Graz

Gehorsam zeigen

Bis vor kurzem habe ich ohne mit der Wimper zu zucken ein halbes Jahr vorher Züge und ähnliches gebucht. Dass da etwas dazwischen kommen könnte, lag außerhalb meines Denkhorizontes.
Gehorsam zeigen

Bis vor kurzem habe ich ohne mit der Wimper zu zucken ein halbes Jahr vorher Züge und ähnliches gebucht. Dass da etwas dazwischen kommen könnte, lag außerhalb meines Denkhorizontes. Ich bin auch dafür bekannt, schon jetzt meine Assistentinnen zu bitten, ob sie in zwei Wochen um 17 Uhr mit mir an einem bestimmten Ort zur Toilette gehen können. Manche Leute wundern sich, wie ich das so genau planen kann. Aber bis jetzt war mein Leben ziemlich geregelt und es ist wenig dazwischengekommen.

Corona hat mich schon eines Besseren belehrt und ich bin etwas vorsichtiger geworden mit meinem Planungen. Und jetzt liege ich plötzlich im Krankenhaus und kann nicht mal mehr meine nächsten fünf Minuten planen oder einschätzen.

„Magst du ein Marmeladenbrot zum Frühstück?“ „Ich weiß es nicht, ich muss probieren, ob es geht. – Nein. Lieber nur Butterbrot. Und nur ganz kleine Stücke.“

„Kannst du dich aufsetzen?“ „Wir müssen es probieren. – Nein, ich werde schwindlig und lege mich doch lieber wieder hin.“

Was an einem Tag geht, geht am anderen nicht, dann doch wieder. Ich kenne mich und meinen Körper nicht mehr. Muss mich jede Minute neu darauf einlassen. Muss ihm gehorsam sein.

Ich werde zu einer Geburtstagsfeier eine Woche später eingeladen. Da bin ich bestimmt wieder gesund. Ich sage zu. Inzwischen bin ich zwar nicht mehr im Krankenhaus, aber merke doch, dass ich noch ein bisschen schwach bin. Ich sage die Geburtstagsfeier also wieder ab. Muss wirklichkeitsgehorsam sein, wie der heilige Ignatius sagen würde. Eine ganz neue Dimension der Abhängigkeit und des Gehorsams tut sich mir auf. Und ich lerne langsam, in der Gegenwart zu leben und keine Pläne zu schmieden.

Ich lese ein Auferstehungs-Evangelium. Die Jünger erkennen Jesus an den Wunden. Jesus, lehre mich, nicht nur zu hoffen und zu beten, dass es bald wieder gut ist, sondern durch meine Schwachheit und meine Wunden deine Herrlichkeit und dein Reich durchstrahlen zu lassen und zu glauben, dass das eine Wirkung hat, auch wenn ich äußerlich gesehen gerade nichts tun kann und ziemlich nutzlos bin.


Die Autorin ist Pastoralreferentin in Graz

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24.09.2021, 10 Uhr
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