Köln

Junge Federn: Neues Leben regt sich im Mai

Der Mai war auch der Marienmonat. Die Zeit der Traurigkeit, des Regenfalls, ist vorbei. Das Zeitalter der Eva ist vorüber und stattdessen beginnt sich neues Leben zu regen in der unbefleckten Empfängnis unserer lieben Frau.

Madonna im Rosenhag
Die "Madonna im Rosenhag", eines der bekanntesten Bilder des Kölner Künstlers Stefan Lochner. Foto: Wikicommons

Eines der bekanntesten Bilder des Kölner Künstlers Stefan Lochner († 1451) ist „Madonna im Rosenhag“, irgendwann zwischen 1445 und seinem Tod fertiggestellt. Das Motiv ist dem Hohelied Salomos entnommen und wird traditionell als hortus conclusus, verschlossener Garten, wiedergegeben. In der Heiligen Schrift heißt es: „Ein wohlverschlossener Garten bist du, meine Schwester, meine Braut! Ein wohlverschlossener Garten, ein versiegelter Quell.“ Dieser Titel für die Gottesmutter symbolisiert ihre unbefleckte Empfängnis und die jungfräuliche Empfängnis unseres Herrn. Das ganze Hohelied beschreibt ja in euphemistischer und hochpoetischer Sprache die Liebe zwischen Braut und Bräutigam; Maria ist als verschlossener Garten noch ganz intakt, jungfräulich, und doch hält sie in ihren Armen den heiligen Infanten.

Die ganze Schöpfung jubelt dem Schöpfer zu

Aber mehr noch lässt sich interpretieren: Maria wird bereits von den Kirchenvätern als „Neue Eva“ bezeichnet, worauf auch die marianische Antiphon Salve Regina und der marianische Hymnus Ave maris stella hindeuten. Während Adam und Eva nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben worden sind, thronen unsere liebe Frau und unser lieber Heiland in Lochners Bild in vollkommener Eintracht in diesem Garten. Alle Elemente der Bildkomposition, von der Auswahl der Blumen bis zu den abgebildeten Vertretern des Tierreichs, weisen auf die hervorragende Stellung der Gottesmutter hin. Und doch: Obwohl Maria ganz klar das Zentrum des Gemäldes bildet, blickt sie hinab auf ihren göttlichen Sohn – per Mariam ad Jesum.

Mitte Mai, nachdem die Eisheiligen vorüber gezogen waren, wurde wahr, was uns das Hohelied an anderer Stelle sagt: „Schon ist der Winter vorüber, der Regen hat aufgehört und ist vergangen; schon erscheinen die Blumen in unserem Lande.“ Die ganze Schöpfung jubelt ihrem Schöpfer zu, der sie gemäß der Vernunft, der Rationalität, also dem lógos geschaffen hat.

Zur Betrachtung der Jungfrau Maria inspiriert

Der Mai war auch der Marienmonat. Diese Verbindung existiert ebenfalls seit der Zeit der Kirchenväter. Der Monat, welcher der Mutter Gottes geweiht ist, entspricht besonders den Gedanken, die im Hohelied verarbeitet sind. Die Zeit der Traurigkeit, des Regenfalls, ist vorbei. Das Zeitalter der Eva ist vorüber und stattdessen beginnt sich neues Leben zu regen in der unbefleckten Empfängnis unserer lieben Frau. Ludger Schwienhorst-Schönberger formuliert es so: „Das Land blüht wieder auf […]. Die Zeit der Liebe ist da.“

Gerade als Gärtner und Christ fasziniert mich diese Überschneidung: wie sehr der natürliche Lauf der Dinge auf die göttlichen Geheimnisse und die Lehre der Kirche hinweist. Vielleicht lassen ja auch Sie sich durch die Betrachtung der Natur zur Betrachtung unserer Mutter, der Jungfrau Maria, inspirieren.

Der Autor, 24, studiert Theologie in Münster

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