Würzburg

Junge Federn: Dünne Decke der Zivilisation

Katholiken dürfen in diesen Tagen nicht die Hoffnung fahren lassen, sondern müssen Gegenakzente setzen: Mehr Solidarität und Mitgefühl sind gefragt.

Kirche zu Ostern
Katholiken dürfen in diesen Tagen die Hoffnung nicht verlieren und sollten stattdessen Mitgefühl und Solidarität zeigen. Foto: Marcus Brandt (dpa)

„Und immer wenn eine Krise die Gesellschaft bedroht, wie eben jetzt, zeigt sich, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Sie reißt an vielen Enden.“ Der Satz stammt nicht von mir und man hat ihn auch nicht erst in diesen Tagen ausgesprochen. Die Schriftstellerin Christa Wolf schrieb ihn in der Zeit um die Jahrtausendwende. Das war die Zeit, als die erste Einheitseuphorie vorbei war und Ost und West des vereinigten Deutschlands sich fremd blieben. Es war die Zeit, als man sogenannte Karriere-Frauen den sogenannten Haus-und-Heim-Frauen gegenüberstellte. Es war auch die Zeit, als der Kosovo-Krieg die Deutschen vor die Zwickmühlen europäischer Friedenspolitik stellte.

Die globalisierte Welt wird herausgefordert

Nun, 2020, ist die Decke der Zivilisation erneut dünn geworden. In der Stunde, in der ich diese Zeilen schreibe, beherrscht der Corona-Virus die Schlagzeilen. Die globalisierte Welt wird herausgefordert von einer kleinen organischen Struktur, die nicht Halt vor Kontinent, Ländergrenzen, Person oder Ansehen macht, um sich einzunisten und manchen Körpern leichte bis schwere Krankheitsverläufe zu bringen. Viren infizieren Tiere, Pflanzen und Mensch gleichermaßen und können sich nur in lebendigen Zellen fortpflanzen. Ohne Wirt können sie nicht überleben. Wenn man überhaupt von einer lebendigen chemischen Struktur sprechen will. Nicht wirklich lebendig und nicht wirklich tot. Das ist die Bedrohung unserer Tage. Die Decke der Gesellschaft unserer Zeit ist durch diese unerwartete Bedrohung ganz dünn geworden. Unsere Gesellschaft spannt sich – zum Zerreißen nahe.

Das ist der Fall, wo Atemschutzmasken aus einer Intensivstation für Kinder gestohlen werden. Oder dort, wo Betrunkene Polizisten anspucken mit der Ansage, sie hätten Corona. Oder wo Trickbetrüger ahnungslose Großmütter anrufen und ihnen Angst und Schrecken einjagen, ihr Enkel sei von der Krankheit betroffen. Die Zerrissenheit zeigt sich in den Supermärkten der Republik, wo (aus unerfindlichen Gründen) Klopapier und Nudeln gehamstert werden, um ja nicht zu kurz zu kommen. Die Decke ist dort am Reißen, wo feierwütige Jugendliche „Corona-Partys“ feiern, weil sie nichts Besseres zu tun wissen in dieser durch Zwang bewirkten schulfreien Zeit und aus der tumben Haltung heraus, ihnen könne doch nichts passieren, sie seien nicht verwundbar. Eine Gesellschaft, die bis zum Reißen gespannt ist, ist wie ein Virus: gefährlich und nicht wirklich lebendig.

Priester schließen Gläubige ins Messopfer ein

Wieder wirklich lebendig zu leben, ist der Wunsch eines jeden Kranken. Katholiken dürfen in diesen Tagen erst recht nicht die Hoffnung fahren lassen, sondern müssen Gegenakzente setzen: wieder mehr Solidarität und Mitgefühl zeigen. Und jeder darf wissen: Die Priester schließen die Gläubigen in das Heilige Messopfer mit ein. Trotz physischer Abwesenheit.

Der Autor, 27, ist Priester im Bistum Regensburg

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