alltagsproblemen zu tun haben. Gott ist unser Freund und wir sollten ihn genauso auch behandeln. Das bedeutet auch, dass ich nächstes Mal mir an die eigene Nase fassen muss und nicht noch mal Gott zum Buhmann mache, wenn mein Schlüssel wieder nicht in meiner Hosentasche ist. 

 


Der Autor, 26, studiert Theologie in Regensburg 

 

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