Würzburg

Junge Federn: Herzlos ins Himmelreich?

Die Debatte um die Organspende rührt am Kern des christlichen Glaubens: Um welchen Preis sollten und dürfen wir unser irdisches Leben verlängern beziehungsweise unser Sterben hinauszögern, wenn doch Gott den Tod vernichtet und uns die Hoffnung auf das ewige Leben geschenkt hat?

Organspende
Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen. (Symbolbild) Foto: Soeren Stache (dpa)

Die Ablehnung der doppelten Widerspruchslösung durch den Deutschen Bundestag, dessen Debatte ich zum ersten Mal in meinem Leben im Live-Ticker mitverfolgte, hat bei mir für große Erleichterung gesorgt: Nun kann ich meinen, für den entgegengesetzten Fall geplanten Besuch im Tattoo-Studio zur eindeutigen und zweifelsfreien Kenntlichmachung meines Widerspruchs zumindest vorerst wieder absagen. Per Gesetz voraussetzen zu wollen, dass alle Bürger ab 16 Jahren ihre Organe nach der Hirntoddiagnose zur Entnahme bereitstellen wollen, das wäre schon sehr abenteuerlich gewesen. In diesem zarten Alter war es den jungen Bürgern ja noch nicht einmal vergönnt, Organe wie Leber und Lunge selbstbestimmt und rechtmäßig durch Drogenkonsum zu schädigen.

Emotional und existenziell aufgeldene Debatte

Spaß beiseite, natürlich ist die Debatte um Organspenden in Deutschland eine wichtige und ernste Angelegenheit, die, so zeigten es die Debattenbeiträge, sowohl emotional als auch existenziell höchst aufgeladen ist. Mein erhöhtes Interesse für die jüngste Organspendedebatte hängt jedoch vor allem mit meinem Glauben, nicht zuletzt an die leibliche Auferstehung zusammen. Kann man im Himmelreich herzlos glücklich werden? „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37) könnte die passende Antwort sein, gerade weil diese Aussage aus dem Geschehen der Bewegung Gottes ins Menschsein herrührt.

Es gibt aber noch weitere Fragen, die an den Kern unseres Glaubens führen: Um welchen Preis sollten und dürfen wir unser irdisches Leben verlängern beziehungsweise unser Sterben hinauszögern, wenn doch Gott den Tod vernichtet und uns die Hoffnung auf das ewige Leben geschenkt hat? Welche Bedeutung weisen wir dem Versagen lebenswichtiger Organe auf der Suche nach dem göttlichen Willen zu, ohne dabei einem unmenschlichen und lebensfremden Fatalismus anheimzufallen?

Verpflichtende und frühzeitige Patientenverfügung

Die Antwort auf diese Fragen fällt, wie die Abstimmung im Deutschen Bundestag, in die Kategorie „Gewissensfragen“. In der Bundestagsdebatte wurde gefragt, ob es nicht gerechter wäre, wenn alle potenziellen Organspendeempfänger automatisch zu potenzieller Organspende verpflichtet würden. Wenn wir dieser Fragestellung folgen, dann verändert sich die Perspektive. Wer ein Spenderorgan empfangen möchte, der muss auch bereit sein, im Falle des Falles selbst ein Organ zu spenden. Somit wäre es sinnvoller, über eine verpflichtende und frühzeitige Patientenverfügung nachzudenken, die auch die Frage einer Organtransplantation beantwortet. Diese Frage ist nicht leichter, auch nicht für Christen, denn der christliche Glaube an die Liebe Gottes, die die Hoffnung auf das ewige Leben nährt, hält nicht fertige Antworten parat, aber er kann der Entscheidungsfindung im Ringen mit Gott, dem Herrn über Leben und Tod eine gelassene Ernsthaftigkeit verleihen.

Der Autor, studiert katholische Fachtheologie in Salzburg

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