Münster

Junge Federn: Pandemische Sehnsucht

Der Kurs der katholischen Kirche in der Zeit der Corona-Pandemie wurde häufig kritisiert. Das verdunkelt den Blick auf die guten Erkenntnisse, die in diesen Tagen reifen.

Kirche in Corona-Zeiten
München: Eine Frau mit Mundschutz verfolgt einen Gottesdienst in der ansonsten fast menschenleeren St. Matthäuskirche. Foto: Sven Hoppe (dpa)

In vielen Beiträgen während der Pandemiezeit findet der Kurs der Kirche durch die Corona-Gewässer eine kritische, zuweilen gar aggressive Bewertung. Das verdunkelt den Blick auf die guten Erkenntnisse, die in diesen Tagen reifen. Der Psalmist betet: „Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Menschen, um zu sehen, ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht.“ (Psalm 14,2) – Wenn wir uns so von Gott anschauen lassen, dann kommen wir nicht umhin, nach dem Sinn zu fragen, der sich gerade auch in diesen schweren Zeiten finden lassen will.

Aus dem "Schlaf der Sicherheit" gerissen

Ich nehme wahr, dass viele Menschen aus dem besungenen „Schlaf der Sicherheit“ gerissen wurden. Dem Höher-Schneller-Weiter wurde eine Entschleunigung entgegengesetzt, die Hast des Alltags weicht einer Suche nach Innerlichkeit, in einer Kraft-durch-Lust-Gesellschaft entstehen die Fragen nach dem Angelpunkt, der unbewegt den Wandel aller Zeiten trägt. Zurückversetzt in die pandemische Einsamkeit entsteht die Sehnsucht, den „Seelengrund“ (Meister Eckhart) nicht länger auf einem leergeräumten Dachboden zu suchen.

Die Sehnsuchtssuche der Menschen wird zugleich Prüfstein kirchlichen Handelns. In den Worten Pauli: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thessalonicher 5,21) – Die entscheidende Frage lautet: Wo finde ich dieses „Mehr“, dass uns Jesus vermitteln will? Eine ermutigende Beobachtung mache ich in meiner Dresdner Heimat: Auch wenn viele Gremiensitzungen nicht mehr stattfinden konnten, hat sich die Zahl der sonst üblichen zwanzig Besucher einer Messe am Werktag auf bis zu siebzig erhöht: Nicht wenige kommen schon vorab zur Anbetung, die seit wenigen Wochen gehalten wird. – Wie bei den zur Anbetung schreitenden Griechen im Neuen Testament lautet der bewusste oder unbewusste Ruf der Stunde: „Wir möchten Jesus sehen!“ (Johannes 12,21) – Was sollten wir tun, als ihn zu zeigen!?

Unsere Sehnsüchte in Gottes Hand

Diese Erkenntnis hat sodann auch etwas Befreiendes: Weder haben wir die Sehnsüchte der Zeit selbst gemacht, noch wären wir selbst ihr Gegenstand. Allenfalls können wir Mittler sein und Zeugen der Hoffnung, die uns erfüllt. Vom Heiligen Papst Johannes XXIII. wird berichtet, er habe sich einmal vor den Spiegel gestellt und gesagt: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig, du bist doch nur Papst!“ – Von der Liebe Christi gedrängt brauchen wir nichts als Vertrauen, dass unsere Sehnsüchte nirgends besser liegen als in Gottes Hand.

Der Autor, 25, studiert Theologie in Münster

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